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Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Frankfurt am Main

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Artikel dieser Ausgabe

Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Frankfurt

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Vor 70 Jahren
um die Welt

Wenn es ratsam ist, zur Vermeidung unnötiger Kontakte zu Hause zu bleiben, dann ist es naheliegend, den Fahrradsattel mit dem Lesesessel zu tauschen und ein spannendes Buch zur Hand zu nehmen. Da bietet sich "I Follow the Wind" von Louise Sutherland an, erschienen 1960 als Bericht über eine Weltumradelung von 1949 bis 1956.

Das Buch steckte vor ein paar Monaten in einem der öffentlichen Bücherschränke. Es ist von der Autorin handsigniert und auf der Rückseite des Titelblattes steht der Satz "This book was written, printed and bound in its entirety by the author." Nur die Zeichnungen sind von fremder Hand, die Photographien sind von der Autorin. Gesetzt ist das Buch in Schreibmaschinenschrift, und zwar mit Randausgleich.

Dadurch entsteht der Eindruck besonderer Authentizität und handwerklicher Sorgfalt. Der Buchblock ist durch Klebung an einen Gaze-Streifen zusammengebunden und an einen Karton-Einband geklebt. Es ist schon möglich, dass die Autorin die Bücher einzeln selbst hergestellt hat. Energie hatte sie ja genug, wie ihre Weltreise zeigt.

Louise Sutherland (1926 bis 1994) muss eine richtige Fahrrad-Besessene gewesen sein. In Dunedin auf der Südinsel von Neuseeland aufgewachsen, lernte sie das Fahrrad schätzen als Verkehrsmittel, das es ihr ermöglichte, ihre Eltern zu besuchen, während sie sich auf einer Krankenschwesternschule auf ihr Berufsleben vorbereitete. Dabei ging es um 100 km für die einfache Fahrt.

Später, 1949, wollte sie dann von London aus nach Land's End in Cornwall radeln, kam aber wegen des Gegenwinds nicht so recht voran. Also drehte sie ihr Rad, fuhr mit dem Wind nach Osten, einmal um die Welt herum, so dass sie am Ende von Southampton aus mit dem Westwind auch wieder nach London zurück kam.

Das Fahrrad, mit dem sie die komplette Reise bewerkstelligte, hatte sie auf einem Flohmarkt gekauft. Eine Gangschaltung ist im Text nicht erwähnt und auch auf keinem der Bilder zu sehen. Erst für ihre späteren Reisen bekam sie Unterstützung von der Fahrradindustrie, erst von Raleigh und schließlich von Peugeot. Da sie Radtaschen als Last empfand, transportierte sie ihr Gepäck in einem kleinen zweirädrigen Kasten-Anhänger. So blieben ihre Siebensachen trocken, bis die ganze Fuhre einmal ins Wasser kippte. Da war dann nicht nur Kleidung, Zelt und Schlafsack nass, sondern auch die kostbaren Zeugnisse, die es ihr ermöglicht hatten, fast überall auf der Welt ihrem Beruf nachzugehen. Krankenschwestern waren damals wie heute begehrt und wer flexibel genug war, sich an örtliche Gegebenheiten anzupassen, konnte offenbar leicht für jeweils ein paar Wochen oder Monate Beschäftigung finden. Nur in Kanada gelang das nicht, da wurden so viele Unterlagen verlangt, das es einfacher war, privat Arbeit ohne Zeugnisse anzunehmen.

Wie wohl fast allen vergleichbaren Weltreisenden gelang es ihr, unterwegs durch Vorträge und Interviews Geld hinzu zu verdienen. Außerdem öffnet ein Zeitungsartikel oder ein Fernsehauftritt Türen. In Indien hatte ein Dorfvorsteher tagelang am Straßenrand auf die Weltreisende gewartet, nur um sie zu bitten, mit seinen Dorfbewohnern eine Tasse Tee zu trinken.

Bis es so weit war, galt es, zunächst etliche europäische Länder zu durchqueren. Holland punktete damals schon mit einer auch heute noch modern wirkenden Errungenschaft: separate Radwege, auf denen sich das Land getrennt vom motorisierten Verkehr durchqueren ließ. Frankfurt wird nicht erwähnt, aber immerhin die Burgen und Weinterrassen am Rhein. Eine echte Kraftanstrengung war dann der St.-Gotthard-Pass mit einer Höhe von fast 7000 feet. Die Zeichnung dazu zeigt eine schwitzende schiebende Radfahrerin und einen Anhänger mit aufgeschnalltem Schlafsack, aber keinerlei sonstigen Verkehr. Drei Tage Venedig und ein Aufenthalt in Triest, bis das Visum erteilt ist. Warnung vor den Kommunisten, die sich dann aber als sehr gastfreundlich erweisen.

Die erste Nacht im Hotel in Jugoslawien kostet six shillings. Ist das viel? Antwort gibt der Bucheinband, denn da steht der Preis für das gebundene 118-Seiten-Buch: "8s 6d Net". Der erste Kontakt zur Heimat ergibt sich in Belgrad in Form von 40 postlagernden Briefen, die auch beantwortet sein wollen.

Griechenland erweist sich als teuer. Bei der Einreise wird für die Kamera eine Zollgebühr von 20.000 Drachmen erhoben und die Fähre von Athen nach Haifa will am Ende zweimal bezahlt sein. Die letzten Reiseschecks werden eingelöst. Dafür taucht das Fahrrad samt Anhänger erst nach Abwarten des Wochenendes wieder aus der Zollverwahrung auf. Immerhin wartet in Nazareth ein mehrmonatiger Krankenhausaufenthalt. Als Schwester, nicht als Patientin.

Es folgt eine Sightseeing-Tour per Fahrrad erst nach Amman, dann nördlich nach Beirut mit Zwischenstation in Damaskus, wo der Souk mit Händlern und Handwerkern besonders beeindruckt.

Per Fahrrad von Beirut nach Bagdad zu gelangen, erweist sich als unmöglich. Für keine der denkbaren Strecken gibt es vor Ablauf des Visums eine Erlaubnis. Am Ende wurde daraus eine Eisenbahnfahrt in der dritten Klasse. In Bagdad sorgte dann nicht die Weltpresse, sondern der Zusammenhalt einer internationalen Großfamilie dafür, dass wieder einmal ein gastfreundliches Haus bereit stand. Geboten wurden nicht nur Sehenswürdigkeiten, sondern auch eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben der quirligen Großstadt.

Nach Indien ging es mit dem Schiff und die Strecke von Bombay nach Neu-Delhi wurde zur größten Herausforderung der Reise. Einen Sandsturm überstand Louise Sutherland nur durch Aussitzen im Windschatten ihres Anhängers. Beim Durchqueren einer Dürrezone bekam sie drei Tage lang nichts zu essen, wurde dann allerdings mit einem großen Bündel Bananen beschenkt, als sie hindurch war. Auch der Überfall durch zwei Lastwagenfahrer, die sie in den Wald zerrten, ging am Ende gut aus. Als sich unüberhörbar ein anderes Fahrzeug näherte, der Omnibus, der nur zweimal in der Woche dort vorbeikommt, nahmen die Angreifer Reißaus. Am letzten Checkpoint waren für den Tag nur zwei Motorfahrzeuge registriert worden, ein Omnibus und ein Lastwagen, dessen Besitzer schnell ermittelt war. Auf der Polizeiwache fand eine Gegenüberstellung statt und dann gleich ein Gerichtsverfahren. Nicht nur die Angeklagten, sondern auch die Zeugin mussten der Würde des Gerichts wegen stundenlang im Stehen ausharren. Zur Urteilsverkündung des Richters wurde die Zeugin nicht mehr benötigt, so dass auch wir nicht erfahren, wie die Sache juristisch ausging. Der Lastwagen tauchte jedenfalls nicht wieder auf. Diese und andere spannende Episoden sind in dem Buch knapp, kurz und sachlich beschrieben, aber so, dass dem Leser das Blut in den Adern stockt.

In den Fünfzigern waren auch noch andere Weltreisende mit Fahrrädern unterwegs, in Deutschland ist Heinz Helfgen der bekannteste davon. Er war 41 Jahre alt, als er 1951 losfuhr. Die riesige Leistung von Louise Sutherland, als alleinreisende Frau im Alter von 23 bis 30 Jahren das alles geschafft zu haben, ist ihr selbst vielleicht nicht bewusst gewesen, jedenfalls hebt sie es nirgendwo hervor. Ihre möglicherweise noch größere Leistung, die Bezwingung des Trans-Amazonas-Highways, absolvierte sie dann auch in einem etwas reiferen Alter, sie war da immerhin 52. Auf dieser Tour wollte sie einmal wirklich aufgeben, aber es ging nicht, es gab kein anderes Verkehrsmittel, sie musste sich weiter ihrem Fahrrad anvertrauen – und kam ans Ziel.

Auch auf der Weltumfahrung gab es eine Zäsur, und zwar in Neu-Delhi, von wo aus sie nach Nepal weiter wollte und anschließend auf die Malaiische Halbinsel. Aber sie fand postlagernd einen Brief von zu Hause vor. Der Vater war ernstlich erkrankt und die Familie hatte gleich ein Ticket für die Heimfahrt per Schiff beigelegt und eine Geldanweisung, die auch dringend nötig war. Es dauert einen Monat, bis der Hafen erreicht ist, vermutlich war es Kalkutta, hier wird das Buch unpräzise, weil wohl der Vater wichtiger war. Bekannt ist immerhin der Zielhafen, Auckland auf der Nordinsel Neuseelands. Und dann wird offensichtlich, dass die Reise doch in der Neuzeit stattfand, denn bis Dunedin im Süden der Südinsel geht es mit dem Flugzeug. Der Vater steht zum Empfang mit dem Rest der Familie am Flughafen. Einige Wochen später stirbt er plötzlich während eines Herzanfalls.

Es folgt ein Jahr Reisepause zu Hause mit viel Arbeit im Krankenhaus, um die Schulden zu tilgen und Geld für die nächste Schiffspassage anzusparen. Weiter geht es dann von Auckland nach Suva auf den Fidji-Inseln und nach Honolulu auf Hawaii. Das Ziel der Seefahrt ist Vancouver in Kanada.

Dort folgt ein Winter mit schlecht bezahlter Arbeit in einem privaten Krankenhaus. Mit ziemlich leerer Kasse geht es im Frühling weiter und in größter Hitze muss L. S. unbedingt 40 Meilen in 10 Stunden schaffen auf einer Fahrbahn, die sich auf weiten Strecken unter einer dicken Schlammschicht versteckt. Sie ist verabredet mit dem Fahrer eines Straßenbau-Lastwagens, der sie und ihr Fahrrad durch einen für den Verkehr gesperrten Baustellenbereich bringen will. Es klappt mit knapper Not und sie erreicht Revelstoke.

Der Versuch, über eine südliche Route weiter zu kommen, scheitert wegen Überflutung der Fahrbahn. Ein Lastwagenfahrer bringt sie zurück nach Revelstoke. Im zweiten Anlauf geht es über den Kicking Horse Pass und den Yoho National Park. Warnung vor den Bären, und natürlich steht dann hinter einer Kurve eine ganze Grizzly-Familie auf der Fahrbahn, verzieht sich aber wieder nach ein paar Schrecksekunden. In Calgary wimmelt es nicht von Bären, sondern von Menschen, die in Autos anreisen, um die Stampede zu erleben. Interessant, aber für eine Radfahrerin nicht die ideale Umgebung. Auch die Kanadier erweisen sich als sehr gastfreundlich. In Sintaluta lassen sich so vier Fieber-Tage überstehen, auch eine Krankenschwester braucht mal Pflege. Und es gibt Situationen, in denen das feste Dach über dem Kopf doch dem Zelt gegenüber Vorteile hat. Vor allem gilt das für große Städte wie die Hauptstadt Toronto.

Die Niagarafälle konnte Louise Sutherland durch die Panoramafenster eines Hotels bewundern, als Kurzzeit-Betreuerin von zwei alten, aber sehr anspruchslosen Damen. Die Bezahlung war gut und mit ausreichend Geld in der Tasche ging es dann über die Grenze nach Buffalo. Die USA waren damals offenbar das Gegenteil der Niederlande. Es gab beeindruckende Straßen, aber nur für den motorisierten Verkehr. Radfahren war nicht vorgesehen.Trotzdem half eine Polizeistreife, mitten in einem Unwetter eine passende Bleibe zu finden.

An manchen Stellen ist das Buch sehr genau. Kein Wunder, wenn es um den Einzug in die Riesenstadt New York geht. An einem Sonnabendmorgen um 11 Uhr erreichte L. S. das nördliche Ende des Broadway, es ist nach fünf Uhr nachmittags, als sie endlich auf dem Times Square steht. Der Lärm, der Verkehr, die Menschenmassen, das alles zusammen lässt sie eine Einsamkeit fühlen, die ihr in der Prärie oder den Bergen fremd war. Mit der richtigen Adresse in der Tasche findet sich aber eine passende Wohngemeinschaft. Ihr Touristenvisum erlaubt keine Arbeit und 25 $ Barschaft sind nicht wirklich viel Geld. Die Schiffspassage mit der "Queen Mary" lässt sich aber ohne sofortige Bezahlung buchen. Der Anruf einer Fernsehgesellschaft löst dann alle Probleme. Ein Auftritt in der Show "Strike it Rich" bringt 200 $ ein und eine wertvolle Armbanduhr. Das ist der Lohn für drei richtige Antworten auf vier Fragen. Die Schiffspassage kostet 182 $ und die Fahrt endet in Southampton. Dort kommt ein Reporter mit einer einfachen Frage an Bord: "And what are your main impressions of the world, Miss Sutherland?"

Die Antwort ist das Buch, das vier Jahre später erschien. Noch erhältlich ist eine Biographie über ihr Leben und die Reisen. Lieferzeit 22 Tage, Neuseeland ist auch heute noch weit weg von Europa. Die Autorin Bronwen Wall hat viele Details zusammengetragen, auch über die Motivation, weite Reisen alleine auf dem Fahrrad zu unternehmen.

Ingolf Biehusen