Editorial

Foto: Peter Sauer

Die Heyne Fabrik im Offenbacher Nordend ist ein Hort der Kreativen. In dem alten Fabrikgelände residieren Mieter aus „...kreativen Branchen wie Design, Werbung, Architektur, Mode, (...) Software- und Internetfirmen...“ (heynefabrik.de). Architektur- und Denkmalschutzpreise beweisen, dass hier ein vorbildliches Umnutzungsprojekt entstanden ist.

Nachdem ich zu einem Besuch in einem der Büros auf dem Fabrikareal eintreffe, mache ich mich auf die Suche nach einer Abstellmöglichkeit für mein Fahrrad. Gerade hier, in diesem modern und alternativ angehauchten Umfeld, erwarte ich eine ausreichende Zahl von Fahrradparkern. Weit gefehlt – die Innenhöfe des großzügigen Geländes gleichen einem Parkdeck, ausschließlich Autos füllen den Hof. Kein einziges Fahrrad stört den Blick auf die parkende Blechpracht, kein einziger Fahrradbügel animiert die Angestellten, per Velo ins Nordend zu kommen. Green City, Nachhaltigkeit, Modernität (Seite 17 „Spin with Berlin“)? Nichts davon im Hort der Kreativität. Nach langem Suchen finde ich einen uralten Fahrradständer in einer abgelegenen Ecke des Geländes, die nicht von Autos belegt ist. Immerhin.

Der Mitarbeiter der besuchten Firma, auf die fehlenden Fahrradparker angesprochen, sagt, er stelle sein Rad in den Keller. Er selbst sei passionierter Radfahrer und er werde versuchen, sich des Themas anzunehmen. Offenbach liege beim Radverkehr weit hinter Frankfurt, er dürfe hier ja nicht mal in der Fußgängerzone radeln, während auf der Zeil, auf der deutlich mehr Fußgänger unterwegs seien als in Offenbach, dies erlaubt sei. Auch die Freigabe von Einbahnstraßen in Gegenrichtung sei hier noch kaum zu finden – Frankfurt sei da weit voraus.

Ist das nicht Balsam für uns Frankfurter, die wir uns täglich durch den Stadtverkehr quälen und vielleicht manchmal darüber vergessen, dass wir andernorts für unsere Fortschritte in der Verkehrspolitik bewundert werden? Schlimmer geht immer.

Im Editorial der Maiausgabe habe ich Radfahrer als Deppen bezeichnet. Dafür wurde ich gerügt (Seite 20). Auch wenn uns ein „Du Depp“ im Straßenverkehr noch als die mildere Form der Rüge gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern über die Lippen geht (Seite 16), bekommt dieses Wort in gedruckter Form ein anderes Gewicht. Dafür bitte ich um Entschuldigung.

Besucht im Sommer doch mal unsere Nachbarn. Dann lernt ihr Frankfurt erst richtig zu schätzen.

Peter für das Redaktionsteam

Inhalt Ausgabe 4 (Jul/Aug) / 2013


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