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Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Frankfurt am Main

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Artikel dieser Ausgabe

Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Frankfurt

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Bild zum Artikel Geburtsort der Schriftstellerin Annette Freiin von Droste zu Hülshoff: Schloss Hülshoff
Paul Tiedemann

Mit dem Pedelec zur Varus-Schlacht

1. Tag (12. Juni 2019)

Um halb sieben geht's mit dem Pedelec los von Enkheim nach Bad Vilbel, an der Nidda entlang bis kurz vor Ilbenstadt. Dann über Niederwöllstadt, Friedberg, Bad Nauheim, Obermörlen nach Butzbach. Dort auf dem Marktplatz ein schönes Frühstück. Im Regen dann noch nach Wetzlar. Besuch im Lotte-Haus, im Jerusalem-Haus und im Museum zum Reichskammergericht. Zum Abschluss der Dom und dann gutes Essen (Spaghetti). >> 72,4 km

2. Tag (13. Juni 2019)

Von Wetzlar geht es die Dill entlang in das hübsche Fachwerkstädtchen Herborn. Dort suche ich das Museum im Gebäude der "Hohen Schule" (Academia Nassauensis), die hier 1584 vom Grafen von Nassau-Dillenburg gegründet wurde. Weil es eine calvinistische Gründung war, verweigerte der Kaiser das Privileg einer Universität, so dass die Hohe Schule kein Promotionsrecht hatte. Trotzdem genoss sie eine hohe Reputation und konnte die Zeiten überdauern, bis sie 1817 von Napoleon geschlossen wurde. Vor der Weiterfahrt studiere ich noch die Inschrift am Eingang: "Wer als Mensch geboren ist, soll wie ein Mensch zu leben lernen (Quicunque homo natus est hominem aggere discat), ein Spruch von Comenius, der hier von 1611 an lehrte.

Weiter geht es nach Dillenburg und dort auf den Schlossberg. Hier gibt es die "Villa Grün" zu sehen, in der eine Ausstellung über den Bergbau im Dillenburger Land unterrichtet (Die Familie Grün war die führende Industriellenfamilie in diesem Gebiet). Außerdem gibt es noch den Wilhelmsturm. Der wurde Ende des 19. Jahrhunderts mit finanzieller Unterstützung des holländischen Königshauses zur Erinnerung an Wilhelm von Oranien errichtet, der eigentlich von Nassau-Dillenburg hieß, aber im Jahre 1544 das Fürstentum Oranien erbte. Ab 1586 setzte sich Wilhelm an die Spitze der Revolte gegen die spanische Oberherrschaft über die Niederlande. Das Haus Nassau-Oranien stellt bis heute die niederländischen Könige und -innen und darauf sind die Dillenburger mächtig stolz. Das einstmals große Schloss in Dillenburg wurde im Siebenjährigen Krieg 1760 komplett zerstört und abgetragen. Nur noch die Kasematten kann man besichtigen.

Schließlich geht es weiter nach Siegen. Jetzt steigt die Strecke schon etwas an, aber es ist noch gut machbar. >> 73,6 km

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Burg Vischering in Lüdinghausen mit beispielhafter Rüstungskonversion in ehemaligem Wachhäuschen
Paul Tiedemann

3. Tag (14. Juni 2019)

Von Siegen aus geht es auf dem Fahrradweg parallel zu den endlos langen schnurgeraden Bundesstraßen 54 und 517 über Kreuztal und Krombach (wo das gleichnamige Bier herkommt) über die Höhen des Sauerlandes an den Biggesee und an dessen Ufern entlang nach Attendorn, wo ich die Atta-Höhle besichtige, während die freundliche Wirtin im Restaurant meinen Akku aufladen lässt. Von Attendorn geht es über Finnentrop nach Plettenberg. Der Weg ist asphaltiert, fern der Straße und bis kurz vor Plettenberg nur sehr geringfügig steigend. Dann allerdings wird's steiler. In Plettenburg angekommen, lässt mich das Navi etwas ratlos zurück, was den weiteren Weg angeht. Ich frage eine freundliche Radfahrerin, und die zeigt mir den Weg, macht aber darauf aufmerksam, dass dieser nicht nur sehr steil, sondern auch sehr schmal und heftig befahren sei, auch mit Lkw und Bussen. Ich folge ihrem Rat, für die nächsten 5 km den Bus nach Affeln zu nehmen, einem kleinen Dorf auf den Höhen des Sauerlandes. Von dort geht es dann bergab auf kaum befahrener Straße nach Amecke und an den Sorpesee. Ich fahre an dessen Ostufer entlang auf ruhigem Radweg bis Langscheid, wo ich im Bildungszentrum sehr günstig übernachten kann. >> 92,8 km

4. Tag (15. Juni)

Von Langscheid geht es zunächst noch über einige immer kürzer werdende Steigungen und immer länger werdende Abfahrten nach Hüsten, wo ich den Ruhrradweg erreiche, dem ich bis Wickede folge. Von dort geht es über Hemmerde durch die westlichen Außenbezirke von Hamm bis in das Örtchen Herbern, das schon im Münsterland liegt. Am Abend umkurve ich noch das etwas außerhalb gelegene, aber nicht zugängliche Schloss Westerwinkel. >> 71.4 km

5. Tag (16. Juni)

Paul Tiedemann "> ZDF-Zuschauern bestens bekannt: das Antiquariat "Wilsberg" in Münster
Paul Tiedemann

Heute geht es im Halbkreis um Münster. Ich fahre einige Orte ab, in denen der westfälische Adel seine Burgen und Schlösser errichtet hat. Inspiriert worden bin ich dazu durch die Broschüre "100 Schlösser Route", die der Verein Münsterland e. V. herausgebracht hat. Ich besuche zunächst das wunderschöne Schloss Nordkirchen, dann Burg Lüdinghausen und die noch wesentlich interessantere Burg Vischering. Unter anderem wird hier die Geschichte der Fehde zwischen Lambert von Oer und Goddert von Harmen thematisiert. Statt einen Erbschaftsstreit zivilisiert vor dem gerade gegründeten Reichskammergericht auszutragen, wurde Lambert gekidnappt und erhielt ein eisernes Halsband umgelegt, das sich nicht öffnen ließ und innen mit Dornen und Haken versehen war. Davon wollte ihn Goddert erst befreien, wenn er in dem Streit nachgibt. Lambert ging stattdessen zu dem kunstfertigen Waffenschmied Thiele Schwoll nach Münster, dem es gelang, das Schloss zu zerstören und den Träger vom Halsband zu befreien. Darauf konnten die beiden Streithähne ihre Fehde gemütlich fortsetzen und sich gegenseitig Hab und Gut zerstören. Wer die Details wissen will, lese es nach (adfc-ffm.de/=vWeA). Ich kann mich kaum losreißen, fahre aber dann doch weiter über das im Bau befindliche Schloss Senden zum Ziel der heutigen Etappe, dem Örtchen Billerbeck. >> 63 km

6. Tag (17. Juni)

Hier wurde der Westfälische Friede geschlossen: Rathaus der Stadt Münster
Paul Tiedemann

Heute kann ich mir Zeit lassen, denn es sind nur 30 km zu bewältigen. Ich breche spät auf und fahre zunächst nach Havixbeck und weiter auf dem Fahrradweg parallel zu der Straße nach Münster bis zur Burg Hülshoff, wo im Jahre 1797 Annette Freiin von Droste zu Hülshoff geboren wurde. Mir ist die Dichterin eigentlich nur von der Schule her bekannt und ich erinnere mich nicht ohne ein Frösteln im Rücken an ihr Gedicht "Der Knabe im Moor" (Schaurig ist's übers Moor zu gehen …). Als ihr berühmtestes Werk gilt die Kriminalgeschichte "Die Judenbuche". Das Buch kann man dort erwerben und ich werde es am letzten Tag der Reise im Zug lesen. Mein Urteil: Es ist lesbar, aber man hat nichts versäumt, wenn man's nicht gelesen hat. Schließlich geht es weiter nach Münster. Ich verbringe den Nachmittag mit einem Stadtbummel vorbei an der Lambertikirche, wo man (aus welchem Grund wohl?) bis heute die Käfige am Turm hängen lässt, in denen im Jahre 1536 die Leichen der hingerichteten Wiedertäufer zur Abschreckung des Volkes ausgestellt wurden, bis sie restlos verwest waren. Weiter geht's über das Rathaus mit dem Friedenssaal, wo 1648 der Westfälische Frieden von den katholischen Vertragspartnern unterzeichnet wurde, zum Dom. Zu Abend esse ich in einem Lokal unmittelbar neben dem Antiquariat Solder, das in der Republik allerdings eher unter dem Namen "Antiquariat Wilsberg" bekannt ist. Wahrscheinlich verdient Herr Solder mit der Verpachtung an das Filmteam von "Wilsberg" mehr als mit dem Verkauf der Bücher. >> 30 km

7. Tag (18. Juni)

Heute geht es von Münster über Telgte, Ostbevern und Bad Iburg (Burg) nach Osnabrück. Ich bin erst kurz vor 18:00 Uhr im Hotel und mache mich anschließend auf die Suche nach einem Restaurant. Fündig werde ich direkt am Rathaus. Trotz der späten Stunde ist das Rathaus wegen eines Empfangs noch offen und so kann ich auch den hiesigen Friedenssaal besuchen, in dem die protestantischen Vertragspartner den Westfälischen Frieden unterschrieben.

8. Tag (19. Juni)

Nach dem Frühstück geht es wieder aufs Rad, aber nur mit kleinem Gepäck. Ich nehme den Radfernweg 7 über Wallenhorst und Engter nach Kalkriese. Dort muss ich den Radfernweg verlassen und bin 1,3 km später am Museum und Ausgrabungsgebiet zur Varus-Schlacht angelangt. Vom Hotel aus waren das ca. 25 km. Ich halte mich etwa drei Stunden in dem Ausstellungsgebiet auf. Zuerst sehe ich eine Sonderausstellung zur Struktur und Technik der römischen Legionen. Dann gehe ich einen mit Eisenplatten markierten Weg ab, der zwischen der Anhöhe im Norden und dem Moor im Süden hindurchführt und wahrscheinlich die Engstelle war, an der der Angriff der Germanen gegen die Legionen des Varus im Jahre 9 ihren Anfang genommen hat. Schließlich geht es noch in das Museum, in dem die wenigen Fundstücke zu sehen sind, die die Cherusker damals nicht erbeutet und stattdessen für das Museum übriggelassen haben. Dann geht's zurück zum Hotel in Osnabrück. >> 54,8 km

9. Tag (20. Juni)

Etwas wehmütig besteige ich nach 543 mit dem Rad zurückgelegten Kilometern den IC nach Frankfurt. Hinter mir liegt eine Tour, die, was das Gelände angeht, nicht ganz ohne Anspruch war, aber jedenfalls mit dem Pedelec auch keine besondere Herausforderung darstellte. Am Wegesrand gibt es viel zu sehen für Leute, die sich für Kultur und Geschichte interessieren. Schließlich hatte ich auch Glück mit dem Wetter. Nur am ersten Tag hat es über längere Zeit heftig geregnet. Den nächsten Regen (mit Hagel) habe ich erst erlebt, als ich gerade wieder zuhause angekommen war.

Paul Tiedemann