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Heute die Verkehrsplanung für morgen – und
nicht die von gestern!

City-Fahrradparkhaus als Beitrag zur Lösung des zentralen Verkehrsproblems in Bad Vilbel

Bild zum Artikel Kurhausvorplatz: Hier wird mangels Abstellflächen mit Sicherungs­bügeln wenn auch diszipliniert, so doch „wild“ geparkt.
Foto: Christian Euler

Das westliche Areal des Kurparks in Bad Vilbel wird neu gestaltet. Die großen Bäume, die auf ihm standen, sind bereits gefällt.

Die Stadt hat einen Bebauungsplanentwurf vorgestellt, der eine neue Stadthalle mit gläserner Orangerie und angeschlossenem Hotel sowie die Integration des arg in die Jahre gekommenen, unter Denkmalschutz stehenden Kurhauses vorsieht. Das Projekt bedeutet Investitionen im zwei- oder gar dreistelligen Millionenbereich. Das ist ein beachtliches Volumen. Dennoch sieht es bislang lediglich eine Kfz-Tiefgarage für Stadthalle, Kurhaus und Hotel vor.

In Bad Vilbel wird das Projekt nicht einhellig begrüßt. Bedenken ergeben sich nicht zuletzt aus der strittigen Frage, wie das infolge seiner Realisierung zu erwartende zusätzliche Kfz-Verkehrsaufkommen zu bewältigen sein wird. Ob der Bebauungsplan angesichts der vorgestellten Dimensionen – Stadthalle: 1200 Sitzplätze, Kurhaus: 450 Sitzplätze, Hotel: 180 Zimmer, Tiefgarage: 370 Stellplätze – dem Test einer aktuellen Verkehrszählung und -prognose standgehalten hätte?

Zweifel daran hat unser verkehrspolitischer Sprecher Christian Euler im Rahmen der Öffentlichkeitsbeteiligung während des Bebauungsplanverfahrens in einer 17-seitigen Stellungnahme artikuliert. So beruht die Verkehrsuntersuchung zum Bebauungsplan auf einer Erhebung von Verkehrsdaten aus dem Jahr 2012, deren Ergebnisse durch sehr niedrige Temperaturen und eine Großbaustelle verzerrt wurden. Auf ihr indes fußt eine Verkehrsprognose, die aus heutiger Sicht deutlich veraltet ist und die tatsächlich zu erwartenden Verkehrsströme massiv unterschätzt, weil wichtige Faktoren wie Neubaugebiete und das geplante riesige Spaßbad nicht hinreichend berücksichtigt wurden.

Weitere kritische Punkte: Erstens wurde zwar im Bebauungsplanentwurf an zusätzlichen Kfz-Parkraum in Form einer zweigeschossigen, rund 20.000 m² messenden Tiefgarage gedacht, nicht aber auch nur an einen einzigen Stellplatz für Fahrräder. Zweitens wirft die geplante künftige Radverkehrsführung im Umfeld des Kurparks Fragen auf, da vorhandene Fuß- und Radwegebeziehungen durch einen Hotelneubau im westlichen Kurpark überbaut werden und Alternativen dafür im Bebauungsplan nicht vorgesehen sind.

Bild zum Artikel Fünf Fahrradbügel für über 30 Fahrräder vor der Mediathek am Kurhaus? Das geht nicht wirklich auf.
Foto: Christian Euler

Zu einer guten Infrastruktur gehören auch sichere und wetterfeste Radabstellanlagen, insbesondere an zentralen Mobilitätspunkten. Demgegenüber fanden sich im Entwurf des Bebauungsplans Festsetzungen zum „ruhenden Verkehr“ nur in Bezug auf Kfz-Tiefgaragen- und oberirdische Stellplätze. Für einen Pkw-Stellplatz benötigt man eine Fläche, die Platz für acht bis zehn Fahrräder oder vier Lastenräder bietet. Aus diesem Grund hatten wir der Stadt empfohlen, in den Bebauungsplan Kurpark West auch ein City-Fahrradparkhaus mit einer Kapazität von mindestens 250 Abstellplätzen für Fahrräder und mindestens 25 für Lastenräder aufzunehmen.

Die Schaffung eines City-Fahrradparkhauses wäre für den städtischen Haushalt ein äußerst kostengünstiger Beitrag zur Lösung innerstädtischer Verkehrsprobleme. Die Pkw-Tiefgarage mit 370 Pkw-Stellplätzen wird, so war in der Presse zu lesen, von den Stadtwerken Bad Vilbel finanziert und soll rund 12 Millionen Euro kosten. Das bedeutet Investitionskosten von mehr als 30.000 Euro pro Stellplatz. Zum Vergleich: In Bad Vilbel betrugen in den beiden vergangenen Jahren die Kosten für insgesamt 164 überdachte Radabstellanlagen und fünf Fahrradboxen runde 178.000 Euro. Die Stadt Bad Vilbel zahlte davon rund 37.400 Euro. Die restlichen rund 80 Prozent der Kosten wurden vom Land Hessen aus Regionalisierungsmitteln des Bundes bestritten. Pro überdachtem Radabstellplatz bzw. pro abschließbarer Fahrradbox hatte Bad Vilbel somit lediglich 221 Euro aus eigenen Mitteln beizusteuern. Geht man für ein Fahrradparkhaus von Investitionskosten in Höhe von 500.000 Euro und von derselben Förderquote von rund 80 Prozent aus, so betrüge der Eigenanteil für Bad Vilbel rund 100.000 Euro. Ein komplettes Fahrradparkhaus wie das vorgeschlagene würde die Stadt also nicht mehr kosten als gute drei Pkw-Tiefgaragenstellplätze.

Ein Fahrradparkhaus? Beileibe keine exotische Idee, aber Hessen scheint in dieser Hinsicht noch Entwicklungsland zu sein. In der Nachbarstadt Bad Homburg immerhin gibt es seit 2015 am Bahnhof ein Fahrradparkhaus mit 176 kostenfrei nutzbaren und 36 gebührenpflichtigen Stellplätzen. Realisiert wurde es von einer städtischen Gesellschaft. In Bad Homburg hat die Nachfrage in kurzer Zeit bereits so stark zugenommen, dass das Fahrradparkhaus zeitweise aus den Nähten platzt und mangels Alternativen wieder „wild“ geparkt wird, etwa an Laternenmasten und Geländern. Deshalb wird in Bad Homburg jetzt für den zusätzlichen Bedarf geplant.

Ein Bedarf an diebstahlsicheren und wettergeschützten Fahrradabstellplätzen in direkter Nähe zu bedeutenden Mobilitätsknotenpunkten besteht in Bad Vilbel ohne weiteres am Nordbahnhof. Im Umfeld von Stadtbibliothek und Kurhaus, im Zentrum der Stadt, fehlt ein solches Angebot. Die spärlich vorhandenen Abstellflächen reichen dort in Spitzenzeiten keineswegs aus. Die Zahl der abgestellten Fahrräder übersteigt diejenige der vorhandenen Fahrradbügelplätze dann nämlich um mindestens den Faktor fünf. Folglich wird wild geparkt – ohne stationäre Sicherung oder hilfsweise etwa an den Fahnenmasten vor dem Kurhaus. Auf die Hinweise des ADFC in der öffentlichen Stellungnahme antwortete der Magistrat Bad Vilbels, dass er zurzeit in Bezug auf zusätzliche Fahrradabstellmöglichkeiten im Bereich des Kurhauses keinen Handlungsbedarf sehe. Unsere Anregung, ein City-Fahrradparkhaus in das Bauvorhaben zu integrieren, wurde abgelehnt. Die Begründung: die dafür notwendige Fläche fehle und überdies sei es ein Ziel der Planung, so wenig Fläche zu versiegeln wie möglich. Insbesondere letzteres irritiert vor dem Hintergrund, dass mit dem geplanten Bau von Kurhalle und Hotel der überwiegende Teil des westlichen Kurparks, insgesamt 9.305 m², überbaut wird; ein zweigeschossiges City-Fahrradparkhaus hingegen käme bereits mit einer Grundfläche von rund 250 m² aus. Die Argumente, die der Magistrat gegen die Idee vorbringt, können nicht überzeugen. Könnte es sein, dass die Stadtregierung stattdessen wieder einmal dem Kfz die alleinige Vorfahrt gewähren will?

Immerhin folgte die Stadt unserer Anregung, in den textlichen Festsetzungen zum Bebauungsplan den Abschnitt zum „ruhenden Verkehr“ in unserem Sinne zu ergänzen. So enthält der im März 2018 vom Stadtparlament verabschiedete Satzungsbeschluss nunmehr die Festsetzung, dass „über 100 Fahrradabstellplätze nahe den Eingängen zu den öffentlichen Gebäuden“ vorzusehen sind.

Wir betrachten das als Etappenziel und sehen damit das letzte Wort in der Angelegenheit „City-Fahrradparkhaus“ als noch nicht gesprochen an. Wenn wohl auch noch viel Wasser die Nidda hinab fließen muss, bis sich die Einsicht im Magistrat Bad Vilbels durchsetzt, dass die alten Rezepte nicht für eine umweltfreundliche Verkehrswende und für lebenswerte Innenstädte taugen.

Christian Euler,
Ute Gräber-Seißinger

Inhalt Ausgabe 3 (Mai/Jun) / 2018

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