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Achim Isenberg war viele Jahr im ADFC Frankfurt am Main aktiv, u. a. als Schatzmeister des Vereins. Vor einiger Zeit ist Achim aus beruflichen Gründen nach Düsseldorf verzogen. Erste Rad-Erfahrungen in der Stadt am Rhein bewogen ihn dazu, in „Rad am Rhein“, der Düsseldorfer ADFC-Publikation, einen vorsichtigen Vergleich mit der alten Heimat am Main zu wagen. In Düsseldorf wurde der Text mit Bildern aus Frankfurt illustriert. In „Frankfurt aktuell“ zeigen wir Aufnahmen aus der Nordrhein-Westfälischen Landeshauptstadt.


Bild zum Artikel Düsseldorf-Medienhafen mit Fernsehturm, dem gläsernen Stadttor und den Gehry-Bauten
Achim Isenberg

Nur die Altstadt ist autofrei

Radfahren in Düsseldorf und Frankfurt am Main
– ein Vergleich

Im April 2018 bin ich aus beruflichen Gründen von Frankfurt nach Düsseldorf umgezogen. Weder dort noch hier hatte/habe ich ein Auto. Die allermeisten Wege lege ich – wie sicherlich viele Leser – mit dem Fahrrad zurück. Obwohl beide Städte in vielen Aspekten vergleichbar sind, nehme ich als Radfahrer doch deutliche Unterschiede wahr. Im Folgenden möchte ich Gemeinsamkeiten, Unterschiede, subjektive Eindrücke und objektive Fakten darstellen.

Frankfurt am Main (750.000 Einwohner) ist geringfügig größer als Düsseldorf (640.000 Einwohner). Auf 1.000 Einwohner kommen jeweils mehr als 400 Autos. Beide Städte sind Pendlerstädte mit einem deutlichen Überschuss an Einpendlern.

Im ADFC-Fahrradklimatest 2016 haben sie dennoch recht unterschiedlich abgeschnitten. Frankfurt am Main überdurchschnittlich gut mit der Note 3,8 (Rang 12) und Düsseldorf unterdurchschnittlich schlecht mit der Note 4,2 (Rang 28) von 39 Großstädten. In beiden Städten wird besonders häufig moniert, dass Falschparken auf Radstreifen und Radwegen zu wenig kontrolliert und geahndet wird. In Frankfurt stechen noch die häufigen Fahrraddiebstähle heraus. Die schlechte Verkehrsführung an den Düsseldorfer Baustellen wird als weiterer Kritikpunkt hervorgehoben.

Das entspricht auch meiner subjektiven Wahrnehmung. Ich habe zwar das Privileg, dass mein täglicher Arbeitsweg am Rhein entlang, über die Oberkasseler Brücke, durch den Hofgarten und dann quer über die Kö führt, sobald ich jedoch die großen Nord-/Südachsen nutze oder die Gegend um den Hauptbahnhof erreiche, fühle ich mich als Radfahrer benachteiligt und an den Straßenrand gedrängt. In Frankfurt am Main gibt es eine Vielzahl von Schutzstreifen an Hauptverkehrsstraßen. In Düsseldorf fehlen diese häufig oder sind zu schmal. Dazu kommen in vielen Stadtteilen die Straßenbahnschienen, die für Radfahrer eine große Unfallgefahr darstellen. Ich spreche da aus eigener leidvoller Erfahrung. Hinsichtlich der Baustellen habe ich den Eindruck, dass die sichtbehindernde und großflächige Eigenwerbung der Bauträger an den Absperrzäunen eine größere Bedeutung als die Verkehrssicherheit genießt.

Bild zum Artikel Auf den Wegen am Niederrhein nördlich von Düsseldorf macht Radfahren Spaß
Achim Isenberg

Lässt sich diese Beobachtung statistisch belegen? Ja und Nein. Die Stadt Düsseldorf will laut Haushaltsplan 2019 2,1 Mio. Euro für Radwege ausgeben. Umgerechnet sind dies 3,28 Euro pro Einwohner und Jahr (Quelle: RP). Die Stadt Frankurt steht mit 4,30 Euro bessser da (Quelle: Kurzstudie Greenpeace). Die Unfallstatistik lässt dagegen das Radfahren in Düsseldorf sicherer erscheinen: 806 Unfälle mit Radfahrerbeteiligung, d. h. das Risiko, einen Radunfall zu erleiden, liegt bei 1 zu 794. Zum Vergleich dazu Frankfurt: 1 zu 702. Die Chancen für den Höchstgewinn im Lotto liegen bei 1 zu 140.000.000. In beiden Städten waren im Jahr 2017 zwei getötete Radfahrer zu verzeichnen. Sind dies die entscheidenden Unterschiede? Ich denke eher nicht.

Wenn ich die tägliche Berichterstattung in der Rheinischen Post verfolge, habe ich eher den Eindruck, dass die Radfahrer und ihre Belange noch nicht ausreichend in den Köpfen der Verantwortlichen angekommen sind. In Frankfurt werden an allen wichtigen Knotenpunkten formschöne Bügel oder sogar überdachte Fahrradabstellanlagen aufgestellt. In Düsseldorf löst jeder wegfallende Autostellplatz eine breite öffentliche Diskussion aus.

Überhaupt scheint das Thema „ruhender Verkehr“ – also Parken – in Düsseldorf besonders brisant zu sein. Eine Freundin sagte mir ernsthaft, dass sie abends nicht zu spät nach Hause kommen dürfe, da sie sonst im Zooviertel keinen Parkplatz mehr bekäme. Dabei habe ich den Eindruck, dass Parken in der Stadt generell überall möglich ist und auch toleriert wird. Also unabhängig von der Beschilderung oder der Straßenbreite. Gerne wird auch in zweiter Reihe geparkt. Letzteres gilt insbesondere für Lieferdienste. Man setzt sich Beschimpfungen aus, wenn man darauf hinweist. In der Folge werde ich als Radfahrer gefährdet, der Bus kommt nicht mehr durch und selbst geländegängige SUVs müssen passen. Vor meiner eigenen Haustür in der Kanalstraße und Alt-Niederkassel beobachte ich dieses Chaos täglich. Dabei sind wenige Meter weiter auf dem Kaiser-Friederich-Ring noch viele Parkplätze verfügbar. Die Anlieger in meiner Straße verteidigen ihre Grundstücke inzwischen mit Pollern und großen Blumenkästen.

Ich mag zu kritisch sein, da ich in Frankfurt am Main in einem reinen Wohngebiet mit vielen Tiefgaragenplätzen gelebt habe. Aber selbst in anderen Stadtteilen Frankfurts war die Aufrechterhaltung des fließenden Verkehrs wichtiger als der ruhende Verkehr.

Ich habe daher folgende Fragen:

  • Warum glauben die Menschen in dieser Stadt, dass kostenloses Parken vor der Haustür ein Menschenrecht ist?
  • Warum hat im Verkehrsamt niemand den Mut, in schmalen Straßen mehr einseitige Parkverbote einzurichten?

Bereits im Jahr 2009 wurde die Hauptwache, ein großer Platz und mittlerweile Teilbereich der Frankfurter Fußgängerzone, für den Autoverkehr gesperrt. Die Befürchtungen des Einzelhandelsverbandes hinsichtlich des deshalb drohenden Weltuntergangs sind nicht eingetreten. Der Platz wird für Feste aller Art intensiv genutzt. Mit anderen Worten: Experiment gelungen. Warum probiert Düsseldorf dies nicht einmal auf der Kö oder zumindest auf einer Straßenseite aus? Die erhöhte Aufenthaltsqualität bei den diversen Veranstaltungen – und den damit verbundenen Sperrungen – auf der Kö sprechen doch eindeutig dafür. Auch die Entscheidung vor 25 Jahren den – nunmehr gefeierten – Rheinufertunnel zu bauen war teuer und hat sicherlich politischen Mut erfordert. Eine Sperrung der Kö kostet dagegen erst mal nichts und ist zudem jederzeit reversibel. Hierzu ein Gedankenexperiment: Wenn man die von der Wirtschaft vorgetragene Argumentation auf die glücklicherweise autofreie Altstadt überträgt, müsste die Forderung laut werden, den Autoverkehr dort wieder zuzulassen. Dann könnten nämlich die Kunden direkt zu den Geschäften fahren, ihre Autos dabei dem Publikum vorführen und auch vor dem Uerigen parken. Platz für Menschen gäbe es dann aber nicht mehr.

Spaß macht hingegen das Radfahren außerhalb des Stadtgebiets von Düsseldorf. Die Wege auf dem Rheindeich von Niederkassel zum Schiffsanleger Kaiserwerth und rechtsrheinisch zurück in die Innenstadt via Stockum und Golzheim sind gut ausgebaut und auch landschaftlich reizvoll. Auch die Strecke nach Neuss gefällt mir sehr gut. In der Stadt gibt es entlang der Düssel traumhaft idyllische Wegabschnitte. In Frankfurt fährt man am Main und seinem kleinen Nebenfluss, der Nidda, dagegen abends und an Wochenenden häufig Slalom, da zu wenig Platz für Fußgänger und Radfahrer ist.

links: Baustellenabsperrung des Radwegs auf der Oberkasseler Brücke. Allerdings beginnt die Baustelle erst am gegenüberliegenden Ufer.
mitte: Baustellenabsperrung des Radwegs auf der Oberkasseler Brücke. Allerdings beginnt die Baustelle erst am gegenüberliegenden Ufer.
rechts: Anwohner in Düsseldorf-Niederkassel verteidigen ihre Hofeinfahrt mit Steinen gegen parkende Pkw
Achim Isenberg

Ich befürchte, dass mein Beitrag insgesamt politischer geworden ist, als er anfangs gedacht war. Aber dazu möchte ich aufrufen: Düsseldorf ist eine schöne Stadt! Mehr Flächen für Fußgänger und Radfahrer würde sie noch deutlich lebenswerter machen.

Achim Isenberg

Inhalt Ausgabe 3 (Mai/Jun) / 2019

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