Foto links: Regenschutz im „Tempelchen“
Foto rechts: Nakdongang-Radweg in seiner höchsten Ausbaustufe
Fotos: Ingolf Biehusen

Flussradeln in Südkorea

In Südkorea wurde innerhalb weniger Jahre ein nationales Radverkehrsnetz geplant und gebaut, das aus vier Flussradwegen und einem Verbindungsradweg zwischen den Flüssen Hangang (mündet bei Seoul im Nordwesten) und Nakdonggang (mündet in Busan im Südwesten) besteht.

Wir hatten das Glück, an der Eröffnungsfeier für alle diese Radwege am 22. April teilnehmen zu dürfen, die etwas außerhalb von Incheon, dem Hafen und Flughafen von Seoul, veranstaltet wurde. Aber wir fühlten uns nicht so recht wohl dabei, denn alles fand bei strömendem Regen unter freiem Himmel statt.

Der wichtigste Redner war Staatspräsident Lee Myung-bak, dem der Radverkehr offenbar eine Herzensangelegenheit ist. Er ließ es sich auch nicht nehmen, gleich ein Stück der neueröffneten Strecke abzuradeln, worauf wir trotz der bereit stehenden Leihfahrräder verzichteten, weil es uns inzwischen auch empfindlich kalt geworden war.

Stattdessen fuhren wir mit der Eisenbahn nach Busan zurück, wo bereits zwei neugekaufte Fahrräder auf uns warteten. Als wir dann zwei Tage später von Süden her losradelten, schien wieder die Sonne, die sich auch mit Ausnahme eines einzigen Regentages hielt, bis wir das Ende des Nakdonggang-Radweges nach etwa 430 Kilometern erreicht hatten.

Den zweiten Abschnitt bis Incheon, noch einmal 311 km, haben wir uns für eine spätere Reise aufgehoben.

Eine wichtige Entdeckung machten wir ziemlich schnell: Korea kann sehr einsam sein. So menschenleer, dass man gut beraten ist, etwas an Lebensmitteln dabei zu haben und eine Landkarte, in der Hotels und andere Unterkünfte eingezeichnet sind. Am Ende hat es uns an nichts gefehlt, aber ein wenig Vorausschau erwies sich als sinnvoll. Südkorea ist viel dichter besiedelt als Deutschland, aber weil fast das ganze Land aus Gebirge besteht, verteilen sich die Menschen sehr ungleichmäßig.

Auch wir lernten das Gebirge kennen, aber eigentlich nur von seiner angenehmsten Seite.

Nicht überall konnte der Radweg dem Fluss folgen und so ging es immer wieder auf Nebenstraßen in die Berge und durch kleine Dörfer, die wir sonst nie zu sehen bekommen hätten. Von oben gab es dann grandiose Ausblicke auf den Fluss oder in andere Täler und auch eine rasante Abfahrt, wenn es nicht zu steil oder kurvig wurde.

Abgesehen von den Bergetappen war der Radweg fast überall phantastisch ausgebaut mit ebenem Betonpflaster, Rastplätzen, Fahrradabstellanlagen und Toiletten, oft sogar mit schattenspendenden Bäumen. Und es gab viel „Kunst am Bau“, meist aus Edelstahl und mit Fahrradmotiven. Die Beschilderung war, mit nur wenigen Ausnahmen, lückenlos und verständlich. Weniger Verständnis hatten wir für die vielen Poller, die oft mitten in unserer Fahrspur standen, nur damit kein Bauer mit seinem Kleintraktor über den bequemen Radweg zu seinem Salatbeet fuhr.

Die nagelneuen Radwege gehören zu einem Programm der „Wiederbelebung der Flüsse“. Sie waren deshalb großenteils oben auf neuerbauten Deichen angelegt, die weite Überflutungsgebiete von den landwirtschaftlichen Nutzflächen und den Siedlungen trennen.

Damit Leben in diese Flusslandschaft kommt, sind auch Fitness-Anlagen, Lehrpfade und andere Freizeiteinrichtungen gebaut worden. Noch wirkte das alles etwas unberührt und fremd und erst langsam fängt die Gastronomie und das Beherbergungsgewerbe damit an, sich auf die neue Kundschaft einzustellen.

Zur Belebung des neuen Radwegenetzes hat aber auch der Staat sich etwas einfallen lassen: Es gibt einen speziellen Vier-Flüsse-Pass und an jedem der ebenfalls nagelneuen Stauwehre, die den Fluss überqueren, gibt es eine Stempelstelle für die Radfahrer, die sich hier in ihrem Pass bestätigen lassen können, dass sie es soweit geschafft haben. Für je einen Fluss gibt es dann zusätzlich zu den Stempeln eine Plakette im Pass und einen kleinen Aufkleber für den Fahrradhelm. Für die zwei Flüsse Nakdonggang und Hangang zusammen gibt es eine Medaille und für alle vier Flüsse noch eine.

Korea ist ein Volk der Wanderer, Radfahrer sind demgegenüber noch Exoten. Trotzdem wurden wir als Gäste überall gerne gesehen. Wir werden bestimmt wiederkommen.

Hye-Seong Yun / Ingolf Biehusen

Inhalt Ausgabe 4 (Jul/Aug) / 2012


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