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Bild zum Artikel Unfallstelle Kurt-Schumacher-Straße: Kerzen, Blumen und Bild zum Gedenken
Foto: Bertram Giebeler

Vier Tote in einem Monat

Das mahnt zur Vorsicht, aber nicht zur Angst.

In so kurzer Zeit vier Todesfälle auf dem Fahrrad – das hat es in Frankfurt noch nicht gegeben. Es war der „schwarze August“ 2018.

Vier Tote sind mehr als die durchschnittliche traurige Bilanz eines ganzen Jahres. Hier eine kurze Beschreibung der Unfälle, ohne dem jeweiligen polizeilichen Unfallbericht vorgreifen zu wollen:

  • an der Kurt-Schumacher-Straße, direkt an der AOK, wird tagsüber ein auf dem Bürgersteig am äußersten linken Rand radelnder 60-jähriger Mann von einem LKW entweder erfasst oder so irritiert, dass er auf die Straße stürzt und vom Hinterrad des LKW überrollt wird.
  • am Bahnhof Louisa überquert morgens eine 28-jährige Frau die Straßenbahngleise, wird von der Straßenbahn erfasst und stirbt.
  • auf dem Uni-Campus stürzt ein junger Mann bei Nacht mit dem Rad über einen Treppenabsatz und verletzt sich dabei tödlich. Hinweise auf Fremdeinwirkung gibt es nicht.
  • an der Fürstenberger Straße im Westend stürzt ein 78-jähriger Radfahrer wegen einer sich öffnenden Autotür („Dooring-Unfall“) und stirbt Tage später an den Sturzverletzungen. Noch unklar ist, ob er mit der Tür kollidierte.

Der erste der vier Fälle führte zu öffentlichen Reaktionen: Freunde des gestorbenen Mannes, Leute aus den Umfeldern Critical Mass, Radentscheid und auch ADFC initii­erten einen Radkorso zum Gedenken und zur Mahnung, das Fernsehen berichtete. Dieser Unfall könnte zumindest indirekt der schlechten Radverkehrsinfrastruktur genau an dieser Stelle geschuldet sein. Warum fuhr der Mann, ein durchaus erfahrener Radfahrer, überhaupt auf dem Bürgersteig und nicht auf der Straße? Möglicherweise weil es dort nicht die geringste Radverkehrsführung gibt!

Die Stelle und überhaupt der ganze Straßenzug nördlich des Börneplatzes ist vielen Radfahrern als Stress- und Angstraum gut bekannt. Verkehrsdezernent Oesterling sagte kurz nach dem Unfall in der Hessenschau, dass er die Stelle als Problem kenne und dass es Änderungen geben werde.

Aktuell ist die Friedberger Landstraße in der Diskussion. Wir fordern seit langem, dass es auch zwischen Börneplatz und Matthias-Beltz-Platz endlich eine regelkonforme Radverkehrsführung geben muss. Das gilt auch für andere Gefahrenstrecken wie z. B. rund um den Hauptbahnhof. Es darf nicht sein, dass erst Unfalltote die Dinge in Bewegung bringen!

Die drei anderen Fälle haben erst einmal nichts mit der Infra­struktur zu tun. Die schiere Frequenz der vier tödlichen Unfälle, die wir eher als zufällige Verkettung tragischer Ereignisse sehen, löste aber eine Menge Diskussionen aus, ob nicht das Radfahren in Frankfurt immer gefährlicher geworden sei. Auch Presseanfragen in dieser Richtung häuften sich bei uns.

Das Radfahren ist grundsätzlich nicht gefährlicher geworden, im Gegenteil, der Radverkehr steigt weit stärker als die Unfallzahlen. 2017 auf 2016 hatten wir sogar absolut sinkende Unfallzahlen bei wachsendem Radverkehr. Trotzdem wollen wir nicht sorglos an das Thema herangehen, zumal jetzt – erfreulicherweise – viele, auch ältere Menschen das Radfahren neu entdecken und daher noch nicht sehr geübt sind. Es gibt einige objektive Faktoren, die zu steigendem Unfallrisiko führen können:

  • das Metropolenwachstum führt generell zu mehr Verkehr
  • die enorme Bautätigkeit gerade in wachsenden Metropolen wie Frankfurt führt zu ständig neuen Gefahrenstellen
  • der Lieferverkehr wächst überproportional, das Beparken von Radwegen durch diese Klientel bringt gerade Radfahrende in Gefahr
  • aggressive Varianten des Autofahrens in Großstädten (Tuning, Posing, Rennen) sind leider im Trend bei einer gewissen grenzdebilen Jungmänner-Klientel
  • die Rot-Disziplin bei Autofahrern sinkt offensichtlich

Die vier Unfälle und all die Risikofaktoren sollten den Radfahrenden keine Angst machen, auch und gerade in Frankfurt nicht. Trotzdem ist es wichtig, sich im eigenen Inter­esse ein paar allgemeine Grundregeln immer wieder vor Augen zu halten, um das eigene Unfallrisiko zu minimieren:

  • die Teilnahme im Straßenverkehr erfordert die volle (!) Aufmerksamkeit
  • Zeitdruck beim Radfahren vermeiden, er provoziert eigenes Fehlverhalten
  • gegenseitige Rücksichtnahme ist Grundprinzip der StVO
  • Sichtbarkeit ist absolut zwingend, besonders bei Schlechtwetter und bei Nacht
  • mit Fehlverhalten anderer rechnen, Blickkontakt suchen
  • nie rechts neben Lkw und Bussen stehen
  • wer bewusst Regeln verletzt, muss mit Strafe rechnen – wer aus Leichtsinn Regeln verletzt, „spielt“ mit seinem Leben.

Unsere Leser sollten diese Hinweise bitte nicht als erhobenen Zeigefinger verstehen, sondern als praktische Hilfe zum besseren Leben: wer mit Vorsicht, Rücksicht und einer gewissen Grundgelassenheit Rad fährt, hat mehr Spaß daran. Man schafft sich selbst weniger Stress, darf auch mal jemanden freundlich anlächeln, und man lebt länger.

Bertram Giebeler


Aus Anlass des Treppenabsatz-Unfalls an der Uni möchte ich mir eine Bemerkung erlauben: es gibt seit einigen Jahren eine bei Stadtplanern leider beliebte tückische Treppenvariante, nämlich aus einer Ebene ganz allmählich schräg auslaufende Absätze, bei denen die optische Unauffälligkeit zum Konzept gehört. Beispiele in Frankfurt gibt es am Rossmarkt oder vor dem Theater. Man vermutet sie nicht und man sieht sie kaum, erst recht nicht nachts. Eigentlich müsste mit rot-weißen Reflektoren vor ihnen gewarnt werden, aber das sähe dann nicht mehr gediegen aus. Unfalltote gab es deshalb noch nicht, aber ich möchte nicht wissen, wie viele Fußgänger, Radfahrer oder gar Behinderte dort schon schmerzhaft zu Fall gekommen sind. Bei aller Wertschätzung anspruchsvoller Platzgestaltung: auf diese Variante sollte künftig verzichtet werden!

Bertram Giebeler

Inhalt Ausgabe 5 (Sep/Okt) / 2018

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