Ausgabe 2/2000   Mar. / Apr.


Viele Höhen und Tiefen

Schwarzwald und Schweiz
3. Folge

Es folgt hier jetzt die dritte Folge der Serie über die am 17.8.99 begonnene Reiseradtour mit Zelt durch den Schwarzwald und in die Schweiz, wozu mich u.a. die neue Broschüre "Deutschland per Rad entdecken" und verschiedene Berichte über die neuen Radrouten durch die Schweiz animiert hatten. Im zweiten Teil war ich am zehnten Tag in der Schweiz und dort auf dem Campingplatz in Courgenay angekommen. Es folgt nun der Bericht über meine weiteren Erlebnisse.

Zuvor möchte ich jedoch noch einige allgemeine Bemerkungen loswerden. Bei meiner Planung für die Schweiz stützte ich mich in erster Linie auf Prospektmaterial des ehemaligen Fremdenverkehrsamtes in der Kaiserstraße. Dort erhielt ich Kurzbeschreibungen der neun Velorouten sowie eine kostenlose Camping-Landkarte im Maßstab 1:301.000, die einer im gleichen Maßstab, jedoch zu einem Preis von 28,80 DM, angebotenen Landkarte sehr glich. Sie enthielt zwar bei weitem nicht alle Hinweise wie die andere, stellte sich aber für meine Zwecke als völlig ausreichend heraus. Auf die offiziellen Routenführer (3 Stück, je 42,80 DM) verzichtete ich, da sie jede Menge Informationen enthalten, die mich nicht interessierten (z.B. Hotels usw.), sowie zudem in einer Art und Weise aufgeteilt sind, dass sich die in einem Führer jeweils beschriebenen drei Routen kaum sinnvoll kombinieren lassen. (Aufgrund dieser Geschäftstüchtigkeit ist die Schweiz wohl das reichste Land der Welt!) Die Preise in der Schweiz sind tatsächlich deutlich höher als bei uns, wie viel höher hängt allerdings davon ab, wo und was man einkauft. Also wie bei uns, nur daß ich wirklich billige Sachen nirgendwo fand. Ich hielt mich an die Sonderangebote im "Migros" und an einen "Denner" (auf dem hohen Preisniveau ähnlich wie Aldi, Penny usw.).

Auf der Jura- und etwa bis zur Hälfte der Alpenpanorama-Route hatte ich Probleme, mich den Menschen verständlich zu machen (und auch die Preisschilder richtig zu lesen), da ich kein Französisch spreche und die Leute oft weder Deutsch noch Englisch verstehen (wollen, manchmal hatte ich so das Gefühl?!).

11.Tag: Courgenay bis La-Chaux-de-Fonds: 84 km

Unausgeschlafen mußte ich erst einmal diverse Reinigungs-, Ordnungs- und Trockenlegungsarbeiten vornehmen, da der Wasserkanister ein kleines Leck hatte. Die Ursache dafür war, daß ich zu eng gepackt, sprich gequetscht, hatte. Er mußte entsorgt werden und vorläufigen Ersatz boten mir wiederverschließbare Milchtüten. Mittags ging es bei gutem Wetter weiter. Von Courgenay (500 m) hoch über den Col de la Croix (789 m, Steigung 240 Höhenmeter/hm auf 4 Kilometern/km) und runter nach St.Ursanne. Ein Rundgang in diesem bezaubernden mittelalterlichen Ort ist sehr zu empfehlen. Danach folgte die nächste Steigung (520 hm/9 km). Oben traf ich zwei junge Schweizerinnen, die ebenfalls mit Rad und Gepäck unterwegs waren (aber ohne Zelt), bei der Rast. Nachdem wir einige Worte gewechselt hatten, fuhr ich weiter durch eine bäuerliche, nette Landschaft. Es ging über Kuhweiden mit Rüttelgittern und/oder schwingenden Stäben. Durch Letztere kann man fahren, ohne anzuhalten, was ich natürlich auch erst einmal vorsichtig testen mußte. Die Kühe hält das wohl dennoch auf. Nach einer Pause holte ich die beiden Mädchen wieder ein. Hoch zum Mt. Soleil (230 hm/4 km) fuhren wir anfangs zusammen, dann blieben sie zurück. Da die Route nur unterhalb des Gipfels vorbeiführte, erklomm ich einen anderen Weg ganz nach oben, wo sich u.a. eine Photovoltaikstation befand. Wieder auf der Route, durch eine tolle Landschaft und auf sehr guten Wegen fahrend, überholte ich die beiden Mädchen zum dritten und letzten Mal. Bald war ich in La-Chaux-de-Fonds, eine recht große Stadt, die mir nicht sonderlich gefiel. Da mir irgendwie die Energie fehlte und der nächste Campingplatz weit war, ging ich doch auf den hiesigen.

12.Tag: La-Chaux-de-Fonds bis Vallorbe: 100 Kilometer

Bis auf einen etwas unglücklichen Start geschah heute nichts Außergewöhnliches. Der Fehler bestand darin, daß ich keine Lust hatte, zu dem am Vorabend zuletzt gesehenen Wegzeichen am anderen Ende der Stadt zurückzukehren. Stattdessen fuhr ich auf einer sehr stark von Kfz.-Verkehr frequentierten Straße in die richtige Richtung weiter, in der Hoffnung, irgendwo einen Wegweiser oder dergleichen zu finden. Bis zur und in der nächsten Stadt, Le Locle, war es damit aber nichts. Deshalb sah ich mir meine Unterlagen genauer an und stellte fest, daß die Streckenführung südlich an diesem Ort vorbeiführen mußte. Nach ca. zwei Dritteln einer schweren Steigung in diese Richtung fand ich die Wegweisung wieder. Einer Abfahrt nach LeCret folgte eine längere Flachetappe auf guten Wegen abseits der Hauptstraßen. Und wieder hinauf (wunderschöne Blicke auf sanft gewellte Hügel, schnucklige kleine Dörfer/ Gehöfte und im Hintergrund Gebirge), runter nach Travers sowie auf einem Flußuferweg nach Fleurier. Es folgten der Mont des Buttes (290 hm/4 km) und der Col de L’Aiguillon (190 hm/5 km). An letzterem vorbei mit herrlicher Sicht auf das Felsmassiv und auf der anderen Seite in die weite Landschaft. Jetzt eine Schußfahrt nach Boulmes. Unten sah ich hinter mich und erblickte ein Warnschild, das mir sagte, ich sei gerade 600 Höhenmeter auf 7 Kilometer Strecke runtergerast. Ich war froh, diese Strecke nicht rauffahren zu müssen! Mit leichtem Auf und Ab erreichte ich Vallorbe, auf dessen Campingplatz ich blieb. Dummmerweise lag dieser genau neben einem Festplatz und es war Samstagabend; der Radau nervte bis tief in die Nacht.

13. Tag: Vallorbe bis Rolle: 140 km

Wenige Meter nach dem Ort folgte auf einem schönen ruhigen Weg die erwartete Steigung (330 hm/5 km), wegen der ich auch in Vallorbe geblieben war. Dann hinab zum Lac da Joux, Die letzte größere Steigung (300 hm/4 km) der Jura-Route, die nun folgte, war nicht sonderlich angenehm, denn es ging auf einer Straße mit Stinkkisten als "Gesellschaft" hinauf. Außerdem war es recht warm geworden und die Fliegen stürzten sich auf mich, schweißüberströmt wie ich war. Oben führte die Route von der Straße ab in ein langgestrecktes Hochtal. Felsen, Kiefern, Felsmauern und Kühe bildeten ein beeindruckendes Landschaftsbild, vorerst kaum gestört durch Autoverkehr. Auf der anderen Seite allerdings, kurz vor der Abfahrt nach Bassins, wurde es umso schlimmer: Überall Ausflügler/Camper, die dort ihre Wurst braten müssen und so nebenbei die Landschaft zerstören. Bald darauf endete die Jura-Route in Nyon.

Als Zwischenziel meiner Tour hatte ich von vornherein Genf festgelegt. Da ich gleich bei der Einfahrt in Nyon einen Wegweiser der Rhone-Route in die entsprechende Richtung entdeckte, folgte ich diesem. Über einige Bodenwellen und durch eine relativ dichtbesiedelte Landschaft, viele kleinere Städte und Dörfer, kam ich nach Genf. Plötzlich dachte ich, was ist denn hier los? Herrscht hier Krieg, ist der Belagerungszustand ausgerufen worden oder was? Ich hatte einige "Festungen" entdeckt. Wälle aus Sandsäcken und Kriegsgerät, hinter und in denen schwerbewaffnete Soldaten hockten. Bei näherem Hinsehen erinnerte es mich an das US-Konsulat in Frankfurt, wo es zu der Zeit sehr ähnlich aussah. Hier waren es ebenso die US-Amerikaner und die UNO, die so eine Heidenangst hatten. Umgehend verließ ich diese unwirtliche Gegend und begab mich in die Innenstadt und an das Seeufer. Für meinen Geschmack waren dort viel zu viele Menschen unterwegs, vor allem wohl Touristen und Ausflügler. Pech gehabt, es war eben Sonntag. Die Schönheiten der Stadt erschlossen sich mir so nur in geringem Umfang, weshalb ich sie hinter mir ließ. Ich fand die Rhone-Route wieder und erreichte Nyon. Dort erklärte mir ein Kioskbesitzer auf Befragen, ein auf meiner Karte verzeichneter Campingplatz existiere schon länger nicht mehr. So faßte ich den nächsten großen Campingplatz in Rolle ins Auge, der allerdings noch ein schönes Stück entfernt war. Dort war ich dann erstaunt über die unverschämt hohen Preise. Aber nach etwas Verhandeln und Belegen eines ungünstiger gelegenen Platzes wurde es billiger.

14. Tag: Rolle bis irgendwo im Wald hinter Aigle: 98 km

Erst spät ging es recht saft- und kraftlos auf der Rhone-Route weiter. Vermutlich gab es aus Platzmangel wenig Alternativen und so verlief die Strecke viel zu oft auf der Uferstraße. Einige schöne Aussichten über den See und seine Umgebung konnten mich nicht recht für mein Unbehagen auf dieser Straße entschädigen. Eine Rundfahrt in Lausanne erwies sich als sehr kräftezehrend, da die Stadt vom Ufer aus steil ansteigend auf mehreren Ebenen angelegt ist, was auch die Orientierung erschwert. Endlich konnte ich am Ende des Sees die Straße verlassen, wesentlich angenehmer ging es durch Wald und Felder weiter. Auf den Flußuferwegen erreichte ich Aigle.

Nun war es an der Zeit, mich zu entscheiden, auf welcher der Velorouten ich meinen Weg fortzusetzen gedächte. Entweder auf der Rhone-Route zu bleiben oder die Alpenpanorama-Route zu beginnen und eventuell etwas weiter nördlich doch noch auf die Seen-Route einzuschwenken, deren Startpunkt ich schon in Montreux passiert hatte. Da die Rhone- und die Seen-Route den Beschreibungen nach relativ einfach sind, während die Alpenpanorama-Route die schwerste überhaupt sein sollte, nahm ich, trotz einiger Bedenken, die Herausforderung an. Fortsetzung folgt

Hans-Peter Heinrich

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