Georgios Kontos ist der Radverkehrsbeauftragte beim Regionalverband FrankfurtRheinMain
Foto: Peter Sauer

Verkehr heißt jetzt Mobilität

Was macht eigentlich der Radverkehrsbeauftragte beim Regionalverband FrankfurtRheinMain?

Georgios Kontos ist seit gut einem Jahr Radverkehrsbeauftragter beim Regionalverband FrankfurtRheinMain. Er trat dort die Nachfolge von Joachim Hochstein an, der jetzt das Frankfurter Radfahrbüro leitet. Kontos, gebürtiger Mainzer und aufgewachsen in Bad Kreuznach, hat in Darmstadt Architektur und Städte­­bau studiert, eine zweijährige Weiterbildung zum Bauassessor in Frankfurt abgeschlossen und lebt in Offenbach. Er fährt selbstverständlich mit dem Rad zur Arbeit. Sigrid Hubert und Peter Sauer haben ihn dort besucht.

Das Aufgabenfeld des Radverkehrsbeauftragten in grafischer Darstellung
Foto: Peter Sauer

Der Regionalverband hat seinen Sitz an der Nordseite des Frankfurter Hauptbahnhofs. Neben dem Eingangsbereich befinden sich einige Radabstellbügel, die hoffnungslos überbelegt sind, so dass umliegende Masten und Gitter aushelfen müssen. Das Büro des Radverkehrsbeauftragten liegt im dritten Stock, durch die Fenster ist eine triste, graue Hausfassade zu sehen. An den Wänden hängen Planungsskizzen zu einer Radschnellstrecke zwischen Darmstadt und Frankfurt und Detailpläne des Gewerbegebietes „Gateway Gardens“, überörtliche Verkehrsplanungen, Bike&Ride-Übersichten, eine Stadtkarte von Langen. Darunter lehnt eine Tafel, auf der das Aufgabengebiet des Radverkehrsbeauftragen umrissen wird. Hier arbeitet Georgios Kontos an der „interkommunalen Radverkehrsförderung“ und entschuldigt sich gleich für die dürftige Fahrradabstellanlage: eine Baustelle verhindere vorübergehend den Zugang zu vernünftigen Stellplätzen.

Das Fahrrad in der Mobilitätskette
Kontos legt engagiert los, spricht nahezu druckreif. Die breit gefächerte Ausbildung ist spürbar, der junge Mann ist „sattelfest“ nicht nur bei Radverkehrsthemen. Denn Radverkehr, meint er, ist keine singuläre Angelegenheit mehr, die sich auf die Konzeption von Verkehrsanlagen beschränkt. Stadtentwicklung und Stadtplanung befinden sich im stetigen Wandel, der Verkehr als elementarer Bestandteil ist aus einer rein technizistischen Planung in eine breitere Diskussion um das Thema Mobilität übergegangen. Mobilität als Beschreibung eines gesamtgesellschaftlichen Prozesses, in dem alle Verkehrsarten und -formen Berücksichtigung finden. Und genau hier sieht der Radverkehrsbeauftragte einen Schwerpunkt seiner Arbeit – den Radverkehr als gleichberechtigten Teil der Mobilitätskette in den ­Köpfen von Planer-/innen, Verwal­tungs­mitarbeiter-/innen und Politiker-/innen zu verankern.

Oft nur eine Stunde pro Woche für den Radverkehr
Kontos hat sich vorgenommen, jede einzelne der 75 Kommunen im Verbandsgebiet aufzusuchen, um vor Ort Gespräche über die Radverkehrssituation zu führen. Eine Umfrage bei den Radverkehrsbeauftragten der Gemeinden ergab, dass diese oftmals bestenfalls 1 bis 2 Stunden pro Woche für den Radverkehr erübrigen können, da sie überwiegend mit anderen Arbeiten belastet sind. Beispiel Offenbach: Der Radverkehrsbeauftragte ist für die Ampelanlagen und sämtliche Verkehrsfragen zuständig. Beispiel Bad Vilbel: Nur dank des Engagements eines ehrenamtlichen Radverkehrsbeauftragten (hier Joachim Brendel vom ADFC) werden viele Projekte überhaupt angegangen.

Zumeist mittwochs fährt Kontos in eine der Gemeinden, um Radverkehrsthemen direkt vor Ort zu besprechen, die Verantwortlichen zu motivieren, zu beraten und ganz konkret Unterstützung anzubieten. Das kann bedeuten, dass er Fördermöglichkeiten für Investitionen in den Radverkehr vorstellt und hilft, die entsprechenden Anträge auf den Weg zu bringen. Viele kleinere Projekte scheitern an fehlender Beratung der Kommunen. Fristen für Anträge werden nicht eingehalten oder die sogenannte Bagatellgrenze von 50.000 Euro für Fördermittel wird von einer Kommune allein nicht erreicht. Vernetzung sei hier wichtig, erläutert Kontos, um zwei oder drei nebeneinander liegende Kommunen für ein Projekt zu begeistern und gemeinsam tätig werden zu lassen, z. B. um einen Radweg an einer Landesstraße auszubauen und damit gemeinsam an Fördergelder zu kommen. Hier hilft das persönliche Gespräch oder eine Befahrung vor Ort, eventuell mit den politisch Verantwortlichen und dem örtlichen ADFC, um Hürden zu überwinden und Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln. Kommunikation ist das Allerwichtigste, meint Kontos, Radverkehr muss endlich in den Köpfen aller am Thema Mobilität Beteiligten ankommen.

Zwei Kernaufgaben: Radwegenetz und RADforum
Zwei Kernaufgaben sieht der Radverkehrsbeauftragte für sich: Das überörtliche Radwegenetz im Verbandsgebiet, rund 2.400 km lang, ist noch nicht überall geschlossen und muss fortentwickelt werden. Immerhin sind diese überörtlichen Radverbindungen im Regionalen Flächennutzungsplan dargestellt, dem Instrument der vorbereitenden Bauleitplanung. Das ist bundesweit immer noch einmalig.

Die zweite Kernaufgabe beinhaltet das RADforum RheinMain als Austauschplattform für alle Akteure im Radverkehr. Dieses Netzwerk spricht halbjährlich einen Kreis von rund 200 Personen im Verbandsgebiet und darüber hinaus an, die sich mit Radverkehr befassen. Immerhin 50 bis 80 Teilnehmer finden dann jeweils den Weg zum Radforum. Die Diskussionsthemen variieren. Zuletzt stand die Radwegebenutzungspflicht auf der Tagesordnung. Ein schwieriges Thema, wie Kontos findet. Viele Kommunen fühlen sich überfordert, beschäftigen sich zu wenig mit dem Thema, heben die Benutzungspflicht einfach überall auf oder packen es erst gar nicht an. Ein oftmals falscher Weg, hier sei Unterstützung notwendig, müssten die Kenntnisse der Rechtslage erweitert werden. Frankfurt sei da sicherlich besser aufgestellt als viele kleinere Kommunen im Regionalverband. Hier kann die Austauschplattform Radforum Impulse setzen und wesentliche Beiträge zur Fortentwicklung der Radverkehrssituation leisten.

Darüber hinaus wagt Kontos den Blick über den Tellerrand. Was tun andere, wo kann man sich Anregungen holen? Eingeladen zum Radforum war schon der Koordinator der Vierjahres-Radkampagne „Radlhauptstadt München“, der von seinen Erfahrungen berichtete. Zum nächsten Forum mit dem Schwerpunkt Radabstellanlagen sind neben Experten zu diesem Thema auch Wiener eingeladen, die über die Kontinuität in Stadt- und Radmarketing in Österreichs Metropole berichten. Dieser Blick über den eigenen Tellerrand bestätigt dem Planer: Ein wesentlicher Teil des Mobilitätswandels liegt darin, dass sich nicht nur Verkehrswissenschaftler, sondern eben überall auch viele andere Gruppen mit dieser Thematik auseinandersetzen.

Den Radverkehr frühzeitig mitdenken
Neben den beiden Kernaufgaben arbeitet Kontos an verschiedenen Projekten. Eines davon ist der Arbeitskreis „Radanbindung an den Stadtteil Flughafen“. Bei Deutschlands größtem Airport mit tausenden von Arbeitsplätzen spielt der Radverkehr bisher kaum eine Rolle. Dazu entsteht mit Gateway Gardens ein großer Dienst­leistungs­standort mit bis zu 20.000 weiteren Arbeitsplätzen im Jahre 2021 direkt am Flughafen, der per Rad gut zu erreichen ist. Kontos setzt sich auf sein Velo und probiert es aus: In 31 Minuten fährt er vom Büro am Hauptbahnhof nach Gateway Gardens. Hier, wo vier neue, 60 m hohe Bürogebäude entstehen, findet er in den Wettbewerbsunterlagen zur Erschließung des Areals kein einziges Wort über den Radverkehr. Keine Abstellanlagen, keine Duschen, nichts dergleichen ist vorgesehen. Wie will man so die Menschen aufs Rad bringen, fragt er entnervt und drängt darauf, dass zukünftig in jeder Wettbewerbsausschreibung ein Passus unmissverständlich darauf hinweist, dass der Radverkehr bei der Projektplanung zu bedenken ist. Viele Maßnahmen für den Radverkehr sind „Sowieso-Maßnahmen“ – berücksichtigt man das Fahrrad direkt bei der Planung, fallen für diese Maßnahmen kaum zusätzliche Kosten an. Das ist leider noch nicht überall angekommen. Kontos verweist auf die Offenbacher Hafeninsel. Dort entsteht Wohnraum auf alten Industrieflächen. „Wie sollen Bewohner ohne Auto leben können, wenn nicht ausreichend alternative und attraktive Angebote bereitgestellt werden oder gleich durch Anpassung der Stellplatzsatzung reagiert wird?“, stöhnt der Planer. Hier sei noch viel zu tun, bis ein Umdenken bei seinen Planerkollegen stattfinden wird.

Ein anderes Arbeits-Projekt sind Radtouren. Zum einen will Kontos Planer aus den Verwaltungen aufs Rad bitten, um mehr Verständnis für Radler zu erreichen. Zum anderen bietet er öffentliche Themen-Touren an, an denen jeder nach Voranmeldung teilnehmen kann.

Anlässlich der European Transport Conference in Frankfurt organisierte er mit dem Radfahrbüro Frankfurt eine Tour durch die Stadt – für Fachplaner aus ganz Europa. 60 Anmeldungen für die 25 Plätze zeugen vom Erfolg. Kontos wird deshalb in diesem Jahr zwei Touren zu dieser Konferenz anbieten. Für viele Besucher, die sich sonst nur zwischen Hauptbahnhof und Messe bewegen, bietet eine Radtour durch die Stadt positive Überraschungen, weckt geradezu Glücksgefühle. Viele der Mitfahrer sind erstaunt darüber, wie gut Radfahren in Frankfurt möglich ist. Mehr zu sehen gibt es allemal: Auf den Spuren von Ernst May konnte Kontos den mitradelnden Studenten sechs Siedlungen zeigen, einfach indem er durch Frankfurt radelte. Zu Fuß wäre nur der Besuch einer einzelnen Anlage in der Rö­mer­stadt möglich gewesen.

Im Projekt Bike + Business verfolgt der regionale Radverkehrsplaner in Zusammenarbeit mit dem ADFC Hessen eine neue Strategie. Bisher wurden einzelne Groß­unter­neh­men angesprochen, inzwischen sind 31 Betriebe in der Region bei Bike + Business aktiv. Mehr könne man erreichen, wenn man zukünftig stärker in die Fläche gehe, glaubt Kontos. Hier kommt wieder Gateway Gardens in Gespräch – statt nur einen einzigen größeren Betrieb für Bike + Business zu gewinnen, wäre es besser, alle dortigen Firmen an einen Tisch zu holen, um zusammen über die „letzte Meile“ zum Arbeitsplatz nachzudenken. Eine gemeinsame Strategie für den Radverkehr könnte es einfacher machen, Abstell­anlagen, Radwege, Duschen usw. zu realisieren. Auch für andere Standorte wie Bürostadt Niederrad oder Gewerbegebiete in Sulzbach und Ginsheim-Gustavsburg könnten solche Konzepte erarbeitet werden.

Wir müssen uns um die „letzte Meile“ kümmern
Seit einem halben Jahr wird versucht, Eschborn Süd mit seinen 4.000 Unternehmen für Bike + Busi­ness zu begeistern. Hier könnte gemeinsam mit den Betrieben und der Stadt Eschborn ein Pilotprojekt entstehen. „Wenn alle Unternehmen mitmachen, wenn die Stadt mitmachen will, erstellen wir ein Konzept für den ganzen Standort, nicht nur für ein einzelnes Unternehmen.“

Und wer kümmert sich um die Erhaltung und Pflege der Radverkehrsanlagen, wenn sie denn entstanden sind? Ein Qualitätsmanagement dafür existiert schlicht nicht. Allein bei der Befahrung der Radstrecke von Frankfurt zum Langener Waldsee mit dem ADFC Langen dokumentierte Kontos 18 Problemstellen wie mangelhafter Bauzustand oder verdreckte und verdrehte Hinweisschilder. Für ihn ist klar: Langfristig gehören auch Wartungskosten in die Kalkulation von Radverkehrsanlagen. Denn die Nutzung einer projektierten Radschnell­strecke darf am Ende nicht an Wurzelaufbrüchen scheitern.

Auch nebenberuflich ist Kontos als Radverkehrskümmerer unterwegs: Er engagiert sich in Sulzbach und in Kreis und Stadt Offenbach beim Runden Tisch Radverkehr und in der AG Ziele, die ein Leitbild für den Radverkehr erstellt. Außerdem ist er zweiter Vorsitzender im Deutschen Werkbund Hessen. Und manchmal, sagt der, der auch am Wochenende oft in Sachen Radverkehr unterwegs ist, ist er einfach gerne mal zuhause.

Peter Sauer


Inhalt Ausgabe 3 (Mai/Jun) / 2014

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