Foto: Peter Sauer

Torsten Krüger, Fahrradkurier

Auf dem Titel von Heft 3/2012 fährt ein Fahrradkurier durchs Bild. Dieser Kurier hat sich auf dem Schnappschuss erkannt und Kontakt zu uns aufgenommen – er würde gerne über seine Arbeit als Radprofi in Frankfurt erzählen. Daraus wurde ein längeres Gespräch auf einer Bank am Mainufer, das wir hier, leicht überarbeitet und gekürzt, wiedergeben.

Ich bin 30 Jahre alt und erst seit gut drei Jahren in Frankfurt. Ursprünglich stamme ich aus Bielefeld, wollte auch dort schon als Fahrradkurier arbeiten. Der Job schien mir ideal als Nebenbeschäftigung. Ich fahre schon immer gerne Fahrrad, ob Mountainbike, Rennrad oder einfach in der Stadt und ich dachte, Radkurier sei genau das Richtige.

Nach Frankfurt hat es mich zufällig verschlagen, über Freunde und Couchsurfen habe ich Kontakte bekommen und wollte dann studieren. Ich bin gelernter Polsterer und habe dann an der Fachhochschule zwei Semester Bauingenieurwesen studiert, bis ich gemerkt habe, dass das nichts für mich ist. Danach habe ich angefangen, beruflich Rad zu fahren.

Zuerst bin ich, wie die meisten Kuriere, als Selbständiger auf eigene Rechnung gefahren. Seit August letzten Jahres fahre ich aber als Angestellter der Firma Turbokurier. Angenehmes Betriebsklima, nette Chefs, geregeltes Einkommen und 35 Stunden Fahrradfahren in der Woche – das ist ein Traum, wirklich! Und ich muss mich, im Gegensatz zu den meisten Kurieren, nicht um Kranken- und Rentenversicherung kümmern. Das mag unter Fahrradkurieren ungewöhnlich sein, aber ich verzichte lieber auf diesen Hauch der vermeintlichen Freiheit als Selbständiger und bin abgesichert.

Ich fahre täglich zwischen 50 und 80 Kilometer, am längsten Tag bisher habe ich es sogar auf 130 Kilometer gebracht. Das ist aber eine Ausnahme gewesen. Bei drei Arbeitstagen à 10 Stunden und einem Tag mit 5 Stunden ist das im Schnitt gar nicht so viel, wenn man noch die Zeiten berücksichtigt, die mit Abholen, Lift fahren, Treppe steigen und Ausliefern draufgehen.

Mein Fahrrad ist ein Mountainbike, das ist für Frankfurts Straßen am besten geeignet. Der Trend zum Rennrad, gerade in der Kurierbranche, scheint mir ein wenig szenisch geprägt. Trekkingrad, Fixie, Rennrad – alles hat seine Vor- und Nachteile, jeder hat seine Vorlieben. Viele von den Kurieren fahren natürlich auch sehr reduzierte Räder, ohne Gangschaltung, ohne jegliche technische Ausstattung. Das hat durchaus Vorteile, je weniger dran ist an Fahrradtechnik, desto weniger kann auch kaputt gehen.

Für mich überwiegen aber die Vorteile des straßenbereiften, gefederten Mountainbikes, das sich sportlich fahren lässt. Frankfurt hat stellenweise erbärmliche Straßenverhältnisse, da bin ich froh, dass ich, mit sieben, acht Kilo Gewicht auf dem Rücken, nicht mit 8-bar-Reifen durch die Löcher pflügen muss.

Rennrad fahren macht zwischendurch schon Spaß. An einem Tag der Woche fahre ich mit dem Rennrad, meistens montags. Man muss sich halt mehr konzentrieren, auf Schlaglöcher, Schienen, etc. Da nehme ich dann auch mal einen Umweg in Kauf, um auf einer besseren Straße voranzukommen. An den anderen Tagen bin ich oft mit dem Hänger unterwegs, das geht mit dem Mountainbike besser.

Wie viele Radkuriere in Frankfurt unterwegs sind? Das weiß ich gar nicht, 50 vielleicht, wahrscheinlich aber weniger. Bei uns im Betrieb fahren noch sechs, sieben Leute, nette Kollegen. Aber eigentlich fahre ich lieber allein, ich suche nicht unbedingt den engen Kontakt in der Kurierszene.

Foto: Peter Sauer

Der Job ist natürlich auch sportlich zu sehen. Das ist wie in jedem Beruf, den man engagiert ausübt, in den man sich in irgendeiner Weise „sportlich“ reinhängt. Ich finde das auch ganz gut, Radfahren macht mir ja Spaß. Hier finde ich den Szene-Narzissmus, der einen gewissen Stolz mit sich bringt und der sich ja durchaus aus einem sportlichen Anspruch an sich selbst entwickelt hat, auch ganz angebracht. Wenn man nicht zu brutal fährt und rücksichtslos gegenüber anderen ist, ist das auch in Ordnung. So lange man tolerant bleibt im Straßenverkehr – das schaffen halt nicht alle immer. Aber ich kenne mich ja selbst, auch mir rutscht mal die eine oder andere Pöbelei raus. Ich versuche zwar, das in Grenzen zu halten, aber...

Das Radfahren in der Stadt ist etwas ganz anderes als eine Radtour auf dem Land. Hier fahre ich viel dynamischer. Oft nimmt es geradezu einen Renncharakter an, auch wenn man dabei alleine fährt, ohne Konkurrenten. Aber man fährt gegen alles andere, muss ständig gucken, sich konzentrieren, ist dauernd in Bewegung, dabei immer sehr aufmerksam. Mit Kopfhörern fahren? Nein, nie, das ist lebensgefährlich. Wenn ich in der Stadt schnell fahre, muss ich gucken können – und hören. Gerade in verkehrsberuhigten Zonen mit vielen Rechts-vor-links-Einmündungen höre ich die Autos längst, bevor ich die Straße einsehen kann. Oft sind dann die Kreuzungsbereiche noch zugeparkt, man kann sie kaum einsehen – Hören ist da lebenswichtig. Mit Kopfhörern zu fahren ist absolut idiotisch.

Selbstverständlich interessiere ich mich für Radverkehrspolitik. Ich bin zwar überwiegend auf der Straße unterwegs, weniger auf Radwegen, bin aber nicht so arrogant zu glauben, dass dies für andere Verkehrsteilnehmer ebenfalls gut gehen kann. Nicht jeder ist Profiradfahrer oder ambitionierter Hobbysportler. Das Rad ist ja nicht nur Sportgerät, für die meisten Menschen ist es einfach nur ein Fortbewegungsmittel. Für mich ist es sogar alternativlos, denn das Auto ist gerade in der Stadt wirklich keine Alternative. Höchstens mal zum Lastentransport. Deswegen meine ich, dass die Städte unbedingt fahrradfreundlicher werden müssen. Gerade angesichts der Debatte um Umwelt und Zukunft muss hier etwas geschehen. Auch ich nutze gerne gute Radverkehrsanlagen, um etwas stressfreier und entspannter voranzukommen. Wenn ein Weg vernünftig asphaltiert ist und breit genug, fahre ich immer darauf.

Noch schwieriger als die Veränderung der Infrastruktur erscheint mir die Veränderung im Denken der meisten Verkehrsteilnehmer zu sein. Es wird einfach so bald nicht aufhören, dass man von PKW- oder LKW-Fahrern – ja, gerade von Berufskraftfahrern – angehupt wird, weil sie die Straße als ihr Terrain ansehen, das sie ungern mit anderen teilen. Das ist schon anstrengend und stresst auf Dauer ungemein. Gerade mir als Kurier passiert es oft, dass ich von Autofahrern angemacht werde. Viele von denen wissen, was ein Fahrradkurier ist und sie verbinden mit uns ein Bild vom rücksichtslosen Verkehrsrowdy. Es herrscht hier ein Stereotyp über Kurierfahrer vor, das sich immer wieder zeigt. „Straßenregeln gelten auch für Kuriere“ werde ich x-mal am Tag von Autofahrern angemault, selbst wenn ich mich korrekt verhalte. Da fühle ich mich auf einem Radweg (das mag memmisch klingen) manchmal sicherer und entspannter.

Viel seltener angemault werde ich, wenn ich „privat“ unterwegs bin, ohne Kurier-Outfit. Untersuchungen beweisen sogar, dass Autofahrer gegenüber professionellen Radfahrern oder Radfahrern, die sich sicher im Verkehr bewegen, weniger Abstand halten als gegenüber jemandem, der unsicher und unkalkulierbar vor ihnen herfährt.

Foto: Peter Sauer

Ob sich die Verhältnisse zwischen Radfahrern und Autofahrern in den letzten Jahren verändert haben, kann ich gar nicht sagen. Dazu wohne ich noch nicht lange genug in Frankfurt. Eine wesentliche Veränderung ist sicherlich die Öffnung der Einbahnstraßen in Gegenrichtung für den Radverkehr. Damit ändert sich auch das Verhalten der Autofahrer, da sie nun nicht mehr auf ihr „Recht“ pochen können, wenn ihnen an einer schmalen Stelle ein Radfahrer begegnet.Allerdings gibt es immer noch viele Autolenker, die damit nicht zurecht kommen. Das gilt aber ebenso für Radfahrer. Manche fahren rechts und manche fahren links auf der Fahrbahn. Da wird es für Autofahrer schwierig, die Mitte zu finden und den Begegnungsverkehr konfliktfrei zu meistern. Durch die Auto fahrenden Kollegen bei Turbokurier sehe ich ja beide Seiten – eben auch die Sicht der Autofahrer.

Wie lange ich das noch machen will? Darüber denke ich noch nicht nach. Ich habe bisher diverse Jobs gemacht, aber keiner hat mir auf Dauer so viel Spaß gemacht wie das Radfahren. Neben dem ausgesprochen guten Betriebsklima bei meiner Firma ist es natürlich auch der sportliche Anspruch, der mich begeistert. Da kann das Radfahren fast zur Sucht werden. Dazu kommt die Szene, in der man sich als Radkurier bewegt. Diese Szene hat ihre eigene Gravitationskraft, viele Fahrer sind untereinander befreundet, man designt sein Rad, trägt die Accessoires der Szene, nutzt das Outfit zur Selbstdarstellung, gibt sich der „Leichtigkeit des Scheins“ hin. Das macht die Kurierszene attraktiv, auch für andere Radfahrer. Es ist sicherlich kein Zufall, dass einem immer wieder Fahrer begegnen, die wie Kuriere aussehen, ohne dies aber zu sein.

Was mich aufregt? Leute, die sich auf 30 Jahre alten klapprigen Rennrädern durch die Stadt bewegen, den Lenker ganz unten fest umklammert, und vier Sekunden benötigen, bis sie den Bremsgriff gefunden haben. Oder Fahrer mit 3.000 € teuren Rennmaschinen, die mit quietschender Kette unterwegs sind, weil offensichtlich das Geld dann nicht mehr für ein paar Tropfen Öl gereicht hat.

Foto: Peter Sauer

Obwohl ich beruflich Rad fahre, bin ich am Wochenende noch gerne mit dem Rennrad unterwegs. Gerade neulich bin ich fast 170 km gefahren, sehr sportlich, in fünfeinhalb Stunden, zu meiner Freundin, die in Germersheim studiert. Da bin ich dank Rad nicht auf die Bahn angewiesen. Aber ich engagiere mich auch im Bereich Tierschutz, ehrenamtlich. Da ich selber vegan lebe, ist mir der Umgang mit Tieren sehr wichtig. Ich esse seit Jahren keine tierischen Produkte, und das scheint mir durchaus gut zum Fahrradfahren zu passen. Auf jeden Fall kann ich keine Nachteile feststellen, die durch meine Ernährung bedingt wären. Morgens eine ordentliche Portion Müsli, viel Gemüse und Obst, unterwegs Müsliriegel – das funktioniert wunderbar. Ein Kollege ernährt sich vegetarisch. Das spielt aber in der Kurierszene keine Rolle, keiner schaut mich schief an wegen meiner Essgewohnheiten. Ich finde es nur interessant, dass man sich durchaus vegan ernähren und trotzdem (oder gerade deshalb?) enorme sportliche Leistungen erbringen kann.

Langfristig sehe ich meine Zukunft aber nicht in der Stadt als Radkurier. Irgendwann werde ich aufs Land ziehen. Ich habe mal ein Jahr in Italien gelebt, auf einem Bauernhof. Oliven pflücken, Schuppen reparieren – das könnte ich mir auch hierzulande vorstellen.

Mein Wunsch an die Frankfurter Verkehrspolitik? Schlaglöcher zu machen, Mainzer Landstraße neu asphaltieren! Das wäre eine echte Erleichterung.

Aufgezeichnet von Peter Sauer

Inhalt Ausgabe 4 (Jul/Aug) / 2012


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