Friede!
Oder: Von der segensreichen Wirkung des Griffs an die eigene Nase

Seit Wochen tobt der Streit in den Medien. Ist das Krieg oder ist das kein Krieg. Nein, es geht dabei nicht um die Verkehrssituation in Frankfurt, sondern um den Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Man ist sich nicht einig, ob das ein Krieg ist. Andere sind da weniger zimperlich. Immer wieder wird von interessierter Seite der Krieg auf unseren Straßen ausgerufen, mit Vorliebe natürlich im Sommerloch. Nun ist es keineswegs so, dass die Zahl der Verkehrstoten und Verletzten den Vergleich scheuen müsste mit realen Kriegen. Aber das ist es ja nicht, was die Bläser der Kriegsfanfaren meinen. Sie zielen auf die Vielzahl der alltäglichen Konflikte zwischen den Verkehrsteilnehmern und versuchen daraus Funken zu schlagen. Die Rolle der Bösen ist dabei gesetzt, es sind immer die Radfahrer.

Natürlich gibt es auch die Anderen. Für die sind die Bösen immer im Auto unterwegs. Neulich erhielt ich einen Brief von einem ADFC-Mitglied aus Wiesbaden. Er beschwerte sich, dass ich mich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung klar gegen das ausufernde Radfahren auf Gehwegen ausgesprochen hatte. Das tat ich nicht zum ersten Mal und ich sprach über Frankfurt und nicht über Wiesbaden. Der Brief gipfelte nach einem langen Sündenregister der Autofahrer in dem Vorwurf, der ADFC helfe mit, „die Radfahrer vom Bürgersteig auf die Straße zu treiben“, er unternähme aber nichts gegen die Gefährdung durch die Autofahrer. Am anderen Ende des Spektrums stehen diejenigen, die sogar jede Form von Radweg als Zugeständnis an die Autolobby ablehnen, weil die Separation nur dazu diene, die Fahrbahn für die freie Fahrt der Autofahrer zu räumen.

Es ist das alte Leid dieser Diskussion, dass dabei nicht zur Kenntnis genommen wird, dass es keine andere Gruppe von Verkehrsteilnehmern gibt, die derart heterogen ist. Die Bandbreite geht vom Kind auf dem Spielrad bis zu hoch betagten Senior/innen.
Für dieses Gemisch unterschiedlichster Interessen gibt es keine Patentlösung. Ein guter Teil derer, die in den letzten Jahren das Fahrrad neu für sich entdeckt haben, ist in einer Zeit aufgewachsen, in der das Modell der autogerechten Stadt lange Zeit als das einzige mit Zukunft erschien. Viele haben nie richtig gelernt, sich im Gewimmel der Großstadt mit dem Fahrrad regelgerecht fort zu bewegen. Ich selbst bin in den 50er-Jahren als kleiner Junge noch ganz selbstverständlich mit dem Fahrrad auf der Straße unterwegs gewesen zur Schule oder zum Schwimmbad und sozusagen an den Anforderungen des explodierenden Autoverkehrs gewachsen. Wer in dieser Zeit nicht regelmäßig „geübt“ hat, muss diesen Lernprozess erst mühsam nachholen. Die Jüngeren sind nicht besser dran. Sie sind groß geworden mit dem ständigen Warnruf der Eltern im Ohr: „Achtung Auto!“ Die wenigsten Eltern nehmen sich die Zeit, mit ihren Kindern das richtige Verhalten mit dem Fahrrad im Verkehr zu üben. Wie denn auch, wo sie ihn häufig selbst nur aus der Windschutzscheibenperspektive kennen.

Dass es trotzdem so viele sind, die in den letzten Jahren das Fahrrad neu entdeckt haben, macht Hoffnung, aber auch Probleme. Der Ausbau einer fahrradfreundlichen Infrastruktur geht noch immer viel zu langsam voran. Die Menschen wollen aber nicht warten auf bessere Zeiten. Sie satteln jetzt um, und das ist gut so. Einerseits.
Anderseits ist unübersehbar, dass dieser positive Trend im Moment noch stark zu Lasten der Fußgänger geht. Die wehren sich verstärkt und das mit Recht. Besonders kritisch beäugt werden die flotten Radfahrer, denen es auf den voller werdenden Radwegen nicht schnell genug voran geht, die aber zumindest auf den Hauptverkehrsstraßen in den meisten Fällen auch nicht auf die Fahrbahn ausweichen dürfen, weil für die dortigen Radwege noch immer regelmäßig die Benutzungspflicht angeordnet wird – erkennbar an den bekannten blauen Schildern.

Wo diese fehlen, darf es sich der Radfahrer aussuchen, ob er auf dem Radweg oder der Fahrbahn fährt, eine Regelung, die leider gerade bei Autofahrern noch immer viel zu wenig bekannt ist, obwohl sie bereits vor zwölf Jahren eingeführt wurde. Das führt immer wieder zu wütenden Hupkonzerten von Autofahrern, die Tempo 50 nicht als innerstädtische Höchstgeschwindigkeit ansehen, sondern eher als Mindestgeschwindigkeit.

Fatalerweise gibt es eine nicht gerade kleine Gruppe von Radfahrern, die sich auf den Radwegen genauso verhält. Wer mit ihrem höheren Tempo nicht mithalten kann, wird als Hindernis betrachtet und rücksichtslos von links und rechts bedrängt. Der Gehweg dient dabei gerne als Überholspur, selbst wenn dabei Fußgänger in engstem Abstand passiert werden. Ich kenne viele Radler, die sich höllisch aufregen würden, wenn sie von Autofahrern mit dem Abstand überholt würden, den manche bei Fußgängern und Zweiradkollegen für angemessen halten.

Gefährlich wird es, wenn in diesem Gewimmel dann auch noch „Geisterfahrer“ auftauchen. Viele wissen gar nicht, dass die Benutzung eines Radwegs auf der linken Straßenseite aus gutem Gund mit wenigen Ausnahmen verboten ist. Sie setzen nicht nur sich selbst einem vielfach erhöhten Unfallrisiko aus, sondern auch die anderen Verkehrsteilnehmer, vor allem wenn sie mit unangepasster Geschwindigkeit unterwegs sind. Die wichtigsten Unfallschwerpunkte der letzten Jahrzehnte in Frankfurt standen fast immer in Zusammenhang mit der illegalen Benutzung eines Radwegs auf der falschen Fahrbahnseite.

Dass sich Fußgänger gegen die illegale Nutzung der Gehwege durch andere Verkehrsteilnehmer wehren, ist nachvollziehbar. Aber auch sie sind keineswegs frei von Fehlverhalten. Für Radfahrer ist die weit verbreitete Missachtung ihrer Wege durch Fußgänger ein ständiges Ärgernis. Wer diese darauf anspricht, erntet oft Verständnislosigkeit oder erlebt agressive Ausfälle, wie sie sonst eher Falschparkern auf Radwegen eigen sind.

Es ist nicht einfach, dieses emotionsgeladene Knäuel zu entwirren, zumal sehr unterschiedliche Interessen im Spiel sind. Wir alle werden lernen müssen, mit dem zunehmenden Radverkehr zu leben, denn eines ist kaum zu bestreiten: Die Stadt und mit ihr alle Bürger profitiert davon, wenn mehr Leute ihre Wege mit dem Fahrrad zurücklegen statt mit dem Auto.

Diese positive Entwicklung ist noch lange nicht am Ende. Damit alle davon profitieren können, empfiehlt sich für alle, die gerne auf andere schimpfen, ein beherzter Griff an die eigene Nase. Dem Frieden auf unseren Straßen kann das nur gut tun.
Das ist jedenfalls die Meinung von

Fritz Biel )Text und Fotos)

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15 April, 2012 I ADFC Frankfurt am Main e. V. Impressum | Kontakt