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Bild zum Artikel Peter Sauer

Wenn nicht wir, wer dann?

Der Deutsche Wetterdienst in ­Offenbach setzt (auch) aufs Rad

Wer auf das Gelände des Deutschen Wetterdienstes in Offenbach kommt und sich dort suchend nach einer sicheren Abstellmöglichkeit für das eigene Fahrrad umschaut, wird angenehm überrascht: ­Direkt neben dem Haupteingang in den weitläufigen Gebäudekomplex findet sich ein deutlich markierter Besucherparkplatz, ausschließlich für Radfahrende! So sieht man es selten.

Wenn nicht wir, die wir uns tagein, tagaus mit dem Klima beschäftigen, wer denn dann ...?“ Diese Frage, nicht nur rethorisch vom Vizepräsidenten des Deutschen Wetterdienstes (DWD) auf dem 10. bike+business-Kongress (siehe dazu Frankfurt aktuell 6-19 „Corporate Social Radverkehr“) geäußert, umschreibt ganz gut die Intention der Offenbacher „Wetterfrösche“, sich mit dem Thema Mobilität auseinanderzusetzen. Dabei spielt das Fahrrad eine zentrale Rolle, das Unternehmen sieht sich als fahrradfreundlichen Arbeitgeber. Bereits 2011 wurde die Zentrale in Offenbach mit dem bike+business Award ausgezeichnet. Außerdem erhielt sie im Rahmen des betrieblichen Mobilitätsmanagements im Jahre 2017 das IHK-Zertifikat „Prädikat Vorbildlich Mobil“.

Der DWD beschäftigt bundesweit rund 2.200 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, am Standort Offenbach sind es gut 1.000. Innenstadtnah an der Frankfurter Straße im Westend gelegen, ist das Betriebsgelände gut per Fahrrad zu erreichen. Immerhin kommen im Sommer 18 Prozent der KollegInnen mit dem Rad zur Arbeit, im Winter sind es noch 13 Prozent. Berücksichtigt man dabei, dass gut 40 Prozent der Angestellten in einem Umkreis von bis zu 10 km zu ihrem Arbeitsplatz wohnen, gewinnt der Radverkehrsanteil noch an relativer Bedeutung. Allerdings sind unter den Rad-Pendlern auch echte Enthusiasten, die täglich weite Strecken zurücklegen und z. B. von Kelkheim nach Offenbach radeln.

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links: Abstellplätze: In der Tiefgarage beheizt ...
rechts: ... darüber überdacht. Michael Mirsch kümmert sich ums Rad.
Peter Sauer

Die gute Anbindung des Wetterdienstes an den öffentlichen Verkehr (von der S-Bahnstation Ledermuseum oder der Endhaltestelle der Frankfurter Trambahnlinien an der Stadtgrenze sind es nur wenige Fußminuten bis zum Wetterdienst, zwei Buslinien halten direkt vor dem ­Betriebsgelände) ist auch der Anteil der Bahnpendler unter den MitarbeiterInnen relativ hoch. Immerhin 35 Prozent nutzen das Angebot.

Den Rad-Pendlern stehen 200 Abstellplätze zur Verfügung, davon 150 wettergeschützt mit Überdachung auf dem Gelände oder in der Tiefgarage, letztere gar beheizt. Wer hier Energieverschwendung vermutet, täuscht sich – man leitet einfach die Abwärme der Großrechneranlagen, mit denen Wetterprognosen erstellt werden, in den Keller. Das wird sich jedoch mit neuen Rechneranlagen bald ändern. Geringerer Strom­verbrauch und Energierückgewinnung durch Wasserkühlung stehen hier für „Green IT“.

Wer weite Strecken per Rad zurücklegt und verschwitzt am Arbeitsplatz ankommt, kann im Keller direkt neben der Abstellanlage Duschen und Umkleideräume mit Spinden nutzen. Und wer auf matschigen Waldwegen zum Dienst fährt, kann den gröbsten Dreck an den Schuhen mit einer Schuhputzmaschine entfernen. Für kleinere technische Probleme am Rad steht ein Montageständer sowie ein Reparaturset bereit.

Die Geschäftsführung steht dahinter
Im Jahr 2011 wurde die Zentrale des Wetterdienstes mit dem Bike+Business-Award ausgezeichnet. Dafür machten sich im Betrieb einige Kollegen, auch mit Unterstützung der Geschäfts­führung und in Abstimmung mit Personal- und Gesundheitsmanagement, stark. In der Folge wurden zwei Mitarbeiter als Ansprechpartner für den Radverkehr benannt, die dafür ein gewisses Kontingent ihrer Arbeitszeit einsetzen können. Die Geschäftsführung steht weiterhin hinter diesen Aktivitäten. Denn auch der Wetterdienst sieht sich mit den gesellschaftlichen Umbrüchen konfrontiert und will als Arbeitgeber für jüngere engagierte und qualifizierte Menschen attraktiv sein. „Die jungen Leute leben anders. Darauf müssen sich Arbeitgeber ­einstellen“, ist Katja Diller, die das betriebliche Mobilitätsmanagement verantwortet, überzeugt. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, der Umgang mit der Umwelt, gesellschaftliches Engagement – all das zählt mit bei der Arbeitsplatzsuche. Doch letztlich gehen auch beim Wetterdienst die eigentlichen Aufgaben des Betriebs vor: Einer der beiden Rad-Aktiven hat sich inzwischen aus dieser Arbeit zurückgezogen, da ihn Projekte in seiner normalen Tätigkeit beanspruchen.

Das Fahrrad dauerhaft im Gespräch halten
Der DWD nimmt seit vielen Jahren an der Aktion „Mit dem Rad zur Arbeit“ teil. Beim Stadtradeln Offenbach hat das „Team Wetterfrösche“ im letzten Jahr mit 78 Teilnehmern 22.306 Kilometer erradelt und ist damit wiederholt auf den ersten Platz gefahren. Über beide Aktionen wird im Intranet und der Mitarbeiterzeitung berichtet und auf diesem Weg Werbung fürs Rad gemacht. Ohne das, ohne permanente Motivation und Ansprache, sinkt die Beteiligung, sagt ­Michael Mirsch, im Haus Ansprechpartner für Velo-Mobilität. Gleichzeitig nähere man sich dadurch dem eigentlichen Ziel: die Fahrradförderung dauerhaft im Gespräch zu halten.

Das spielt auch bei dem Lastenrad-Projekt (siehe Kasten) eine wesentliche Rolle: Einfach mal ausprobieren, was damit möglich ist und dadurch alternative Mobilitätsformen ins Gespräch bringen. Auch die Anschaffung von sieben Falträdern, die den MitarbeiterInnen für Dienstreisen zur Verfügung gestellt werden, zielt in diese Richtung. Die meisten Niederlassungen des DWD sind gut per Bahn zu erreichen. Der Faltrad-Transport ist auch im ICE problemlos möglich, die „letzte Meile“ vom Bahnhof bis zum Ziel ist dann reines Fahrvergnügen. Und gefaltet kann das Rad sicher mit im Hotelzimmer übernachten.

Eher sportlich geht es bei den„Sunny Frogs“ zu, die sich regelmäßig zu Rennrad- oder Mountainbike-Ausfahrten treffen. Doch werden beim DWD seit Kurzem monatlich auch weniger ambitionierte Feierabendtouren angeboten, mit denen weitere rad-aktive Teilnehmer gewonnen werden konnten.

Auch jenseits des Betriebsgeländes ist der Wetterdienst in Sachen Fahrrad aktiv. Dazu gehörte allein im vergangenen Jahr die Teilnahme am Workshop „Offenbacher auf’s Rad“ der Ämter und Initiativen Offenbach, an einem Workshop zur Radverkehrsförderung der IHK Frankfurt, an „Südhessen effizient mobil“ der IHK Darmstadt oder an „Fit for work – mit dem E-Bike beruflich unterwegs“ des Bundesverkehrsministeriums in Berlin. Anlässlich der Bike+Busi­ness-Preisverleihung an SOKA-Bau in Wiesbaden sprach der Vizepräsident des DWD, Norbert Wetter, über das Mobilitätskonzept des Dienstes. Aktuell tauschen sich die Offenbacher in Mobilitätsfragen mit anderen Firmen der Region aus (u.a. Messe Frankfurt, Fraport, Lufthansa, Frankfurt University of Applied Science).

links: Servicestation in der Tiefgarage
mitte: Duschen und Spinde (gibt's auch für Damen!)
rechts: Der Dreck bleibt draußen
Peter Sauer

Entwicklungspotenziale
Der „Mobilitätsplan Deutscher Wetterdienst“, der in Zusammenarbeit mit der „ivm“ (Integriertes Verkehrs- und Mobilitätsmanagement Region Frankfurt RheinMain) und der IHK Offenbach entstanden ist, beleuchtet ausführlich das aktuelle Mobilitätsverhalten, zeigt aber auch Entwicklungspotenziale auf. In einer Befragung im Frühjahr 2017 gaben immerhin rund 200 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an, zukünftig gerne per Rad zur Arbeit zu kommen. Voraussetzung sei allerdings, dass eine bessere Infrastruktur geschaffen werde (Ausbau von Duschen und Umkleiden sowie sicheren Abstellanlagen) oder ihr Umstieg aufs Rad mit einem finanziellen Zuschuss gefördert werde. Außerdem sollten gute Radwege zum Arbeitsplatz vorhanden sein.

Bei letztem Punkt ist die Stadt gefordert: Im Offenbacher Fahrradstraßen-Konzept verläuft zwar keine der ausgewiesenen Strecken direkt am Gelände der „Wetterfrösche“ entlang, doch versucht der DWD, hier mit Änderungsvorschlägen Einfluss zu nehmen. In Zusammenarbeit mit der OPG (Offenbacher Projektentwicklungsgesellschaft mbH) soll die Frankfurter Straße als Parallele zur Geleitstraße, die Teil der kommunalen Radrouten ist, in das Konzept aufgenommen werden. Damit hätten die Wetterdienstler einen Radweg direkt vor ihrer Türe.

Peter Sauer

Ausgabe 2 (Mär/Apr) / 2020

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