Frankfurt bei Nacht

Ein Rad-Event der Extraklasse

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Auf dem Römerberg nachts um halb neun: In der Abenddämmerung drängeln sich 132 Radlerinnen und Radler auf dem Platz. „Frankfurt bei Nacht“ ist ange-sagt. Es wird geraunt von Unterwelt und Glitzern der Großstadt. Aber noch weiß niemand, wohin die Tour geht.

Schon am Fahrtor, mit der ersten grünen Ampel, beginnt das Abenteuer (streng nach Straßenverkehrsordnung): Ein Lindwurm von gut 200 Meter Länge formiert sich zu einer Kolonne und fährt fortan auf den Straßen, von allen Seiten und auf allen Kreu-zungen abgeschirmt von einem Dutzend Tourenleitern. „Boah, alle fahren mit Licht“, staunt ein Passant, als es auf der Uferstraße nach Niederrad geht.

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Dort, am Eingang zu einer phantastischen Unterwelt, wartet sprachlos Abwassermeister Nobert Weil. „Ihr habt was von 60 Leuten gesagt, die das alte Klärwerk sehen wollen“, murmelt er. Dann führt er hinab in die Katakomben, wo der Hauptkanal alle Frankfurter Abwässer in ein riesiges Gewölbe von Becken führt. Über Hundert Jahre wurde hier von Hand der Unrat der Stadt herausgefischt, jetzt ist es ein beeindruckendes Industriedenkmal.

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Wieder an der Oberwelt, fragt Werner Buthe, der Organisator und Leiter dieser Tour der Extra-Klasse, wer um Mitternacht noch Hunger hat, und gibt die Bestellung durch. Dann quert der lange Zug unter der Autobahn-Brücke den Main. Im Westen schimmert das letzte Abendlicht, dann wird es sehr dunkel und ganz still. Bei Griesheim geht es auf verschlungenen Wegen durch das gewaltige Gleisvorfeld des Hauptbahnhofs. In der Ferne leuchtet nur der Messeturm. Dann leuchtet die Halle, in der die ICE zur Wartung verschwinden. Ab und an donnern Züge und S-Bahnen über die Köpfe hinweg. Und dann ist es wieder unwirklich dunkel und still – mitten in Frankfurt.

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Erst auf der Emser Brücke wird wieder Licht. Der Blick in die Hallen des Hauptbahnhofs und drüber als Krone die Skyline ist unvergleichlich. Hier findet auch die Polizei wieder die abgetauchte Gruppe und geleitet sie weiter über den Westhafen und das Finanzamt im Gallus ins Bahnhofsviertel. Großes Hallo in der Mosel-, Elbe- und We-serstraße, aber der Zug bleibt beisammen. Auf der Mittelspur der Neuen Mainzer geht es weiter in die Taunusanlage, rund um den Opernbrunnen und – wohlgesittet – in die Zeil. Es ist Mitternacht geworden, aber My Zeil hat extra für den ADFC noch geöffnet und oben im vierten Stock beim Schweizer Snack gibt es noch Rösti und Bier und ein Grüezi für alle Nachtschwärmer. So klingt eine wunderbare Nacht in Frankfurt aus, von der Werner Buthe auf seinem Radler-Shirt sagen darf: „Ich bin an allem schuld.“

Text: Wehrhart Otto, Fotos: Ecki Wolf

Inhalt Ausgabe 5(Sept/Okt) / 2010


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