Eine Tour an der Ruhr
Die Ruhr soll ja jetzt grün sein, nicht mehr grau wie früher. Davon wollen wir uns persönlich überzeugen.

Also fahren wir (meine Frau Barbara, ich und unsere Fahrräder) an Fronleichnam 2009 mit der Bahn von Bad Homburg nach Koblenz. Es sind reichlich Räder im Zug ab Frankfurt, darunter sogar ein Tandem. Damit will eine junge Frau mit ihrem blinden Freund ab Niederlahnstein die Lahn aufwärts fahren. Ob ihr klar sei, dass sie mindestens ein weiteres Mal die Bahn benutzen müsse, frage ich sie. Ja, das sei ihr bekannt.

Ein mehrfaches „Hoch!“: dem Erfinder des Tandems; der Bahn, die so etwas transportieren kann; den Mitreisenden, die beim Ausstieg helfen; vor allem aber der jungen Frau, gegen deren Einsatz manch sogenannter „Leistungsträger“ blass und klein wirkt.

Ab Koblenz wird geradelt. Wir erreichen Remagen-Kripp direkt an der Rheinfähre nach Linz. In Kripp gibt es einen kleinen Laden für schwimmende Kleinkinder mit verschiedenen Modellen von Enten aus Kunststoff – eine echte Marktlücke.
Am Folgetag geht es weiter über Bonn und Köln. Wir erreichen Leverkusen und suchen unser gebuchtes Nachtquartier. Das soll in Leverkusen an einem Rheinhafen liegen. Wir fragen; zunächst weiß niemand, wo der Rhein ist, nur die Flüsse Wupper und Dhünn kennt man. Das verblüfft uns doch ein wenig. Schließlich schickt uns jemand zurück Richtung Rhein in den Vorort Hitdorf. Wir sehen: Die Wupper ist dicker als die Dhünn. (Alles andere wäre ja auch seltsam). In Hitdorf beziehen wir das Orchideen-Zimmer in einem Künstlerhof. Esoterische Getränke und Obst sind billig oder gratis, Weizenbier dagegen kostet ein kleines Vermögen. Wir essen in einem zum Café umgebauten Hafenkran.

In Düsseldorf bekommen wir Gesellschaft: Emil aus Frankfurt, Gerhard aus dem Saarland und Gernot aus dem Rodgau stoßen dazu. Rüdiger erscheint mit Verspätung, denn seine Tochter, die ihm den Weg zeigen soll, hatte eine Panne und brauchte ein Leihrad. Noch später kommen Walter und Alfred aus Liederbach am Taunus. Ihre Räder samt Dachträger wären fast auf der Autobahn gelandet. Das Heck ihres Autos hat sie gerettet, allerdings auf Kosten einer großen Beule. Ihre Mountain-Bikes haben keine Gepäckträger, sie müssen sich mit einem einachsigen Anhänger behelfen. Wir sind jetzt acht Radler mit 17 Achsen.

In der Düsseldorfer Innenstadt ist großer Trubel, lauter maskierte oder geschminkte Leute mit gefärbten Haaren und viele Japaner. Ist hier immer Karneval? Wir geraten ins Gewühl und verlieren uns für längere Zeit aus den Augen. Auch in Duisburg am Hafen wird groß gefeiert. Es gibt historisches Gemäuer aus dem Mittelalter und einen Fluss namens Ruhr, dessen Ufer grün sind, nicht grau. Unser Tagesziel heißt Mülheim. Abends geht es in Erikas Frittenladen, berühmt durch Funk und Fernsehen. Die Ruhr ist immer noch grün.

Nach dem Frühstück stellt Barbara fest, dass ihr Freilauf nicht mehr funktioniert. Die Kette wird ständig nach vorne geschoben. Der Radladen am Mülheimer Bahnhof ist ratlos und hat nur Leihräder. Emils und Gerhards Räder knacken erbärmlich. Walters Schnellspanner ist kaputt. Rüdigers Ständer wackelt bedenklich. Alfred fliegt mangels Kotflügeln der Schmutz um die Ohren. Nur der Anhänger hängt und läuft und läuft.... 
„Fahrradfreundliche Stadt Essen“ steht auf einem Schild am Ruhr-Radweg. Vor Jahren bekam Essen als fahrradfeindlichste Stadt vom ADFC die „Rostige Speiche“ verliehen. Ist das Schild berechtigt oder nur eine Trotzreaktion? Der Ruhr-Radweg jedenfalls ist sehr gut. Wir kommen an den Baldeney-See. Renn-Ruderer Rüdiger ist begeistert und hätte fast sein Fahrzeug gewechselt. Wir diskutieren Lösungen, um auch Ruderern das Vorwärts-Fahren zu ermöglichen, vergeblich. Die Stadt Hattingen wird besichtigt. Eine kostenlose Fähre über die Ruhr bei der Ruine Hardenstein verkürzt den Weg nach Wetter um 2 km. Der Ruhrtal-Express, ein alter Schienenbus, überholt uns. Es geht nach Hagen in eine Pension hoch am Berg.

Am nächsten Morgen lässt der Kaffee auf sich warten. Er ist handgefiltert; eine Kaffeemaschine gibt es nicht, das hat die 83-jährige Inhaberin so verfügt. Am Ortseingang von Schwerte gibt es ein Radgeschäft. Barbaras Rad wird innerhalb einer Stunde repariert. Gerhard kauft sich neue Pedale, erfolglos: sein Rad knackt immer noch. Alfred lässt sich „Dirt Blades“ montieren, erfolgreich. Es ist Schützenfest in Fröndenberg mit Musik und Ringelpietz. In Neheim mündet die Möhne in die Ruhr. Gerhard braucht ein neues Tretlager und besucht einen Radladen. Der Chef persönlich muss sich um sofortige Bedienung kümmern, sein Personal zögert zunächst und zieht sich seinen geballten Zorn zu, personelle Konsequenzen nicht ausgeschlossen. Es geht weiter, einmal um Arnsberg herum zum Heim des Sauerländischen Gebirgsvereins hoch am Berg. Für die nächste Übernachtung wird uns das Schullandheim der Stadt Bochum in Winterberg empfohlen. Es lebt sich sehr gut, abends im Heim des SGV.  
Morgens geht es zunächst in die Arnsberger Altstadt. Emil kauft sich eine aktuelle Radkarte, meine sind ihm zu alt. Sein Rad knackt plötzlich nicht mehr. Rüdigers Ständer bricht auf dem Marktplatz endlich in sich zusammen und wird entsorgt. Es geht weiter Richtung Ruhrquelle. In Meschede fährt man an einer sehr lauten Straße, das ist aber eine Ausnahme. In Olsberg wird ausgeruht und gegessen. Wir kündigen dem Schullandheim in Winterberg unsere Ankunft an. Für acht Radler nimmt der Hausmeister sein Haus in Betrieb. Abendessen gebe es nicht, aber für Frühstück könne er sorgen. Wir teilen uns auf: vier fahren weiter im Tal der Ruhr an deren Quelle vorbei; die anderen vier bevorzugen das Tal mit der Bahnlinie und fahren an der Neger nach Winterberg. (Oder heißt es „an dem Neger“?). Es regnet zeitweise und wird deutlich kälter. Das Landschulheim der Stadt Bochum liegt genau auf der Wasserscheide zwischen Rhein und Weser auf 750 Meter Höhe am Kahlen Asten. Der Hausmeister ist ein echter Typ und besorgt sofort einen Kasten Bier. Es ist  draußen bitter kalt. Wir essen amerikanisch in einer großen Holzhütte. 

Außer uns ist am nächsten Morgen nur eine Frühstücksfee und der Hausmeister in dem großen Gebäude. Vor dem Frühstück gibt er ein Ständchen und singt zu seinem original Kärntner Akkordeon das Lied von den lustigen „Holzhackerbuam“. Danach muss er zu seiner Baustelle: er deckt Schieferdächer. Mein Respekt für die Stadt Bochum und Herbert Grönemeyer wächst beträchtlich.

Dann 21 km bergab nach Bad Berleburg. Der Bahnhof hat nur einen Notzugang. Es gibt keine Fahrkarten. Der Automat im Zug geht nur begrenzt. In Erndtebrück wird umgestiegen. Sechs von uns steigen in Bad Laasphe aus und fahren an die Lahn. Barbara und ich fahren ohne Fahrkarte weiter nach Marburg. Ich muss im Zug nachlösen, bin aber nicht sicher, ob ich den richtigen Startbahnhof noch wusste. Wir fahren über Friedberg nach Friedrichsdorf und dann per Rad nach Bad Homburg.
Krönender Abschluss: Kurz vor Bad Homburg trifft Barbara ihre Arbeitskollegin. Sie geht zu Fuß und sucht ihre Schuhe, die sie auf dem Dach ihres Autos liegen gelassen hat. Dort konnten sie sich leider nicht lange halten... Mit einem Fahrrad wäre das nicht passiert!

Günther Gräning

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15 April, 2012 I ADFC Frankfurt am Main e. V. Impressum | Kontakt