Mein ADFC - weitgehend...

Seit vielen Jahren bin ich im ADFC; mit Stolz habe ich neulich an dem eindrucksvollen Fahrradkorso in Darmstadt anlässlich des 25. Geburtstages des ADFC Hessen teilgenommen. Der ADFC hat sich verdient gemacht durch hervorragende Projekte. Ich nenne hier nur Bett+Bike und die Radfernwege stellvertretend für viele andere. Dennoch haben wir bei weitem nicht nur Freunde! Warum ist das so?

Es gibt Punkte, die ich selbst als ADFC-Mitglied kritisch sehe. Ich will hier ein paar nennen und meine Kritik begründen. Diese Kritik wird von vielen Menschen geteilt, die dem Radfahren, aus welchen Gründen auch immer, nicht viel abgewinnen können. Aber auch die werden gebraucht, wenn es gilt, Forderungen durchzusetzen, die berechtigt sind! Ich weiß, dass ich nicht uneingeschränkt recht habe. Das will ich auch gar nicht. Die Tatsache, dass dies hier gedruckt ist, spricht für Toleranz im ADFC!

⇒ Wir sollten uns nicht so wichtig nehmen. Wir sollten nicht mit Bierernst und einer Art Sendungsbewusstsein gegen andere Mitmenschen in Verwaltungen oder Autos oder sonst wo vorgehen. Radfahrer sind nicht unbedingt die besseren Menschen. Beispiel: Wozu mit Piktogrammen spielende Kinder vertreiben? (siehe letzte Nummer dieser Zeitung) Kann man nicht langsam vorbeifahren, ohne sich zu ärgern? Auch viele Radler zeigen haarsträubendes Verhalten im Verkehr!

⇒ Radmitnahme im ICE: Noch nie hatte ich in meiner jahrelangen Karriere als Radler das Bedürfnis, in dreieinhalb Stunden mit dem Rad in Hamburg zu sein (ohne Rad schon!). Es gibt Nachtzüge und Intercity-Verbindungen; am liebsten jedoch fahre ich mit Nahverkehrszügen. Damit komme ich an einem Tag in alle Ecken Deutschlands. Ich habe Verständnis dafür, dass die Bahn mit schnellen ICE-Zügen dem Auto Paroli bieten will. Und viele Menschen schütteln den Kopf: Will der ADFC nun die Eisenbahn fördern oder behindern?

⇒ Radwegbenutzungspflicht: Im ADFC geht dies Wort vielen reibungslos von der Zunge. Anderswo ist das Wort durchaus unbekannt. Ich fahre seit vielen Jahren immer dort, wo es am ungefährlichsten, leisesten und saubersten ist, unabhängig von Schildern und nicht auf Fußwegen, und habe noch nie Schwierigkeiten damit gehabt. Und wieder schütteln viele Menschen den Kopf: Will der ADFC nun Radwege, oder will er lieber auf der Straße fahren? Will er etwa ein „Radwegebenutzungspflichtänderungsgesetz"?

⇒ Einbahnstraßen: Deren Öffnung in Gegenrichtung sehe ich mit ein paar Bedenken. Ich befürchte, dass mehr und mehr Einbahnstraßen von Radlern in Gegenrichtung befahren werden, auch wenn sie nicht dafür freigegeben sind. Im alten Ortskern meines Wohnorts Bad Homburg-Kirdorf gibt es fast nur enge Einbahngassen. Dennoch habe ich als Autofahrer hier viele Male Schrecksekunden erlebt, wenn mir plötzlich Radler frontal und bergab entgegenkamen. Deren 20 km/h plus meine 10 km/h sind zusammen für Radler tödlich! Und: Beim Radfahren ist für mich der Weg das Ziel; ich fahre gerne mal einen Umweg.

⇒ Und zum Schluss ein Vorschlag für eine sinnvolle ADFC-Kampagne: Anleinpflicht für alle Hundeführer, zumindest auf und in der Nähe von Radwegen! Die weitaus gefährlichsten Begegnungen in meinem Radlerleben hatte ich nämlich mit kleinen und großen freilaufenden Hunden!

Günther Gräning


Meiner auch

Auch ich bin im ADFC, genau genommen seit dem 1.11.1979. Auch ich freue mich über einen 25. Geburtstag in Hessen. Stellvertretend für viele Projekte sehe ich jedoch die verkehrspolitischen Erfolge, wie die Freigabe von Einbahnstraßen, Radwegweisung in der Stadt oder Radspuren auf Citystraßen. Trotzdem bleibt noch viel zu tun, und wir werden uns damit nicht nur Freunde machen.

⇒ Wir sollten uns wichtig nehmen. Im Zweifelsfalle müssen wir bierernst und unverdrossen gegen Verwaltungen vorgehen, die uns bisher nicht bierernst nehmen. Gerade hat ein Gericht entschieden, dass eine teuer erbaute Radverkehrsanlage in Liederbach nicht rechtens ist. Hätten wir diese Entscheidung anders erzwingen können als durch Bierernst?

⇒ Es muss auch für mich kein ICE sein, der mein Fahrrad transportiert. Wenn aber Alternativen abgeschafft werden und es nur mit langer Vorausbuchung und häufigem Umsteigen, verbunden mit Rennerei treppab, treppauf möglich ist, ein Fernziel zu erreichen, bevorzuge ich die bequemere Variante. Wenn sie dazu noch schneller ist, soll es mir recht sein.

⇒ Dass eine „Radwegbenutzungspflicht" bzw. die Befreiung davon jedem Verkehrsteilnehmer bekannt sein sollte, halte ich für dringend geboten. Denn leider habe ich schon schlechte Erfahrungen damit gemacht, dass Autolenker glaubten, hupend mich an diese vermeintliche Pflicht erinnern zu müssen oder mich ungeniert „schnitten" - den ein oder anderen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr habe ich als Angriff auf Leib und Leben interpretiert.

⇒ Einbahnstraßen bedeuten für mich als Radfahrer fast immer, dass ich große Umwege in Kauf nehmen muss. Das missfällt mir auf meinen täglichen Wegen zur Arbeit, zum Einkaufen, zu Museen oder Kneipen. Denn hier ist nicht unbedingt der Weg das Ziel, schon gar nicht der Umweg.

⇒ Hunde an die Leine? Unbedingt!

Peter Sauer

Inhalt Ausgabe 6 (Nov/Dez) / 2011


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