Ausgabe 2/1999   Mar. / Apr.


Ohne Windschutzscheibe wächst die Bürgernähe

Polizisten auf Mountainbikes und in flotter Kleidung sorgen für Aufsehen/Manchmal schneller als Streifenwagen

„Könnte ruhig etwas wärmer sein", stößt Polizeioberkommissar Friedrich Kurtz hervor, während sich kleine Kondenswölkchen vor seinem Mund bilden und er einen Gang höherschaltet. Flott geht es die Eschersheimer Landstraße hoch Richtung Grüneburgpark, vorbei an verdutzten Passanten und höflich wartenden Autofahrern. Jetzt die Fahrspur wechseln, Handzeichen nicht vergessen, zwischen zwei Pollern durch und mit Klingelzeichen den Hund vom Radweg verscheuchen. Der Wind pfeift, aber zum Glück regnet es nicht. Denn Kurtz und sein Kollege Polizeiobermeister Andreas Fischer sitzen nicht im bequemen Streifenwagen, sondern auf einem sportlichem Mountainbikesattel. Statt aufs Gaspedal wird in die Pedale getreten.

Eben erst hat sich der kalte Januarnebel aufgelöst, und wer auf den Straßen der Frankfurter Innenstadt unterwegs ist, hat sich mit Mantel und Schal wenigstens warm eingepackt. Aber auch die Fahrradstreife der Direktion Sonderdienste ist für das Wetter gut gerüstet. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich Frankfurter Polizisten noch in normaler Uniform auf den Drahtesel mit Rücktrittbremse und Gesundheitslenker geschwungen haben – dank einer 30.000 Mark-Spende der „Gesellschaft Bürger und Polizei für mehr Sicherheit".

Statt in weiten Khakihosen stecken die trainierten Polizistenbeine seit November nun in enganliegenden, schwarz-grünen Stretchhosen, über die sich in ganzer Länge seitlich die Aufschrift Polizei" zieht. Den Oberkörper schützt über der Thermounterwäsche ein windabweisender, knallgrüner Anorak. Über den ganzen Rücken läuft zur Sicherheit nochmals der „Polizei"-Aufdruck – nur falls jemandem die sonst meist unter der Uniformjacke verborgene Dienstwaffe nicht aufgefallen ist. Die obligatorische Schildmütze mußte dem aerodynamischen schwarz-weiß gestreiften Sturzhelm weichen, die Augen schützt eine geschwungene Kunststoffbrille, wie sie sonst amerikanische Basketballstars tragen.

In deutlich unter zehn Minuten haben es Kurtz und Fischer auf ihren silberglänzenden 24-Gang Mountainbikes von der Zeil bis in den Grüneburgpark geschafft. „In dichtem Verkehr sind wir mitunter schneller als die Streifenwagen", sagt Kurtz, während er nun gemächlich durch den Park rollt. Der Oberkommissar ist Koordinator der aus rund 40 Polizisten bestehenden Fahrradtruppe, die sich auf die Innenstadtreviere und die Direktion Sonderdienste verteilt. Aber eigentlich geht es nicht um Geschwindigkeit, sondern um mehr Bürgernähe, um eine „neue Polizei", modern ausgestattet und nicht mehr durch die Windschutzscheibe vom Geschehen auf der Straße getrennt.

„Gucken, schauen, gucken, wie bei einer regulären Streife", erklärt Kurtz, während sein Blick über die Grünfläche schweift. Plötzlich knackt es im Funkgerät: „Ist eine Fahrradstreife in der Nähe vom Grüneburgpark unterwegs?" Kurtz gibt seine Position durch: „Parkeingang Siesmayerstraße." „Paßt super", freut sich der Beamte von der Funkstreife, die gerade einen Drogendeal beobachtet hat. Eine kurze Personenbeschreibung folgt, während die beiden Beamten schon wieder durch den Park strampeln. Vor allem in Parks, Anlagen und auf der Zeil ist die schnelle, bewegliche Mountainbiketruppe im Vorteil gegenüber den Streifenwagen.

Ein Pfosten oder eine schöne Verkehrsberuhigung – da ist es aus für den Funkwagen", meint Kurtz. Doch heute bleibt die Suche erfolglos, es geht zurück in die Innenstadt. Drei bis vier Stunden ist die Fahrradstreife meist unterwegs, je nach Wetter und immer freiwillig, wie Fischer betont. Also kein Radeln nach Dienstvorschrift, sondern nach Wetter und Kondition. Auf dem Reuterweg geht es jetzt nur langsam voran, die Autos parken kreuz und quer. Einer steht so dreist auf dem Radweg, daß Kurtz anhält und den Knöllchenblock zückt. „Das ärgert einen dann schon, gerade wenn man selbst auf dem Rad sitzt", sagt Kurtz. Klar, fügt Fischer hinzu, daß es gerade von den Radfahrern viel „positives Feedback" für die Mountainbiketruppe gibt.

Noch stehen nur 20 Räder in den Innenstadtrevieren bereit. Um genügend „positives Feedback vom Bürger" – laut Polizeisprecher Peter Öhm die Voraussetzung für eine eventuelle Ausdehnung des „Feldversuchs" – braucht sich die Frankfurter Polizei aber kaum zu sorgen. Wie bunte Hunde fallen die beiden Polizisten auf ihren Mountainbikes auf, während sie im Schrittempo über die Freßgass rollen. Fast jeder Kopf dreht sich um, Kinder zeigen mit den Fingern. „Wow", ruft ein anderer Radler, und selbst die stets im Laufschritt vorbeihechtenden Banker halten kurz inne. „Guck mal, wie fesch", flüstert die junge Frau ihrer Freundin zu, während ihr musternder Blick einmal von oben nach unten wandert, „die Polizei kann ja richtig schick sein."

Thomas Schulz,
Frankfurter Rundschau
vom 27.1.99

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