Reger Radverkehr auf der Norrebroruten in den Wallanlagen. Man beachte auch die Wegweisung auf dem Poller.
Foto: Rainer Hübner

Kopenhagen – Radeln in der Glückshauptstadt

Dänemark gilt gemeinhin als das Land mit den glücklichsten Menschen Europas. Und seine Hauptstadt ­Kopenhagen als eine der Fahrradhauptstädte der Welt. Viele Fahrräder und glückliche Menschen – ob da wohl ein Zusammenhang besteht? Vier Frankfurter ADFCler, Eike Schulz, Ute Reckebeil, Susanne Neumann und Rainer Hübner, haben sich am verlängerten Wochen­ende zum 1. Mai auf den Weg in den Norden gemacht.

Donnerstag
Egal ob mit Zug oder Flugzeug angereist, gegen 15:30 Uhr treffen wir uns alle in der Lobby unseres Hotels nahe des Hauptbahnhofs. Was bei der Ankunft auffällt: Alle Parkplätze vor dem Hotel sind belegt. Mit Fahrrädern wohlgemerkt. Lange Reihen schwarzer Leihräder warten auf die Hotelgäste. Um einen ersten Eindruck der Stadt zu erhalten, ziehen wir jedoch lieber zu Fuß los.

Am Rathausplatz stoßen wir auf die Bicyklen, dem Kopenhagener Leihradsystem. Schick sehen sie aus, mit ihrem weißen Designerrahmen, dem Frontgepäckträger, dem in den Lenker integrieren Tablet und dem Pedelec-Elektroantrieb. Und „Made in Germany“ sind sie auch. Aber die Kopenhagener sind nicht glücklich mit ihnen. Zuviel Schnickschnack, zu wenige Stationen und außerdem scheint ohnehin jeder Kopenhagener mindestens ein eigenes Fahrrad zu besitzen. So fristen die weißen Hightechräder ein Schattendasein als Touristenvehikel.

In der Fußgängerzone herrscht dichtes Gedränge; die Kopenhagener nutzen den kühlen, aber sonnigen Spätnachmittag noch für Shoppingtouren. Fahrräder? Werden in der Fußgängerzone höchstens geschoben. Die Disziplin dänischer Radler ist beeindruckend: Geister- und Gehwegradeln scheinen in der Stadt der breiten Radwege unbekannt, vor roten Ampeln wird geduldig gewartet und Richtungswechsel korrekt mit Handzeichen signalisiert. Auch die Autofahrer zeigen für Deutschland ungewohntes Verhalten: Radwege werden respektiert und nicht als Parkplätze missbraucht, beim Rechtsabbiegen muss entweder auf dem Radweg abgebogen werden oder es wird abgewartet, bis auch der letzte geradeaus fahrende Radfahrer vorbei ist. Man merkt: Wenn Radfahrer als Verkehrsteilnehmer ernstgenommen werden, nehmen sie auch die Verkehrsregeln ernst. Entspannte Rücksichtnahme statt Aggression scheint einer der Faktoren für die glücklichen Menschen zu sein.

Der U-Bahnbau bringt Kopenhagen allerorten Bauzäune und Umleitungen. Kurze Wege für Fußgänger und Radfahrer aber werden freigehalten. Laut Wandgemälde steigen da selbst Autos und Busse aufs Fahrrad um.
Fotos: Rainer Hübner

Nach dem Abendessen beim Italiener gönnen wir uns einen Verdauungsspaziergang entlang des Hafenbeckens Havnebadet. Was auffällt: An mehreren Stellen sind neue Brücken zur Querung des Beckens für Fußgänger und Radfahrer im Bau. Denn der schnellste Weg von A nach B ist das Erfolgsrezept Kopenhagener Radverkehrsplanung. Weniger Glück haben die Fußgänger – sie müssen wegen einer Brückensperrung einen relativ langen Umweg am Frederiksholms Kanal in Kauf nehmen. Und so stoßen wir in der Vester Voldgarde auf drei Tischkicker, mitten auf dem Gehweg einfach einbetoniert. Irgendein netter Mensch hat noch einen kleinen Plastikball drin gelassen. So springen in der Dämmerung vier Verkehrs-AGler um einen Tisch und versuchen, den Ball ins gegnerische Tor zu kicken. Auch so kann man Leute glücklich machen.

Freitag
Der 1. Mai ist auch in Dänemark „Tag der Arbeit“ und damit Feiertag. Für uns Tag der Cykelslangen und des Supercykelsti. Ganz in der Nähe unseres Hotels, direkt an einem Einkaufszentrum, beginnt die „Fahrradschlange“ genannte Brücke, die exklusiv für Radfahrer eine Verbindung von der höhergelegenen Hauptstraße zur Bryggebroen über das Hafenbecken herstellt. Die Anfahrt ist für uns etwas ungewohnt, denn in Kopenhagen ist indirektes Linksabbiegen vorgeschrieben. Linksabbiegende Radfahrer stellen sich ordentlich vor der Ampel des Querverkehrs an und warten auf ihre Grünphase. Wir fahren erstmal direkt nach links und bleiben zwecks Fotos an der Auffahrt der Cykelslangen stehen. Die zahlreichen Kopenhagener Radler nehmen diese anfänglichen Integrationsprobleme ihrer deutschen Artgenossen ruhig und gelassen auf. Niemand schimpft, klingelt oder flucht und trotzdem lernen wir an diesem Tag, uns immer brav zum indirekten Linksabbiegen anzustellen und Anhalten durch Heben des Arms zu signalisieren.

Hinter der Bryggebroen, direkt neben einem an Öltanks erinnernden Wohngebäude, sehen wir wie konsequent die Separierung der Verkehrsträger durchgezogen wird: Lange Reihen von Natursteinen zwingen die Fußgänger auf einen mittigen Gehweg, damit sie den Zweiradfahrern nicht in die Quere kommen.

Von der Vor Frelsers Kirke, deren Turm von einer korkenzieherartig angelegten Wendeltreppe umringt wird, genießen wir den Ausblick auf das sonnige, aber für Anfang Mai immer noch recht kühle Kopenhagen. In der nahe liegenden Freistadt Christiania, einer Siedlung alternativ-anarchistischer Menschen, ist man auch entspannt und glücklich. Denn dort sind Autos verboten und Cannabis erlaubt.

Eine kurze Stärkung in der Innenstadt, ein paar Tropfen vom Himmel, dann brechen wir auf gen Kampmannsgade. Nur ein kleines Schildchen mit einem orangen „C99“ weist uns darauf hin, nun auf einem „Supercykelsti“ unterwegs zu sein. Das ist ein Radschnellweg. Vor einigen Jahren mit großem Werbe-Tamtam der Kopenhagener Verantwortlichen in Betrieb genommen, soll er das Radfahren auch für Pendler aus den umliegenden Gemeinden über Entfernungen von 15 km und mehr attraktiv machen. Glückliche Radpendler also? Wir sind gespannt.

Die Cykelslangen (Fahrradschlange) ist rund 190 Meter lang und windet sich als breiter Radweg über ein Hafenbecken in Kopenhagen. Der Belag ist auffällig orange eingefärbt und nachts indirekt beleuchtet. Das architektonische Prachtstück sorgt dafür, dass Radler nicht mehr in Konflikt mit dem dichten Fußgängerverkehr entlang der Hafenmole geraten. Etwa 12.000 Radfahrer nutzen die Verbindung über die Brücke täglich. (ps)/ Quelle: www.zukunft-mobilitaet.net
Foto links: DISSING+WEITLING architecture a/s
Foto rechts: Rainer Hübner

Wir folgen den typischen Kopenhagener Radwegen durch die Gemeinde Frederiksberg. Zügiges Radfahren setzt nicht nur Glückshormone frei, es ist bei den breiten Radwegen, die teilweise sogar Vorsignale für Fahrradampeln in Form von Countdown-Anzeigen, die die Zeit bis zur nächsten Grünphase ankündigen, auch problemlos möglich. Unglücklicherweise reißt das sportliche Tempo unsere kleine Gruppe auseinander. Für „Locals“ mag der Supercykelsti bekannt sein, wir als Gäste haben mit der eher mauen Wegweisung unsere Probleme, verfahren uns erst einmal gründlich und müssen mühsam mittels Smartphone unsere Position ermitteln. Ach ja, und unsere verlorengegangene Radlerin würden wir auch gerne wieder finden.

Irgendwann finden und folgen wir wieder dem „C99“-Schildchen. Es lotst uns über breite Radwege, teilweise komplizierte, ampelgeregelte Kreuzungen und durch ruhige Anliegerstraßen. In Frankfurt würden wir sowas nicht als Radschnellweg, sondern als ordinäre Radroute bezeichnen. Und plötzlich rollen wir durch einen kleinen Park, nett an einem See namens Damhussøen genannt, gelegen. Eine pedalbetriebene Luftpumpstation mit Adaptern für Dunlop- und Schraderventil beglückt die Fahrräder, uns macht ein gemütliches Café in einem weißen Holzhaus mit Seeblick bei Kaffee und frischen Waffeln glücklich. Der ideale Ort, um auf unsere verlorengegangenen Schäfchen zu warten.

Ok, wir sind nicht ganz, aber doch teilweise komplett, als wir das Café verlassen und uns weiter gen Westen auf den Supersti machen. Der gibt sich weiter als gewöhnliche Radroute, weist aber nun sogar Fußrasten auf. Eine Kopenhagener Erfindung, damit Radfahrer an roten Ampeln (ja, die werden, wie ich oben bereits schrieb, tatsächlich respektiert!) bequem ohne abzusteigen anhalten können. Sehr praktisch, nur reichen die kurzen Rotphasen kaum für ein Handyfoto des eigenwillig anmutenden Gerüsts.

Nach Durchquerung der äußeren Wallanlage Kopenhagens werden wir abrupt gestoppt. Ein massives Drängelgitter versperrt uns den Weg über ein eher gering frequentiert wirkendes Sträßchen. So etwas kennt man als Frankfurter ja, aber in der Fahrradhauptstadt auf einem Schnellweg?

Wir durchqueren die Siedlung Hvissinge. Irgendetwas ist hier anders. Bald merken wir es: Die Ortsdurchfahrt ist autofrei. Kraftfahrzeuge müssen am Rand der Siedlung parken, wo früher Autostellplätze waren, stehen jetzt Fahrradständer am Fahrbahnrand vor den Häusern. So soll es sein!

Wir beschließen, den „C99“ zu verlassen und stattdessen entlang der äußeren Wallanlagen zum Utterslev Mose-Park zu radeln und von dort aus den zweiten Kopenhagener Supercykelsti, den „C95“ stadteinwärts zu nehmen. Die Fahrt verspricht ein entspanntes Rollen durch Grünanlagen, doch wir werden überrascht: Querungen von Haupteinfallstraßen sind für Radfahrer nur mit Umwegen möglich, Fahrradampeln schalten nach Überfahren der Induktionsschleife erst im nächsten Signalumlauf und am S-Bahnhof Husum führt uns die Wegweisung in eine Sackgasse – die Brücke über die Bahn wurde abgerissen, wir finden uns vor einem Bauzaun wieder und müssen uns eine nicht ausgeschilderte Umleitung durch den Ort suchen. Erstaunlich, wie schon kurz hinter der Stadtgrenze die Kopenhagener Fahrradfreundlichkeit fast deutsche Ausmaße annimmt.

Der Rückweg über den zunächst an einer Schnellstraße entlangführenden „C95“ führt uns aus westlicher Richtung in die Nørrebrogade. Diese Einfallstraße ist bekannt für ihre Grüne Welle für Radfahrer, die bei konstanten 20 km/h Durchfahrt ohne Halt verspricht. Wir können das Glück des flüssigen Durchrollens nicht genießen, denn die Ampelschaltung ist nur wochentags von 6.30 bis 12.00 Uhr stadteinwärts entsprechend eingestellt, wie uns kleine Schilder verraten. Also müssen wir hin und wieder an den bereits vom Supercykelsti bekannten Fußrasten verweilen, um dann eine weitere Kopenhagener Besonderheit kennenzulernen: Baustellenführungen für den Radverkehr. Der rechte Teil der Fahrbahn und der Radweg sind wegen Bauarbeiten aufgerissen; doch anstatt – wie hierzulande üblich – die Radfahrer auf den Gehweg mit den Fußgängern zu quetschen, führt man den Radverkehr auf den verbleibenden Fahrbahnteil. Der motorisierte Verkehr muss hingegen auf andere Straßen ausweichen.

Das lange Fahren hat hungrig gemacht und so suchen wir in Vesterbro nach einer Möglichkeit zum Abendessen. Der U-Bahnbau bringt Bauzäune und Umleitungen, doch auch hier fällt auf: Wo das Auto baustellenbedingt außen herum fahren muss, ist für die Radfahrer fast immer Platz für die Umleitung da – und sogar ein schönes Wandgemälde tandemfahrender Busse(!) auf dem Bauzaun.

Gut und reichlich war es beim Mexikaner, also gibt es noch eine kleine Verdauungsrunde hinterher. Und zwar über die im Dunkeln schön indirekt beleuchtete Cykel­slangen, die fast auf dem Weg zu unserem Hotel liegt. Eine heiße Schokolade (die macht bekanntlich glücklich), dann fallen wir müde in unsere Hotelbetten.

Samstag
Der Samstag verspricht wieder ein kühler, aber sonniger Tag zu werden, der sich ideal für eine Stadterkundung auf zwei Rädern anbietet.

Wir steuern die Nørrebroruten an, die halbkreisförmig durch einen Grüngürtel die Innenstadt umschließt und Fußgängern und Radfahrern vorbehalten ist. Auf der Route begegnen uns neben den obligatorischen Radfahrermassen und den omnipräsenten U-Bahn-Bauzäunen noch ein überdachter Flohmarkt und Pflanzkübel eines Urban-Gardening-Projekts, bis wir den Roten Platz des Superkilen erreichen.

Platz für Menschen und Fahrräder in Hvissinge. In der Ortsdurchfahrt des Kopenhagener Vororts wurden die Autostellplätze zugunsten von Grün­flächen und Fahrradständern zurückgebaut.
Foto: Rainer Hübner

Spaß uff de Gass’ – der Superkilen lädt die Bewohner zum Treffen und Spielen unter freiem Himmel ein.
Foto: Ute Reckebeil


 

Die Superkilen-Anlage besteht aus je einem in Rot und in schwarz gehaltenen Platz und einem anschließenden Park, in dem sich Objekte aus aller Welt finden: Ein roter Stern mit Neonlampen aus Russland, ein Brunnen aus Marokko, eine Straßenlaterne aus Berlin, Palmen aus China. Die Schiffschaukeln und Steilwände, an denen man mit dem Fahrrad hochfahren kann, probieren wir gleich mal aus. Der Superkilen soll nicht nur den multiethischen Charakter des Nørrebro-Viertels widerspiegeln, sondern die Menschen dazu einladen, den öffentlichen Raum zu Treffen, Sport und Spielen zu nutzen.

Weiter nordöstlich, direkt hinter dem Kastell, liegt ein Wahrzeichen Kopenhagens, die kleine Meerjungfrau. Sie ist, wie der Name schon sagt, eine recht kleine Statue und sitzt eher unspektakulär auf einem Stein im Hafenbecken. Spektakulärer sind schon die Touristenmassen, die in Kolonnen von Bussen herangekarrt werden und sich mit der schon mehrmals entwendeten Figur am Ufer ablichten lassen. Aber ein schöner Ort, um gemütlich auf einem der am Wasser gelegenen Steine in der Sonne Platz zu nehmen, die Menschen zu beobachten und sich auszuruhen. Viele dieser Touristen sind aber wie wir per Rad angereist, gut erkennbar am Namen des Hotels, mit dem ihre Räder verziert sind. Offensichtlich ist der hoteleigene Radverleih so etwas wie eine Selbstverständlichkeit für Hotels in Kopenhagen.

Wieder zurück in die Innenstadt. Die Massen an Radfahrern machen es uns im Zentrum unmöglich, innerhalb einer Grünphase über die Kreuzung zu kommen und die Suche nach Abstellmöglichkeiten gestaltet sich schwierig. Anders als in Amsterdam, wo selbst die rostigste Fahrrad-„Möhre“ noch mit massiven Ketten vor Diebstahl geschützt wird, stehen in Kopenhagen viele Räder nur mit einem Felgenschloss gesichert an eine Wand gelehnt. Glückliche Menschen sind eben auch ehrliche Menschen.

An den Markthallen Torvehallerne herrscht dichtes Gedränge. Innen gibt es Köstlichkeiten aus aller Welt, außen locken Live-Musik, ein Kunstmarkt und zahlreiche Buden mit Verpflegung die ­Kopenhagener auf den sonnenbeschienenen Israels Plads. Nebenan befindet sich der Infoladen des Cyklistforbundet, quasi das dänische Gegenstück unseres ADFC, der am Samstagnachmittag leider geschlossen hat. Dafür sonnen sich gegenüber ein pinkes und ein silberfarbenes Bullitt-Lastenrad. Sie haben ihre Vorderräder aneinandergeschmiegt und wirken wie ein glücklich verliebtes Paar.

Frische Luft für Radler und Reifen. Stationäre Luftpumpe am Supercykelsti „C99“ am Damhussoen.
Foto: Ute Reckebeil

LKW-Fahrer werden zum Beachten des toten Winkels aufgefordert.
Foto:Rainer Hübner
 

Am Abend fahren wir gen Flaesketorvet. Wir biegen über eine Seitenstraße in das ehemalige Schlachthofgelände ein. Nur Lkw stehen vor Fischgroßhandel und Import- & Export-Lagerhäusern herum. Haben wir uns verfahren? Musik dringt von einem der Innenhöfe, dort wehen Jamaika-Flaggen, süßlicher Rauch verdrängt den Fischgeruch und Getränkestände werden gerade abgebaut. Zum Gobal Marijuana March sind wir definitiv zu spät, aber wir suchen schließlich eine Gelegenheit zum Essen, nicht zum Rauchen.

Auf den zweiten Blick entdecken wir zwischen den Lagern und Lastern tatsächlich Bars und Restaurants. Auf Europaletten in gekachelten Schlachthofräumen das Abendessen zu sich nehmen ist ein ungewöhnliches Ambiente, aber es passt wunderbar zur entspannten Stimmung der ganzen Stadt und das indische Essen ist ausgesprochen lecker.

Es wird schon dunkel, als wir den Flaesketorvet verlassen. Ein junger Mann hat Musikboxen in seinem Christiania-Lastenrad installiert. Während er mit Bierflasche in der Hand durch die Höfe kurvt ertönen Reggaeklänge aus dem Fahrrad.

Langsam heißt es Abschied nehmen von der Stadt des Glücks und der Fahrräder. Da ist eine Abschiedsrunde über die nahgelegene Cykelslangen schon fast Pflichtprogramm. Als wir zwischen den neuen Bürohäusern am Wasser entlangfahren treffen wir auch noch prompt einen netten Einheimischen, der uns anbietet, ein Gruppenfoto vor der Kulisse des schön erleuchteten Neubauviertels zu machen.

Sonntag
Schon beim Frühstück trennen sich unsere Wege, denn die Bahnfahrer haben noch etwas Zeit, bis sie ihre Rückreise nach Deutschland antreten. Ich hingegen muss zeitig zum Flughafen; schon um 9:50 hebt meine Maschine in Kastrup ab. Bevor sie über den Wolken verschwindet gibt es noch einen Blick zurück auf Kopenhagen, wo nicht nur die Fahrradfahrer glücklich sind.

Was bleibt von den drei Tagen in Dänemark? Erstens: Die Menschen sind hier sehr entspannt. Es wird nicht gedrängelt, weder in Läden, noch in Restaurants, im Verkehr oder am Flughafen. Lautes Beschimpfen oder wütende Gesten sind mir auch nicht untergekommen. Zweitens: Obwohl Skandinavien eher für kaltes, trübes Wetter bekannt ist, findet viel Leben auf der Straße statt. Kopenhagens Stadtplaner tun vieles, um den Bürgern öffentlichen Raum zur Verfügung zu stellen. Dort treffen sie sich, feiern oder spielen. Und drittens: Radfahrer werden als Verkehrsteilnehmer ernst genommen, bekommen den Raum der ihnen zusteht und danken es mit entsprechender Akzeptanz von Regeln.

Montag
Wieder zurück in Frankfurt. Wieder zur Arbeit. Auf dem nagelneuen, aber gerade mal 1,6 Meter breiten Radweg auf der Europaallee muss ich dutzenden von Geisterradlern ausweichen. Am Einkaufszentrum Skylineplaza zwingen mich mitten auf dem Radweg stehende Schilder und Bushaltestellen zu Brems- und Ausweichmanövern in der labyrinthartigen Baustellenführung. Im Hafentunnel muss ich eine Gruppe Fußgänger vom Radweg klingeln und mich vor dem Hauptbahnhof durch Fernbusse, Taxis und Rillenschienen der Straßenbahn schlängeln. Irgendwie habe ich das die letzten vier Tage überhaupt nicht vermisst. Warum können die Verantwortlichen bei der Straßen- und Stadtplanung Frankfurt nicht kopenhagenisieren? Dann wären bestimmt auch bei uns viel mehr glückliche Menschen auf den Straßen unterwegs.

Rainer Hübner


Inhalt Ausgabe 4 (Jul/Aug) / 2015

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