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Schild(a)er in Bad Vilbel 2.0

Es spricht schon für sich, dass ausgerechnet die Vertreter der „autogerechten Stadt“ Bad Vilbel auf dem Nidda-Radweg durchs Stadtzentrum zum Miteinander mahnen, während so mancher Dummparker an anderer Stelle im Ort schon mal Narrenfreiheit genießt, was das Zuparken von Fußwegen, Zebrastreifen und Radwegen betrifft. Denn wir, die Fußgänger und (Alltags-)Radfahrer, sind diejenigen, die tagtäglich gegenseitige Rücksichtnahme praktizieren – und das nicht erst seitdem der erste Asphalt auf dem Nidda-Radweg aufgebracht wurde. Ausnahmen bestätigen im Übrigen auch hier die Regel.

Die neuen Piktogramme, daneben die niedlich kleine Fußgängerspur
Foto: Klaus-Peter Armbrust

Auf der jetzt entstandenen, sehr komfortablen parkseitigen Pannenspur (ursprünglich gedacht als Fußgängerspur), kann der/die Rad­fahrer/-in entspannt die Schrauben des Velos nachziehen – oder den Schlauch flicken, wenn der Schwalbe-Marathon dann doch, von Karben her kommend, auf dem Nidda-Radweg seinen Dienst verweigert haben sollte. Auch der gemeine Fußgänger darf hier schon mal die Schuhe zubinden, falls nötig – völlig relaxt, denn hier läuft nach meinen Beobachtungen kaum noch jemand.

Bevor im September diesen Jahres die Fahrradpiktogramme auf dem Asphalt durch Fußgängerpiktogramme ergänzt wurden, suchte so mancher Fußgänger abseits der Radspur entspannt den Weg durch den Kurpark. Andere nutzten den gepflasterten Fußweg zwischen der Rathausbrücke und dem Sportgelände – obwohl dieser ab der ­Bibliotheksbrücke irrwitzig schmal ausgefallen ist. Nicht wenige benutzten aber auch die asphaltierte Radspur – kein Problem mit ein wenig Rücksichtnahme.

An der Lösung, die jetzt markiert wurde, scheiden sich die Geister. Weniger optimistische Zeitgenossen gießen Wasser in den Wein des allseitigen Willens zur harmonischen Verständigung. Wollen wir hoffen, dass der Wein trotzdem noch schmeckt.

Jetzt tummelt sich nämlich wieder der gesamte Fuß- und Radverkehr, tummeln sich spielende Kinder, Hundehalter auf der asphaltierten Fläche, mit all den Klassikern, die dem leidgeprüften Radfahrer nicht fremd sein dürften: Einer weicht nach links aus, der andere nach rechts. Häufig folgt noch Klassiker 2.0: Es wird kurz noch mal die Position getauscht.

Der Appell zur allseitigen Rücksichtnahme – (hoffentlich) wirkungsvoll inszeniert
Foto: Klaus-Peter Armbrust

Fiffi ist jetzt auch wieder häufiger vor Ort anzutreffen und prüft am Wegesrand, wer von seinen Hundekumpels heute schon vorbeigeschaut hat, während Herrchen auf der anderen Seite dieser Multi-Funktions-Rad-/Fußweg-Schöpfung die Leine festen Griffes, bis zum Anschlag ausgerollt, entschlossen zur Verteidigung in der Hand hält.

Mit dieser Neugestaltung hat man festen Schrittes planerisches Neuland betreten. Diese sagenhafte Neudefinition einer Verkehrs­fläche ist die großartigste in Hessen seit der spektakulären Inbesitznahme des Hubschrauber-Landeplatzes beim Offenbacher Stadtkrankenhaus durch Hammel am Spieß grillende Mitbürger mit Migrationshintergrund, geschehen in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Oder waren es die Siebziger? Der Rettungshubschrauber musste seinerzeit abdrehen. Ebenso wie kürzlich der Verfasser dieses Artikels aufgrund eines Beinahe-Zusammenstoßes, der ihn völlig entnervt und mit zitternden Knien zur Unterbrechung seiner Rad-Fahrt nach Hause zwang.

Was war geschehen? Von der Innenstadt kommend befuhr ein Kleinkind mit seinem Laufrad den Schützenhofsteg in Richtung Kurpark, aufgrund seiner geringen Körpergröße sowie der geschlossenen Geländer dieses Stegs bis kurz vorm Radweg für jeden Passanten unsichtbar. Die Mama des kleinen Rackers war schon mal in den Kurpark vorausgeeilt, mit Smartphone am Ohr. Ungebremst querte das Kind den Fuß- und Radweg, komplett unbeaufsichtigt und mit beachtlichem Tempo.

Wäre ich nicht ein sehr versierter Radfahrer (Mountainbike, Trekking-Rad, Reiserad, Tandem und Pedersen) mit über 60-järiger Fahrpraxis und hätte sich nicht spontan der „siebte Sinn“ bei mir gemeldet – die Folgen hätten fatal sein können. Und das mit ADFC-Trikot am Leib und ADFC-Mitglied-Aufkleber am Rad. Ich malte mir bereits die Schlagzeilen in der hiesigen Presse aus: „Fahrrad-Lobbyist vom ADFC überrollt Kleinkind …!“ So oder so ähnlich …

Mit flauem Magen und mein Rad schiebend verließ ich den Schauplatz, mit dem festen Vorsatz: Radfahren in Bad Vilbel, auf dem Radweg zwischen Kurpark und Nidda? Ich? Tagsüber? – Nur noch unter Androhung körperlicher Gewalt! Auf das Ergebnis des Fahrradklima-Testes 2016 für Bad Vilbel bin ich übrigens mächtig gespannt.

Klaus-Peter Armbrust


Inhalt Ausgabe 6 (Nov/Dez) / 2016

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