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Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Frankfurt am Main

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Artikel dieser Ausgabe

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Die Kneipe mit Kuhschwanz-Bier ist leider geschlossen
Fotos: Günther Gräming

Geschichten von der Elbe

Sind Reiseradler besonders leichtgläubig oder besonders vertrauenserweckend? Jedenfalls sind sie flüchtige Gesellen, denen man alles erzählen kann, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. So erfährt man im folgenden Text einiges von und über Menschen an der Elbe, das in keinem Reiseführer steht.

Es ist Mitte Mai. Meine Reise an die Elbe führt mich und mein Rad per Intercity zunächst nach Hamburg-Harburg. Und das in einem Zug, immerhin! Ab hier fährt das "Metronom"; eine nichtstaatliche Eisenbahn, nach Cuxhaven. Die Metronom-Schaffnerin besteht darauf, dass ich und mein Rad den Waggon wechseln und von einem leeren in den benachbarten (ebenfalls leeren) gehen. Es könnten ja noch Kinderwagen kommen. Da ich nicht weiß, welche Zwangsmaßnahmen dem Metronom zu Gebote stehen, folge ich lieber, allerdings innerlich grollend.

Beim Frühstück am nächsten Morgen in Cuxhaven treffe ich auf ein Paar aus Gera. Beide waren am Vortage am Wattenmeer, um sich davon zu überzeugen, dass das Wasser tatsächlich mal eben weg ist. Das glaubt in Gera keiner, man sei ja dort weit vom Meer entfernt. Aber in zwei Wochen wollten sie wieder zurück sein, alle Unterkünfte seien schon gebucht. Danach werde man selbst in Gera Ebbe und Flut kennen.

Martin Luther beschimpft den Papst auf Hochdeutsch

Was gibt es noch in Cuxhaven? Die Kugelbake am äußersten Ende der Elbe; Riesenschiffe in voller Fahrt und zum Greifen nah; Matjes; Off-Shore-Windräder im Bau, erkennbar an langen gelben Stelzen. In der Kirche von Cuxhaven-Lüdingworth beschimpft Martin Luther den Papst auf Hochdeutsch; Jesus dagegen hält das Abendmahl auf Plattdeutsch.

Die Fähre nach Brunsbüttel fährt heute ausnahmsweise nicht wieder zurück. Deswegen sind ausschließlich Radler auf dem Schiff. Vor der Abfahrt grüßt ein Postfahrer vom Kai die Crew und ruft: "Mein Chef sagt, ich soll immer schön auf der Straße bleiben". Es geht durch die Schleusen in den Kiel-Kanal, dann per Rad nach Glückstadt. Alle drei Atomkraftwerke (Brunsbüttel, Brokdorf und später Krümmel) sind abgeschaltet, das beruhigt ein wenig, obwohl den Dingern nie zu trauen ist.

Die Beine der Deicharbeiter sind repariert

Ich fahre am nächsten Tage mit der Fähre nach Wischhafen und dann wieder flussabwärts nach Otterndorf, wo ich meine Freunde treffe, die in Vegesack gestartet sind. Eine Frau erzählt von Deicharbeitern, denen ein Unhold die Beine abgehackt habe. Aber man habe sie wieder repariert. "Eine Plastik also?" frage ich. Antwort: "Nein, aus Metall!"

Gerhard wird ab jetzt vor allem Dinge fotografieren, die man nur vom Fahrrad aus entdecken kann. Es geht gemeinsam zurück nach Glückstadt. Merke: Man frage in Touristenbüros die Leute niemals nach guten Restaurants. Entweder dürfen sie nichts sagen, oder sie erzählen Unsinn. Man frage auch niemals Einheimische nach dem Weg. Entweder leiten sie einen in die Irre, oder man muss sie düpieren, weil man ihrem Rat nicht folgt.

Die Russen seien ja früher an allem schuld gewesen

Am nächsten Tag weiter nach Hamburg und quer durch die Stadt in Richtung Altengamme im äußersten Südosten der Hansestadt. Der Bett&Bike-Betrieb in Altengamme gehört einem Imker. Nach meinem Besuch dort im Jahr zuvor habe ich mir zu Hause auch ein "Bienenhotel" gebastelt. Mehr als die Hälfte der "Zimmer" ist belegt, wie ich ihm stolz berichten kann.

Seit etwa 400 Jahren tickt eine Pendeluhr, eingebaut in die Holzwand, in einer Kneipe nebenan. Wir treffen einen Baggerführer aus Magdeburg. Er baggert in der Elbe, wann immer es etwas zu baggern gibt, also immer. In Magdeburg hat er schon mal einen Blindgänger nach oben gefördert. Beim Bau einer Fischtreppe an der Staustufe bei Geesthacht seien zwei Bagger in der Elbe versunken. Rund 50 mal 50 Meter sei sie groß mit vielen Becken und einer Elektronik zum automatischen Zählen der Fischarten. Sie habe 30 Millionen Euro gekostet, auch deshalb, weil sie gegen die Russen geschützt werden müsse, die sie sonst abfischen würden. Die Russen seien ja schon früher an allem schuld gewesen. Und die "Windmühlen" in Cuxhaven sollen auf ihren gelben Stelzen an ihre Standorte im Watt "wandern", das sei allerdings noch nicht behördlich genehmigt. (Wir äußern höflich unsere Zweifel.)

In Geesthacht kennt niemand die Fischtreppe. Wir hingegen sehen sie deutlich, Reiseradler halten eben die Augen offen! In Bleckede-Radegast waren wir vor acht Jahren schon einmal. Wir erfahren bei einer Rast im Gasthaus das Wichtigste in Kürze: Erika hat ihren Camping-Platz an einen Holländer verkauft. Der Platz ist jetzt im Winter geschlossen. Das hat alle Hartz-IV-Leute aus Hamburg vertrieben. Der Camping-Kalfaktor hat Strom abgezapft und musste gehen. Bruno aus Wendewisch hat seine Kneipe aufgegeben, betreut jetzt Hunde in Boizenburg und wartet auf seine Rente. Wir setzen zweimal mit der Fähre über die Elbe und landen in Hitzacker. Unser Wirt ist Fischer und aus ungenannten Gründen auf "die da drüben" (anderes Elbufer) nicht gut zu sprechen.

Der Autor hat die Fahne nicht geklaut!

Gulaschsuppe wahlweise vom Schwein oder vom Pferd

Weiter über die lange Brücke nach Dömitz. Es gibt Auerochsen-Bockwurst in einem sehenswerten Kaufhaus. Ein entgegenkommen-der Radler kommt aus Berlin und will nach Lübeck. Er hat am Elbdeich kampiert und führt seinen Grill auf dem Gepäckträger mit sich. In Lenzen am Elbhafen im Angebot: Gulaschsuppe wahlweise vom Schwein oder vom Pferd. Weiter bis Wittenberge, früher ein riesengroßer Bahnhof. Unser Hotelier fuhr als Lokomotivführer Dampf-züge aus Magdeburg hierher, acht Stunden auf nur einem Gleis. Als Gastwirt jedoch war schon damals sein Verdienst erheblich höher. Der Hauptgrund dafür war die Elbschifffahrt mit Essen, Trinken und weiteren deftigen Vergnügungen an Bord, an denen einheimische Mädchen gerne beteiligt waren. Heute gibt es fast keine Elbschiffe mehr; Fahrräder ersetzen sie, wenn auch nur unzureichend.

Die Turmuhr auf dem Gelände der ehemaligen Singer-Nähmaschinenwerke hat die größten Zeiger aller Uhren. Wir treffen eine Alleinradlerin aus Mecklenburg, die dem drohenden Gewitter mit Gottvertrauen trotzt und nach Tangermünde weiterfährt. Ihr Mann sei auf einem der offenbar weltumspannenden Jakobswege von Rostock nach Köln gewandert, etwa 1000 km. Wir haben kein Gottvertrauen und fahren nur bis Arneburg mit Resten einer Burg aus dem frühen Mittelalter.

Die Kneipe mit Kuhschwanz-Bier ist leider geschlossen

Am nächsten Tag geht's zunächst in die Hansestadt Tangermünde mit vielen Backsteinbauten; Kaiser Karl IV. (Goldene Bulle) und Friedrich I. von Brandenburg werden hier verehrt. Karl hat seinerzeit die Altmark "erworben", Friedrich war ihr erster Kurfürst. Die Radlerin vom Vortage bleibt verschollen. Wir machen uns Sorgen um sie wegen des schweren Gewitters und trotz ihres Gottvertrauens. Die Kneipe mit Kuhschwanz-Bier ist leider geschlossen.

Kloster Jerichow hat einen Kiosk mit einem Storchennest in nur fünf Metern Höhe darauf. Die Störche müssen nicht nur ihre Jungen füttern, sondern auch das durch Gewitter mit Hagel am Vortage beschädigte Nest flicken. Wir können leider nur zuschauen und Kaffee trinken. Weiter zur Trogbrücke des Wasserstraßenkreuzes bei Magdeburg, dann bis Lostau kurz vor Magdeburg.

Den Kräuterlikör Bibergeil gibts in Steckby

Am nächsten Tage rechtselbisch an Magdeburg vorbei. Der Fährmann bei Breitenhagen hat gerade Mittagsruhe, sein Pech. Wir pausieren in Steckby und kaufen einen Kräuterlikör namens "Bibergeil", des Namens wegen. Mit einem "Fährschein" für die Fähre bei Aken setzen wir über. Bei Reppichau treffen wir auf den Europaweg R1. Im Informationszentrum zu Eike von Repgau und seinem "Sachsenspiegel" schrecke ich drei Damen auf, die mir unbedingt Geschenke machen wollen. Ich bestehe jedoch darauf, eine Broschüre zu kaufen. "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst." So formulierte einst Eike fundamentales sächsisches Bauernrecht.

Unser Hotelier in Dessau-Mosigkau, im früheren Leben Pionier, beklagt lebhaft die Fehlleistungen Unkundiger bei den großen Überschwemmungen nach der Wende. Früher hätten die Pioniere, ohne lange zu fackeln, den Deich an geeigneter Stelle einfach gesprengt, um Wohngebiete zu schützen. Der Fluss Mulde war zwar immer schon Kern des Problems. Aber früher gab es keine wirtschaftlichen Interessen, die sich gegenseitig blockierten, Stichworte: Baugrund, Landwirtschaft, Strom aus Talsperren.

Bevor versprengte Pioniere mir bei Gewitter den Elbdamm unter dem Rad wegsprengen und dieser Text zu lang wird, steige ich in Dessau in den Zug und fahre über Halle und Kassel nach Hause. Der Rest der Gruppe folgt weiter dem R1 und der Elbe bis Meißen.

Günther Gräning