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Aufs Auto verzichtet – aufs Rad gesetzt

Radfahren in Eschborn, Teil IV

Bild zum Artikel Ein ‚normales‘ Rad und ein Lastenrad für den Transport der Jüngsten und zum Großeinkauf
Helge Wagner

In unserer Reihe „Radfahren in Eschborn“ schilderten wir in der letzten Ausgabe von Frankfurt aktuell die radverkehrspolitische Situation, berichteten über Fahrradabstellanlagen und stellten Nahmobilität und Radnutzung vor Ort dar. Schon mit der bestehenden Infrastruktur ist es für Familien möglich, bewusst aufs eigene Auto zu verzichten und bei der Mobilität ganz aufs Rad zu setzen. Wir interviewten eine Familie, die am Ortsrand von Schwalbach und Niederhöchstadt wohnt und diesen Schritt getan hat. Zur Familie Schmidt gehören zwei Erwachsene und zwei kleine Kinder.

Mal ehrlich, steht bei Euch nicht irgendwo ein Auto in einer Garage oder um die Ecke, das für schnelle Erledigungen gestartet werden kann?

Nein. Das nächste Auto, über das wir verfügen könnten, wäre ein Carsharing-Fahrzeug von Flinkster in Eschborn Süd, also zwei S-Bahn-Stationen von uns entfernt. Das könnten wir relativ kurzfristig buchen, falls es frei ist. Da überlegt man sich also schon, ob man es wirklich gerade braucht ... Meistens eher nicht.

Ein Pedelec, bei Bedarf mit Anhänger für die Kinder, damit sie bequem auch längere Strecken mitmachen können
Helge Wagner

Was war der Auslöser, aufs Auto zu verzichten und ganz aufs Rad zu setzen? Gab es nicht auch Überlegungen, dass ein Auto zwingend nötig sein könnte?

Auch als Studenten hatten wir nie ein Auto besessen; daher sind wir schon lange daran gewöhnt, das Fahrrad und öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Solange das gut funktioniert, warum sollte man sich da die hohen Anschaffungs- und laufenden Kosten eines Autos aufhalsen? Außerdem ist uns sehr bewusst, wie schädlich die Auswirkungen der massenhaften Auto-Mobilität auf Umwelt und Gesundheit sind. Je weniger Autos regelmäßig gefahren werden, desto besser für alle.

Wie erledigt Ihr Eure Einkäufe fürs alltägliche Leben, zum Beispiel in einem Supermarkt einkaufen oder wenn Getränkekisten gebraucht werden? Oder: Es muss jemand dringend zum Arzt oder gar ins Krankenhaus gefahren werden? Gerade mit zwei kleinen Kindern ...

Generell fahren wir relativ häufig zum Einkaufen und kaufen dann halt keine riesigen Mengen, so dass wir alles problemlos transportieren können. Getränkekisten passen auch in den Fahrradkorb oder ins Lastenrad. Mit dem Lastenrad fahren wir auch die Kinder schnell zum Arzt. Wenn es tatsächlich mal schnell ins Krankenhaus gehen muss, was zum Glück ja nicht so oft vorkommt, rufen wir halt ein Taxi.

Ihr seid eine vierköpfige Familie. Wer nutzt zu welchem Zweck das Rad? Was für Räder nutzt Ihr? Wie kommt Ihr zum Arbeitsplatz, wie kommt Eure ältere Tochter zur Schule?

Wir nutzen ein Fahrrad und ein Pedelec regelmäßig, um zur Arbeit bzw. zur S-Bahn zu kommen. Außerdem haben wir ein Lastenrad, mit dem wir beide Kinder und etwas Gepäck transportieren können. Damit bringen wir unsere kleinere Tochter in den Kindergarten. Der Weg wäre zu weit zum Laufen. Der Schulweg für die ältere Tochter ist so kurz, dass sie bequem laufen kann. Beide Kinder können auch selbst Fahrrad fahren, bisher aber noch nicht längere Strecken bzw. ohne unsere Begleitung.

Stöhnen die Jüngsten darüber, nicht mit einem Auto gefahren zu werden? Wie sieht es im Winter bei Frost und Schnee aus?

Sie sind es ja nicht gewohnt, mit dem Auto gefahren zu werden, also beschweren sie sich auch nicht. Für mieses Wetter haben wir eine Abdeckung für den Korb am Lastenrad, unter der die Kinder schön warm und trocken bleiben. Die relativ kurzen Strecken, die wir regelmäßig zu bewältigen haben, schaffen wir bei fast allen Witterungsverhältnissen. Sollte es allzu stürmisch, eisig oder verschneit sein, können wir immer noch Fahrgemeinschaften organisieren oder ein Taxi benutzen.

Was macht Ihr, wenn mal am Rad was kaputt ist? Wie kommt Ihr dann mit dem Radschaden zum nächsten Fachgeschäft? Weder in Schwalbach noch Eschborn ist ein Fahrradgeschäft.

Unser erster Ansprechpartner, wenn etwas repariert werden muss, ist der „biketempel“. Das ist ein Bus, der zu einem mobilen Fahrradladen einschließlich Werkstatt umgebaut wurde. Dort haben wir unser Pedelec und das Lastenrad gekauft. Meistens vereinbaren wir einen Termin, an dem das Fahrrad abgeholt wird. Bei Bedarf können wir dann auch ein Ersatzfahrrad bekommen – allerdings normalerweise kein Ersatz-Lastenrad. Wenn das mal für ein paar Tage fehlt, müssen wir improvisieren. Immerhin haben wir auch noch einen Anhänger, der an unser Pedelec gehängt werden kann und in den ein Kind passt – früher beide, aber jetzt sind sie schon etwas zu groß. Wichtig ist immer, dass wir morgens einen guten Plan haben, wie und wann wir alle notwendigen Wege schaffen können. Der kann sich dann auch gerne mal spontan ändern. Das sind wir gewohnt, und letztlich funktioniert es immer irgendwie.

Ihr dürftet Eure Heimatregion durch das viele Radfahren gut kennen. Sicher zieht es Euch auch mal mit dem Rad in die Ferne oder Ihr verbringt Euren Urlaub und die Ferien damit. Wie organisiert Ihr das, und was war Euer weitestes Reiseziel mit dem Velo?

Bevor wir Kinder hatten, haben wir auch längere Touren gemacht, etwa am Rhein oder an der Donau entlang, durch Finnland und Irland. Mit den Kindern haben wir bisher noch keine längeren Fahrrad-Ausflüge unternommen. In den letzten Jahren haben wir für unseren Sommerurlaub ein Auto gemietet – was uns aufs Jahr umgerechnet noch immer weniger gekostet hat als die laufenden Kosten eines eigenen Autos. Wenn unsere Kinder etwas größer sind und mehr Übung im Fahrradfahren haben, werden wir sicher auch einige Touren gemeinsam unternehmen.

Die umliegenden Kommunen sind bemüht, einiges für den Radverkehr umzusetzen. Es mangelt aber noch an vielem. Was müsste Eurer Meinung nach zur Förderung des Radverkehrs getan, wo muss dringend etwas verbessert werden?

Die Kreuzung am Eschborner Bahnhof ist oft schwierig, nicht nur für Radfahrer – aber die soll ja wohl demnächst umgebaut werden. In Schwalbach gibt es die eine oder andere Straße, auf der man sich als Radfahrer nicht richtig sicher fühlen kann. Neben Straßenschäden sind da vor allem enge Stellen, an denen Autos keinen ausreichenden Abstand halten, oder unübersichtliche Stellen, an denen wir etwa von ausparkenden Autofahrern leicht übersehen werden.

Was müsste seitens der Stadtparlamente und der Stadtverwaltung verkehrspolitisch auf den Weg gebracht werden?

Wir würden uns freuen, wenn der Fahrradverkehr bei der Planung von Baumaßnahmen zunehmend Berücksichtigung fände. Die Verlagerung des Individualverkehrs vom Auto zum Fahrrad ist ja allgemein erwünscht – deshalb müsste sie auch seitens der Infrastruktur unterstützt werden.

Kennt Ihr den ADFC? Was wisst Ihr über ihn?

Ja, obwohl wir bisher nicht Mitglieder sind. Aber wir wissen natürlich, dass sich der ADFC sehr vielfältig für die Interessen von Fahrradfahrern engagiert – von handfestem Service für Radfahrer bis zur Verkehrspolitik. Von vielen dieser Aktivitäten haben wir bereits profitiert, und dafür sind wir dankbar.

Vielen Dank für das Interview.

Helge Wagner

Inhalt Ausgabe 2 (Mär/Apr) / 2019

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