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Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Frankfurt am Main

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Artikel dieser Ausgabe

Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Frankfurt

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Miteinander statt gegeneinander

Gedanken zum Umgang im Straßenverkehr

Wer regelmäßig mit dem Fahrrad in Frankfurt unterwegs ist, kennt diese Momente: Ein Lieferwagen steht halb auf dem Radweg, „nur kurz“. Ein Auto überholt auf einem viel zu schmalen Radfahrstreifen mit kaum einer Handbreit Abstand. Ein Radfahrer rollt bei Rot über die Kreuzung, weil scheinbar frei ist. Eine Fußgängerin erschrickt, weil ein Radler lautlos an ihr vorbeizieht. Und irgendwo dazwischen fallen Worte, die man später lieber nicht wiederholen möchte. Solche Situationen
sind alltäglich geworden – und sie hinterlassen etwas: Anspannung, Ärger, das Gefühl, nicht respektiert zu werden.

Straßenverkehr war nie ein Ort vollkommener Harmonie. Aber vieles wirkt rauer als früher. Die Geduld scheint kürzer, die Sprache schärfer, die Bereitschaft, sich in die Lage der anderen zu versetzen, kleiner geworden zu sein. Wer auf dem Radweg parkt, denkt vielleicht an Zeitdruck und fehlende Ladezonen – nicht an die Person im Sattel, die plötzlich in den fließenden Verkehr ausweichen muss. Wer mit 50 km/h und minimalem Abstand überholt, empfindet das Manöver womöglich als völlig normal; für die überholte Person fühlt es sich bedrohlich an. Gleichzeitig erleben wir Radfahrende, die rote Ampeln ignorieren, weil ja „nichts kommt“, oder die sich ohne Klingelzeichen an Fußgängerinnen und Fußgängern vorbeischieben und irritiert reagieren, wenn jemand erschrickt. Wir alle kennen diese Situationen – und wenn wir ehrlich sind, waren wir vermutlich auch schon auf mehr als einer Seite davon.

Warum, warum, warum?

Manche Verkehrsregeln erscheinen im Alltag wenig plausibel. Warum hier Schrittgeschwindigkeit, obwohl alles frei wirkt? Warum Rot an einer Kreuzung ohne sichtbaren Querverkehr? Warum darf man an dieser Stelle wirklich nicht kurz halten? Und doch haben Regeln einen zentralen Zweck: Sie schaffen Erwartbarkeit. Erwartbarkeit wiederum ist die Grundlage von Sicherheit. Wer sich darauf verlassen kann, dass andere an der roten Ampel halten, dass der Mindestabstand beim Überholen eingehalten wird und dass Radwege nicht blockiert sind, bewegt sich entspannter und sicherer durch die Stadt. Das Problem ist weniger der einzelne Fehler – so ärgerlich er sein mag. Entscheidend ist die Haltung dahinter. Wer bewusst Regeln missachtet, sendet das Signal: „Sie gelten für mich nicht.“ Und genau das untergräbt das Vertrauen, auf das wir im Straßenverkehr unbedingt angewiesen sind.

Was die Lage zusätzlich verschärft, ist die Art, wie wir miteinander umgehen. Ein Hupen hier, ein wütender Zuruf dort, ein gereizter Kommentar durchs offene Fenster – schnell sind wir im Modus des Gegeneinanders. Diese Form der „verbalen Aufrüstung“ bringt jedoch niemanden weiter. Wer angeschrien wird, hört nicht zu. Wer beschimpft wird, reflektiert sein Verhalten nicht, sondern verteidigt sich. Am Ende bleiben Frust und verhärtete Fronten. Dabei teilen wir uns alle denselben Raum. In einer wachsenden Stadt wie Frankfurt ist dieser Raum knapp, und vielerorts ist die Infrastruktur noch nicht so gestaltet, dass Konflikte gar nicht erst entstehen. Zu schmale Radfahrstreifen, unklare Führungen oder fehlende sichere Querungen erzeugen Stress – und Stress wiederum begünstigt unfreundliches Verhalten.

Konfliktpotenzial reduzieren

Hier liegt auch eine wichtige Rolle des ADFC: Sichere, ausreichend breite und klar geführte Radwege, gute Sichtbeziehungen an Kreuzungen, geschützte Abstellanlagen und verständliche Verkehrsführung reduzieren Konflikte, bevor sie entstehen. Infrastruktur ist nicht nur Beton und Farbe, sondern gelebte Sicherheitspolitik. Wo Wege eindeutig und sicher gestaltet sind, sinkt das Risiko – und mit ihm die Aggressivität. Doch selbst die beste Infrastruktur ersetzt nicht den guten Willen. Rücksicht bleibt eine persönliche Entscheidung.

Ein kleines Beispiel zeigt, wie komplex selbst scheinbar banale Fragen sind: das Klingeln beim Überholen von Fußgängerinnen und Fußgängern. Die einen empfinden es als selbstverständliche Ankündigung und damit als rücksichtsvoll. Die anderen hören darin einen Befehlston: „Mach Platz!“ Vielleicht kommt es weniger auf das Ob als auf das Wie an. Eine frühzeitige, freundliche Klingel mit ausreichend Abstand signalisiert Aufmerksamkeit und Respekt. Ein aggressives Dauerläuten direkt hinter jemandem bewirkt das Gegenteil. Rücksicht ist eben nicht nur eine Frage der Regelbefolgung, sondern auch eine Frage der Haltung und des Tons.

Wir alle machen Fehler

Wir alle machen Fehler. Jemand übersieht ein Schild, verschätzt den Abstand oder reagiert gestresst. Eine Verkehrskultur, die keinerlei Fehltritte verzeiht, würde unerträglich. Wenn jeder kleine Verstoß sofort moralisch aufgeladen wird, entsteht ein Klima permanenter Anspannung. Doch es gibt einen Unterschied zwischen einem Moment der Unachtsamkeit und bewusster Rücksichtslosigkeit. Wer wiederholt Radwege blockiert, absichtlich zu eng überholt oder demonstrativ rote Ampeln ignoriert, gefährdet andere – und trägt dazu bei, dass Misstrauen und Aggression wachsen. Das hat reale Folgen für die Sicherheit aller.

Ich wünsche mir eine Verkehrskultur, in der Autofahrende den Überholabstand nicht als lästige Vorschrift begreifen, sondern als Selbstverständlichkeit. In der Radfahrende auch dann an der roten Ampel halten, wenn niemand kontrolliert. In der Fußgängerinnen und Fußgänger nicht als Hindernis wahrgenommen werden, sondern als gleichberechtigte Teilnehmende am Verkehr. Und in der wir uns immer wieder bewusst machen: Auf der anderen Seite sitzt, fährt oder geht ein Mensch mit eigenen Sorgen, Terminen und Fehlern.

Immer weiter verbal aufzurüsten, führt nur tiefer in die Sackgasse. Was uns weiterbringt, ist etwas Unspektakuläres und zugleich Anspruchsvolles: Geduld, Regelbewusstsein und die Bereitschaft, auch einmal Nachsicht zu üben. Bewusstes Regelbrechen und Rücksichtslosigkeit müssen benannt werden, weil sie Folgen haben. Aber ebenso wichtig ist der feste Entschluss, selbst Teil der Lösung zu sein. Gute Infrastruktur, wie sie der ADFC einfordert und mitgestaltet, schafft den Rahmen. Mit Leben füllen müssen wir ihn alle – Tag für Tag, im ganz normalen Straßenverkehr.
„Hier ist doch genug Platz“ wird sich der Lieferant denken

Ob zu Fuß, mit dem Rad, dem Roller oder im Auto – wir sind alle Teil des VerkehrsPeter Sauer (3)
„Hier kommt doch nichts“ denken sich die Radfahrenden

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Joachim Schirrmacher
Frankfurt Aktuell 2026-03: Titelbild
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