Kommt gut ohne Auto zurecht: Joachim Brendel ist ehrenamtlicher Radverkehrsbeauftragter in Bad Vilbel
Foto: Rolf Oeser

Neue Möglichkeiten für den Radverkehr ausloten

Interview mit dem neuen Bad Vilbeler Radverkehrsbeauftragten Joachim Brendel

Frankfurt aktuell: Joachim, du bist am 19. November von der Stadtverordnetenversammlung der Stadt Bad Vilbel einstimmig zum ehrenamtlichen Radverkehrsbeauftragten gewählt worden. Dazu herzlichen Glückwunsch!

Joachim Brendel: Vielen Dank.

Fa: Besonders bemerkenswert an dieser Ernennung ist, dass damit zugleich auch ein neues Ehrenamt bei der Stadt eingerichtet wurde. Wie erklärst du dir dieses absolut positive, öffentlichkeitswirksame Signal für den Radverkehr?

JB: Die Stadt hat begriffen, dass der Radverkehr zunehmend an Bedeutung gewinnt. Das ist mittlerweile ein Thema, mit dem sich auch Wählerstimmen gewinnen lassen. Was den Ersten Stadtrat direkt angeht, so ist Herr Frank selber Radfahrer, er besitzt zudem kein Auto. Insofern ist die Einrichtung der neuen Funktion nicht so verwunderlich, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Die Kooperation zwischen dem Stadtrat, der Verkehrsbehörde und dem Bauamt sowie dem ADFC ist in letzter Zeit intensiviert worden – ein Umstand, der von allen Beteiligten begrüßt wird. Ich denke, man erkennt bei der Stadt die Zeichen der Zeit. Das zeigt sich unter anderem auch daran, dass sie sich des Wachstumsthemas „Pedelec“ annehmen will, eines Themas also, das dem Radverkehr das Potenzial gibt, in ganz neue Dimensionen vorzustoßen.

Fa: Ein weiterer bemerkenswerter Punkt ist die Einstimmigkeit deiner Wahl. Wie interpretierst du diesen außergewöhnlichen Schulterschluss aller Parteien im Vilbeler Stadtparlament? Der Antrag kam ja nicht von den regierenden Parteien, sondern von der SPD. Und so hätte man erwarten können, dass parteipolitische Vorbehalte zu einer Ablehnung durch die im Stadtparlament vertretene Mehrheit von Schwarz-Gelb führen.

JB: Das hängt vermutlich damit zusammen, dass ich bei allen Fraktionen schon länger anerkannt bin als jemand, der zwar in erster Linie die Radfahrerinteressen vertritt, gleichzeitig aber sehr vernetzt denkt und immer versucht, einen fairen Interessenausgleich herbeizuführen. Von Vorteil dürfte auch gewesen sein, dass ich in meinen politischen Anschauungen zu keiner bestimmten Partei tendiere.

Fa: Du hast als Vertreter des ADFC Bad Vilbel schon seit ungefähr zwei Jahren das Engagement des Vereins zur Förderung des Radverkehrs in der Stadt mitbetrieben – ein Engagement, das schon viele Jahre lang mit einigem Erfolg betrieben wird, das aber seit deinem Einstieg in den Aktivenkreis doch merklich an Fahrt gewonnen hat. Was versprichst du dir nun von der Zusammenarbeit mit den Vertretern der Stadt? Was dürfte sich aufgrund deiner neuen, offiziellen Position ändern?

JB: Die Stadt bemüht sich jetzt auch, die neue Funktion zu integrieren, indem ich in Gespräche zu Fragen, die den Radverkehr berühren, einbezogen werde, die bislang allein verwaltungsintern geführt wurden. Ich will mittelfristig dazu beitragen, dass die Infrastruktur für den Radverkehr verbessert wird. Das betrifft in erster Linie die Radwege, aber auch die Beschilderung und das Thema Abstellanlagen im Sinne einer besseren Vernetzung des Radverkehrs mit dem ÖPNV. Nun wird es möglich sein, die Bürger in radverkehrspolitischen Fragen breiter einzubeziehen. Die städtische Verkehrskommission, in der ja schon seit langem auch der ADFC vertreten ist, dürfte offener werden für neue Ideen und für bisher nicht thematisierte Probleme und Chancen des Radverkehrs in Bad Vilbel.

Fa: Was hast du dir für die ersten hundert Tage in der neuen Funktion vorgenommen? Welches sind aus deiner Sicht die dringlichsten Aufgaben, in denen du Fortschritte erreichen oder zumindest anstoßen kannst?

JB: Ich bin kein Freund von Schnellschüssen und mir kommt es nicht auf kurzfristige Aufmerksamkeitswerte an. Zunächst einmal geht es mir um eine Bestandsaufnahme und eine Einschätzung der Pläne und Konzepte für den Bereich (Rad-)Verkehr, die die Stadt sozusagen in der Schublade hat. Außerdem gilt es, die Kontakte mit den nunmehr offiziellen Ansprechpartnern zu festigen – derzeit sind dies neben dem Ersten Stadtrat Jörg Frank der Leiter der Straßenverkehrsbehörde Timo Jehner und Peter Büttner von der Bauverwaltung. Ich werde mir ein Bild darüber machen, in welchen Gremien ich Möglichkeiten haben werde, mich für den Radverkehr stark zu machen. Parallel dazu möchte ich einige Ideen des ADFC zur mittelfristigen Verbesserung der Radinfrastruktur so weit konkretisieren, dass sie im nächsten Jahr mit der Verkehrskommission und der breiten Öffentlichkeit diskutiert werden können. Dann sollte sich auch die Frage beantworten lassen, ob die Stadt Bad Vilbel ein neues Radverkehrskonzept benötigt.

Fa: Zum Schluss noch eine persönliche Frage. Was viele vermutlich gar nicht wissen: Du gehörst zu den ganz wenigen Bürgern, die kein Auto besitzen oder wenigstens eines zur Verfügung haben. Hast du dies jemals als Einschränkung empfunden – zum Beispiel bei scheinbar so banalen Dingen wie Getränkekisten vom Supermarkt nach Hause transportieren oder Sperrmüll zur Entsorgung wegbringen?

JB: Aber nein, überhaupt nicht. Ich genieße das autofreie Leben. Das heißt unter anderem, dass ich mir keine Sorgen um den nächsten Parkplatz und keine Gedanken über den Wechsel auf Winterreifen machen muss. Schließlich gibt es Lieferdienste und der Sperrmüll wird abgeholt. Für Möbeltransporte kann ich ein Lastentaxi bestellen. Es gibt so viele Möglichkeiten, die sich neu auftun, wenn man erst einmal beschlossen hat, kein Auto zu benutzen.

Fa: Du lebst also nach einem anderen, langsameren Rhythmus, der dem Zeitgeist so gar nicht zu entsprechen scheint, der alles immer schneller und immer besser, dabei aber mit so wenig Mühe wie möglich erledigt wissen will.

JB: Ja, in der Tat. Ich bin anders organisiert. Für mich gibt es nicht diese Trennung zwischen Arbeit als Mühsal und Freizeit als kompensatorischem Raum. Alles, was ich tue, tue ich mit Spaß. Ich nutze meine Fahrten mit der S-Bahn, um zu lesen. Viele alltägliche Dinge erledige ich mit dem Fahrrad oder zu Fuß, auch wenn das aus dem Rahmen des Üblichen fällt. Zuweilen sind meine Besorgungen von Fußmärschen umrahmt, die auch mal zwei Stunden dauern können. Das tut mir einfach gut. Während meiner Gänge führe ich unter Umständen auch geschäftliche Telefonate. Ich finde es absurd, wenn Leute mit dem Auto ins Fitnessstudio fahren, um dort auf dem Laufband zu trainieren.

Fa: Vielen Dank für das Gespräch, Joachim, und viel Erfolg in den ersten hundert Tagen und darüber hinaus!

Das Interview führte
Ute Gräber-Seißinger

Inhalt Ausgabe 1 (Jan/Feb) / 2013


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