Vier Frauen und ein Mann: frisch ausgebildete Fahrradspezialist/-innen in Ondangwa
Foto: BEN Namibia

Warum ausgerechnet Fahrräder?

Wie das „Bicycle Empowerment Network Namibia“ zu einer nachhaltigen Entwicklung beiträgt

Eine Entwicklungsorganisation baut in Namibia 33 Fahrradwerkstätten auf. Zum Vergleich: Allein für Frankfurt weisen die Gelben Seiten 56 Einträge zu „Fahrräder und Zubehör“ für uns 700.000 Frankfurter aus. Was sind dagegen 33 Werkstätten in einem Land, dass mehr als doppelt so groß ist wie die Bundesrepublik Deutschland? Doch Namibia ist extrem dünn besiedelt und hat mit rund 2,3 Millionen gerade mal so viele Einwohner wie das Rhein-Main-Gebiet. Da bekommt die Zahl 33 gleich ein ganz anderes Gewicht.

Das monatliche Pro-Kopf-Einkommen liegt in Namibia bei etwa 120 Euro, allerdings mit einer großen Schwankungsbreite. Rund 50 % Namibier müssen mit weniger als 2 Euro pro Tag auskommen, 25 % der Bevölkerung leben in einfachen Blechhütten ohne Wasser und Strom, weitere 30 % in traditionellen Kraal-Siedlungen. Ein Auto können sich die meisten Menschen nicht leisten, öffentliche Verkehrsmittel, falls überhaupt vorhanden, ebenfalls kaum. Ein Fahrrad jedoch rückt in den Bereich des Möglichen und bringt für die Besitzer einen enormen Mobilitäts- und Statusgewinn. Denn anders als hierzulande besteht die Alternative zum Fahrrad im südlichen Afrika schlicht darin, zu Fuß zu gehen.

links: Eine typische Fahrradwerkstatt von BEN: Zwei komplett ausgestattete Übersee-Container
rechts: Einweisung in die Benutzung des Zentrierständers im BEC Karasburg (von links: Michael, Zita, Magrietha und Egone)
Fotos: BEN Namibia

Namibia braucht ­Fahrradwerkstätten
Im Jahr 2005 kam der Australier Michael Linke in die namibische Hauptstadt Windhoek, im Rucksack ein Fahrrad-Reparaturset. Ein Container voller gebrauchter Fahrräder, den Linke nach Nord-Namibia überführen wollte, sollte aus England folgen. Doch sehr schnell wurde dem Australier klar, dass damit allein noch keine Entwicklung einzuleiten ist. Mangels ausgebildetem Werkstattpersonal würden die Räder bald unbrauchbar sein, der Mobilitätsgewinn für die Bevölkerung wäre schnell verloren. Linke fiel das Naheliegendste ein: Namibia braucht Fahrradwerkstätten. Eine Reihe von Standard-Containern könnte, über das ganze Land verstreut, Werkstätten beherbergen. Zukünftig gäbe es mehr qualifizierte Arbeitsplätze, Kinder würden mit dem Rad zur Schule fahren, Pflegekräfte könnten mehr Kranke in kürzerer Zeit besuchen und versorgen. Viele Bewohner des armen Landes wären mobiler als bisher. Hier setzt das von ihm gegründete „Bicycle Empowerment Network (BEN) Namibia“ an.

links: Verteilung der Container­Fahrrad-Werkstätten in Namibia
rechts: Frauen profitieren besonders von einem selbstbestimmten Leben als Bike-Mechanikerinnen
Fotos: BEN Namibia

In Frankfurt ist Jörg Bauer ehrenamtlicher Vorsitzender von NEIA e. V. (Verein Nachhaltige Entwicklung in Afrika) und Projekt-Koordinator für die Zusammenarbeit mit BEN Namibia. Bauer erläutert die Zusammenhänge zwischen Fahrrad und Entwicklung: „Fahrräder sind häufig das sinnvollste Verkehrsmittel mit den niedrigsten Kosten für kurze Entfernungen. Sie können sowohl auf Teerstraßen als auch auf unbefestigten Wegen von großen Teilen der Bevölkerung genutzt werden. Ein Fahrrad befördert viermal mehr Gewicht und bewegt sich dreimal so weit und so schnell fort wie ein Fußgänger. Besonders in armen Ländern spielen sie als bezahlbare und leicht zu reparierende Transportmittel daher eine zunehmend wichtige Rolle.

Alle diese Vorteile können in Namibia aufgrund seiner Größe und Geografie unmittelbare Wirkung entfalten – das Fahrrad könnte deshalb eine wichtige Rolle in der Entwicklungsunterstützung des Landes spielen.“ Weiter schreibt Bauer: „BEN will lokalen Nichtregierungsorganisationen und von Armut betroffenen Namibiern Starthilfe und neues Selbstvertrauen geben. Dies geschieht durch die Bereitstellung von Fahrrädern und Verdienstmöglichkeiten im Radfahrbereich. BENs Hauptaufgabe ist der Aufbau so genannter Bicycle Empowerment Center (BEC). Das sind sechs oder zwölf Meter lange Standardcontainer, jeweils vollständig ausgerüstet mit etwa 300 gebrauchten Fahrrädern, Werkzeugen und Ersatzteilen. Vor Ort bildet BEN die Fahrradmechaniker und Manager für ihren Einsatz in den BEC aus, um den Betrieb langfristig sicherzustellen.

Diese mobilen Fahrradreparaturwerkstätten ermöglichen eine Einkommensquelle für lokale Hilfsorganisationen oder Existenzgründer. Sie operieren dabei als unabhängige Kleinunternehmen, die sich durch nachhaltiges Wirtschaften – Reparatur und Verkauf von Fahrrädern – selber tragen müssen und somit dauerhafte Arbeitsplätze schaffen.“ Die Mitarbeiter der Werkstätten zahlen ganz normal Steuern und Sozialversicherungsbeiträge. Sie legen die Höhe ihrer Löhne selber fest und müssen sich damit natürlich an den Erlösen des Betriebs orientieren.

Wer braucht Fahrräder
Lokale Organisationen, die in der Pflege von HIV/AIDS-Kranken tätig sind oder Waisenkinder betreuen, erhalten einige Fahrräder. Ebenso Kinder, denen es in ländlichen Gebieten ermöglicht wird, zur Schule zu fahren und damit überhaupt erst am Bildungssystem teilhaben zu können. Doch die meisten der Räder werden verkauft. 20, 30 oder 50 Euro kostet so ein Gebrauchtrad, für das viele Namibier einige Monate sparen müssen. Doch mit dem Besitz eines Velos ist nicht nur ein Mobilitätsgewinn verbunden, sondern auch eine Statusaufwertung. Über 30.000 Fahrräder wurden seit 2005 so verteilt, und diese Räder können in bisher 33 Werkstätten gewartet und repariert werden.

Die Werkstätten werden ausschliesslich von Namibiern betrieben. BEN Namibia schult Interessierte durch lokale Trainer und finanziert diese Ausbildung, z. B. mit Hilfe von NEIA e.V (siehe Kasten auf Seite 20). Neben Wartung und Reparatur von Fahrrädern stehen auch Geschäftsführung und Buchhaltung auf dem Stundenplan. Durch das Bankkonto der Werkstatt kommen viele der in das Projekt Involvierten überhaupt zum ersten Mal mit einer Bank in Kontakt. Die zukünftigen Werkstatt­betreiber/-innen sollen ihre Werkstatt selbstständig führen können und sich dadurch ein festes Einkommen sichern. Über 150 feste Arbeitsplätze wurden auf diesem Weg geschaffen, fünf bis sechs je Werkstatt. Gerade für viele Frauen wurde eine Verbesserung der Lebensverhältnisse erreicht. Bis zur Übernahme einer Fahrradwerkstatt waren sie teilweise gezwungen, ihr Überleben und das ihrer Familie durch Prostitution zu sichern. Nun zeigt sich, so Jörg Bauer im Gespräch, dass sie oft die besseren Geschäftsführer sind und ihre Fahrradläden und Mitarbeiter mit großem Engagement führen.

Woher kommen die Fahrräder?
Zum Beispiel aus Australien, aus Kanada, aus den USA. Hilfsorganisationen in diesen Ländern sammeln gebrauchte Räder und stellen eine Werkstattausrüstung zusammen. Sobald ein Übersee-Container gefüllt ist, wird dieser auf Kosten der nationalen Helfer nach Namibia verschifft. Dort übernimmt BEN Namibia die weitere Organisation. Namentlich der eingangs erwähnte Australier Michael Linke ist weiterhin vor Ort aktiv, betreut die Ausbildung der Mechaniker/-innen, sucht sinnvolle Standorte für Werkstattcontainer und hält den Kontakt zu den lokalen Behörden und Organisationen. Der vorletzte Erfolg gelang ihm 2013 in Linyanti, einem kleinen Dorf im Nordosten Namibias. Hier, wo nahezu 35 % der Bevölkerung mit dem HIV-Virus infiziert ist, wurde mit engagierten lokalen Pflegern und Betreuerinnen der „Catholic Aids Action“ der Aufbau des 32. Bicycle Empowerment Center unterstützt. In Montana, USA, hatten Mitglieder der Organisation Wheels of Change gebrauchte Bikes, Ersatzteile und Werkzeuge gesammelt. Der See­container traf nach langer Schiffsreise und einer 1.500 km langen Fahrt vom Hafen Walvis Bay in Lin­yanti ein. Dort begann umgehend das vierwöchige Training der neuen Mechaniker (vier Frauen und ein Mann) durch eine erfahrene Trainerin von BEN Namibia. Inzwischen hat die Gruppe bereits gute Verkaufszahlen erreicht.

Funktioniert’s?
Ja, es funktioniert. Sogar besser als mancher erwarten würde. Natürlich wird auch in Namibia geklaut, gibt es auch in Namibia Schlaumeier, die vor allem ihren persönlichen Profit sehen und sich mit den erworbenen Fahrrädern und Werkzeugen aus dem Staub machen wollen. Doch der Schwund in den 33 BEC ist gering. Dafür ist die Freude über die Startchance zu gross, wie auch die Angst, das Projekt für das Team zu zerstören. Werkstätten können bei Misswirtschaft scheitern. Dann würde der ausgeräumte Container einfach wieder abgeholt und das BEC geschlossen. „Das war aber bisher nie nötig“, stellt Jörg Bauer klar.

Hambelelini Naikuva (links) lernt das Reparieren von Fahrrädern – finanziert durch NEIA e.V.
Foto: BEN Namibia

Mit kleinen Schritten die Welt verändern

Der deutsche Partner von BEN Namibia ist der Verein Nachhaltige Entwicklung in Afrika e.V. (NEIA). Dieser unterstützt BEN Namibia im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten projektorientiert. NEIA e. V. hat bisher den Aufbau von 7 BECs unterstützt. Alle Mitarbeiter des Vereins arbeiten ehrenamtlich, Spenden fließen direkt in die Projekte. Bei­spiele: Eine Fahrrad-Ambulanz, hergestellt von Namibiern, kostet 500 Euro; die Ausbildung eines Fahrrad-Mechanikers durch namibische Trainer kostet 300 Euro und 50 Euro ermöglichen die Ausrüstung für zwei Pflegekräfte (Helme, Pumpen, Schlösser, Flickzeug). Spendenkonto (Verwendungszweck: BEN Namibia): NEIA e.V., VR Bank Dor­magen, IBAN: DE61305605484610910012, BIC: GENODED1NLD.

Weitere Informationen unter www.neia-ev.org.

Was bringt’s?
Auch in Linyanti gilt: Die Fahrradwerkstatt, mit ihrer Registrierung als „used goods dealer“ und eigenem Bankkonto, ist einerseits die Einkommensquelle der dort angestellten Fahrradmechaniker. Andererseits erhalten die Volunteers dadurch Fahrräder und können so mehr Patienten erreichen und versorgen. Die restliche Bevölkerung kann Fahrräder erwerben bzw. pflegen und reparieren lassen.

links: Krankenwagen im ländlichen Namibia – oftmals Leben rettend!
rechts: Kinder des Sunshine-Kindergartens demonstrieren Mobilität in Namibia
Fotos: BEN Namibia

Zurzeit arbeitet BEN Namibia an der Herstellung von Fahrradambulanzen für die lokalen Hilfsorganisationen. Diese Ambulanzen sind normale Fahrräder, die zu „Tragen auf Rädern“ umgebaut werden. Sie ermöglichen den Transport von Kranken oder Schwangeren zur nächstgelegenen Klinik. Die ersten der in Namibia entworfenen und gebauten Ambulanzen wurden bereits erfolgreich eingesetzt und konnten Menschenleben retten.

Doch über die skizzierten unmittelbaren Vorteile für die ortsansässige Bevölkerung hinaus ergeben sich auch weitere Entwicklungsschritte. Dadurch, dass mehr Namibier per Fahrrad unterwegs sind, entwickelt sich ein Ersatzteilemarkt, der nicht allein durch ehrenamtliches Sammeln gebrauchter Teile abzudecken ist. Es entstehen Kooperationen mit den (bislang) ­wenigen herkömmlichen Fahrradgeschäften. Die meisten Ersatz­teile, das ist in Namibia nicht anders als bei uns, werden nicht im Land hergestellt, sondern müssen über Großhändler mit Zugang zu internationalen Vertriebswegen bezogen werden. Rund um das Rad entwickelt sich ein eigener Mobilitäts-Wirtschaftszweig, dessen Folgen sowohl für die Bevölkerung als auch für die Umwelt positiv sind.

Für einige der ausgebildeten Werkstatt-Mitarbeiter hat sich ihr Engagement bereits als Sprungbrett in andere qualifizierte Arbeits­plätze erwiesen. Die erworbenen Kenntnisse und die Erfahrung der Selbständigkeit unterscheidet sie wesentlich von Namibiern, die bisher ausschließlich auf dem Land gelebt und Tiere gehütet haben.

Peter Sauer


Inhalt Ausgabe 6 (Dez/Nov) / 2014

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