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Ist das Fahrrad links?

In Polen und in Italien wird aus der rechtspopulistischen Ecke gegen das Fahrrad gewettert

links: Vor der Kommunalwahl in Mailand sorgte Simona Tagli für Schlagzeilen. Die Bewerberin für einen Sitz im Stadtparlament wetterte gegen den Bau von Radwegen. Dass sie selbst Rad fahren kann, bewies sie…
rechts: … den anwesenden Journalisten. Ein Passant bot sein Velo an, mit dem Frau Tagli Beweglichkeit und Balancegefühl recht offenherzig vorführen konnte. Nur beim Absteigen war Hilfe nötig.
Quelle: http://video.republica.it

Während bei uns der wachsende Radverkehr in den Städten als Zeichen des Fortschritts gesehen wird und weitestgehend Konsens darüber herrscht, dass diese Entwicklung nicht nur nicht aufzuhalten, sondern sogar förderungswürdig ist, gibt es dazu andernorts ganz andere Meinungen.

Der polnische Außenminister Witold Waszczykowski zum Beispiel findet, dass Radfahren mit den traditionellen polnischen Werten nichts zu tun hat. Das wenigstens hat er Anfang diesen Jahres gegenüber der Bildzeitung geäußert: „Als müsse sich die Welt nach marxistischem Vorbild automatisch in nur eine Richtung bewegen – zu einem neuen Mix von Kulturen und Rassen, eine Welt aus Radfahrern und Vegetariern, die nur noch auf erneuerbare Energien setzen und gegen jede Form der Religion kämpfen. Das hat mit traditionellen polnischen Werten nichts mehr zu tun.“ Das Thema Radfahrer griff Waszczykowski in einem polnischen Fernsehsender erneut auf. Radfahren sei „unter polnischen Bedingungen höchstens zwei bis drei Monate im Jahr möglich“ und er verstehe deshalb nicht, warum in Polen so viele Fahrradwege gebaut würden. Der Minister ist Mitglied der rechtspopulistischen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), die in Polen derzeit Regierungsverantwortung trägt. In Deutschland lebende Landsleute des Außenministers befürchten allerdings, dass ihre traditionellen Werte nichts mit denen des Außenministers gemein haben könnten.

Auch in Italien sorgt man sich um die Zukunft der Städte, in denen man zunehmend durch verkehrsberuhigte Zonen und Fahrradstreifen behindert wird. Dies wenigstens glaubt Simona Tagli, die sich bei der Kommunalwahl um einen Sitz im Mailänder Stadtparlament bewarb. Die 52jährige hat in Italien einen eher zweifelhaften Ruf. Karriere machte sie als leichtbekleidetes Showgirl in den Anfangsjahren des Privatfernsehens im Berlusconi-Kanal Canale 5 und später auch in anderen Fernsehanstalten. Heute betreibt sie einen Schönheitssalon für Frauen und Kinder.

Simona Tagli bewarb sich bei den Kommunalwahlen am 5. Juni auf der Liste der rechten nationalistischen Partei Fratelli d'Italia (Brüder Italiens), die sich als ein rechtspopulistisches Überbleibsel der Berlusconi-Partei in die Tradition der ehemaligen postfaschistischen Alleanza Nazionale sowie der vorhergehenden neofaschistischem MSI stellt.

Schlagzeilen machte sie durch einen Wahlkampfauftritt in der Fußgängerzone am Mailänder Dom, wo sie sagte, dass sie in der New Yorker 5th Avenue noch nie ein Fahrrad gesehen habe. Sie habe nichts gegen Fahrräder, aber man solle damit bitte im Park fahren. Sie selbst bewegt sich in Mailand im Auto. Auf die Frage, ob das Fahrrad links sei, erwidert sie, dass es auch rechts sei, aber man solle damit auf geschützten Wegen fahren und nicht auf ungeschützten Fahrradwegen. Ansonsten wettert Frau Tagli nicht nur gegen Migranten, sondern auch gegen den Ausbau von Fahrradwegen unter dem selbst radfahrenden Mitte-links-Bürgermeister Giuliano Pisapia.

In einem Interview auf der Frauenwebsite LetteraDonna antwortet sie auf die Frage, was denn Mailand ihrer Ansicht nach bräuchte:

„Ich bleibe täglich im Verkehr stecken. Die Stadt müsste schneller fahren, stattdessen ist sie verstopft, zwischen verkehrsberuhigten Zonen wie Piazza Castello und Fahrradwegbaustellen. Und das behindert die Geschäftsleute.“

Frage: „Welche Stadt möchten Sie Ihrer Tochter weitergeben?“
Antwort: „Eine menschengerechte Stadt. Und das heißt sicherlich nicht, eine radfahrergerechte Stadt, sondern ein Mailand mit Parks, Bäumen, Bänken, bequemeren Bushaltestellen, eine Stadt mit flotteren Wegen, zivilisierter und weniger zerstört als jetzt. (…)“

Frage: „Und was hinterlässt Pisapias Stadtverwaltung?“
Antwort: „Vor allem Fahrradweg-Baustellen, die kein vernünftiger Grund zum Geld ausgeben sind: Mailand ist nicht Amsterdam und Italien ist kein nordeuropäisches Land. Die Baustellen verstopfen nur den Verkehr. Fahrräder in Mailand tragen zu großer Unsicherheit im Verkehr bei, weil sie plötzlich da auftauchen, wo Fußgänger gehen und Autos fahren. Es wurden zwar viele Fahrradwege angelegt, aber wer hat an die Geschäftsleute gedacht? Es wundert mich nicht, dass die Leute ihr Geld ins Ausland bringen. (…)“

In einer Radiosendung von Rai Radio 2 hat sie ihr Wahlprogramm genauer erklärt. Was sie denn machen wolle, wenn sie als Stadtverordnete gewählt würde? „Ich würde dem Verkehr mehr Platz einräumen. Eine Taxifahrt könnte viel billiger sein, wenn es weniger Verkehr gäbe.“ Und was sie vorschlage, um den Verkehr einzuschränken? „Wir haben eine Unmenge von Fahrradwegen, die nützlich sein könnten, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Mailand ist ja nun einmal keine holländische Stadt...“ Also weniger Fahrradwege? „Weniger Fahrradwege, weniger Baustellen und dann weg mit der Fußgängerzone auf Piazza Castello. Dort sollten besser Autos verkehren.“ …

Für das Programm von Simona Tagli entschieden sich bei der Kommunalwahl immerhin doch ganze 31 Mailänder/-innen. Das reicht nicht für einen Sitz im Stadtparlament, ihren Kampf gegen Fahrradwege muss Frau Tagli nun woanders fortführen.

www.zeit.de

www.zeit.de

www.video.republica.it

www.letteradonna.it

Peter Sauer

Inhalt Ausgabe 4 (Jul/Aug) / 2016

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