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Immer mehr fahren Rad – besonders in Frankfurt!

Bild zum Artikel In den fünf Jahren zwischen 2013 und 2018 stieg der Anteil der Wege, die die Frankfurter*innen per Rad zurücklegen, um fast 60 Proezent – und da ist noch viel mehr möglich
Peter Sauer

Beeindruckende Zahlen der TU Dresden von 2018

Alle fünf Jahre wird seit Jahrzehnten von der TU Dresden die Studie „Mobilität in Städten“ nach dem „System repräsentativer Verkehrsbefragungen“ erstellt, kurz „SRV-Zahlen“ genannt; zahlreiche Städte beteiligen sich daran, es werden per repräsentativer Telefon-Umfrage Daten erhoben zum Mobilitätsverhalten der Bürger der beteiligten Kommunen.

Die Auswertung dauert immer eine Weile, deshalb konnten die Resultate von 2018 erst jetzt publiziert werden. Unter anderem geht es auch um die Mobilität per Fahrrad. Die Frage, die seit langem die Verkehrsexperten interessiert: wie verteilt sich die Mobilität der Bürger auf die vier Grundformen der Mobilität:

  • zu Fuß gehen
  • Fahrrad fahren
  • mit Auto oder Motorrad fahren
  • öffentliche Verkehrsmittel nutzen

Besonders interessant ist nicht nur die Momentaufnahme in der einzelnen Stadt, sondern auch und vor allem:

  • Wie entwickeln sich die jeweiligen Anteile im Laufe der Jahre?
  • Wie stehen die Städte im Vergleich zueinander da?

Das Ergebnis ist der „Modal Split“. Es gibt für den Radverkehr drei interessante Tableaus:

1. Verkehrsmittelwahl Einwohner gesamt
Auf Frankfurt bezogen heißt das: wie viele Wege legen die Einwohner Frankfurts (und nur diese!) in welcher der vier Mobilitätsvarianten zurück – unabhängig von der Wegelänge und dem Wegeziel. Diese Aufstellung ist die anerkannte Basis-Vergleichsdarstellung unter Verkehrsexperten. In Frankfurt erreicht der Radverkehr 2018 hier einen Wert von 19,8 % – es wird also jeder fünfte Weg aller Frankfurter*innen mit dem Fahrrad zurückgelegt. Ausdrücklich nicht dabei sind die Einpendlerverkehre von überallher – wen soll man dazu auch befragen? Die Bahn-Einpendlermassen am Hauptbahnhof oder die Blechlawine der Auto-Einpendler an der Theodor-Heuss-Allee tauchen hier also nicht auf. Insofern bildet die Prozentzahl von 19,8 % nicht die physische Realität auf den Straßen ab. Erfasst sind aber Auspendlerverkehre von Frankfurterinnen und Frankfurtern, denn die wurden gefragt, und um deren Verhalten geht es in der Kommunalpolitik.

2. Verkehrsmittelwahl Einwohner Binnenverkehr
Diese Erhebung beinhaltet das gleiche wie oben, aber ohne die Auspendel-Bewegungen. Der Radverkehr erzielt hier in der Regel sogar einen höheren Wert (in Frankfurt z. B. 22,7 %), denn Pendler-Mobilität von Frankfurter*innen etwa nach Wiesbaden oder Darmstadt wird eher nicht mit dem Fahrrad vollzogen. Andererseits ist bei 1. die Aussagekraft höher – warum soll Auspendeln willkürlich ausgeklammert werden, wichtig ist das Verhalten der Einwohner*innen der Stadt.

3. Verkehrsleistung Einwohner gesamt
Hier wird zusätzlich zu der Auswahl unter den vier Grund-Mobilitätsformen auch die Wegelänge erfasst und damit die Streckenleistung verglichen. Das Fahrrad als typisches Verkehrsmittel für kürzere oder mittlere Wege hat hier einen geringeren Anteil, in Frankfurt liegt er bei 11,0 %. Der Modal-Split-Vergleich Verkehrsleistung ist ebenfalls sehr aussagekräftig, spielt aber weniger für innerkommunale Verkehrsziele eine Rolle, sondern mehr für den überregionalen Verkehr im Vergleich PKW-Bahn-Flugzeug oder LKW-Bahn-Binnenschiff.

In Frankfurt wächst der Radverkehrsanteil am stärksten!
Vergleichsvariante 1 liegt also auch der Darstellung zugrunde, in der weiter unten die beteiligten Städte verglichen werden. Und da dürfen wir als Radfahrer*innenlobby sagen: alle Achtung, Frankfurt! Eine Steigerung in fünf Jahren von zwölfeinhalb auf zwanzig Prozent, also eine Dynamik von fast 60 Prozent nach oben – das erreicht keine der anderen Kommunen, die sich an der Erhebung beteiligt haben! Und das bei insgesamt stark wachsender Bevölkerungszahl im Vergleichszeitraum.

Bild zum Artikel Quelle: TU Dresden „Mobilität in Städten“

Interessante Vergleichszahlen 2013 bis 2018: Frankfurt hat die größte Dynamik beim Radverkehr; in Bremen stagniert der Radverkehrsanteil, aber auf hohem Niveau; Berlin bleibt Hauptstadt des öffentlichen Verkehrs; Karlsruhe hat die Spitzenposition inne, wie schon beim Fahrradklimatest. Die Landeshauptstadt Wiesbaden – nun ja, da gibt’s noch viel zu tun.

Quelle: TU Dresden „Mobilität in Städten“

Auch im Verkehrsdezernat ist man erfreut über die Vorwärtsentwicklung Frankfurts in Sachen Radverkehr: „Die SRV-Zahlen zum Radverkehrsanteil decken sich mit unserem subjektiven Eindruck im Stadtbild. Es ist voller geworden auf den Radwegen, an den Aufstellflächen vor den Ampeln und manche Mittelinsel ist zur rush hour völlig überfüllt“, sagt Stefan Lüdecke (Stabstelle Radverkehr und Referent von Verkehrsdezernent Klaus Oesterling). Da die Erhebung aus dem Jahr 2018 stammt, ist davon auszugehen, dass wir wahrscheinlich bereits jetzt deutlich höhere Radverkehrsanteile haben, so Lüdecke. „Die wissenschaftliche Auswertung bestätigt unsere Vorgehensweise, Verkehrsflächen umzuverteilen und dem Rad- und Fußverkehr mehr Raum in der Stadt zu geben, ob am Mainkai, an der Konrad-Adenauer/Kurt-Schumacher-Straße oder anderswo in der Stadt.“

Mit „was wäre wenn“-Hypothesen soll man immer vorsichtig sein, aber die Behauptung sei hier gewagt: hätten sich nicht so viele Frankfurter*innen in den letzten Jahren neu fürs Fahrrad entschieden, würde die Stadt komplett im Autoverkehr ersticken – krasser als sowieso schon. Der Platz wird nun mal nicht mehr in der Stadt, und je mehr Menschen das nach Schusters Rappen platzsparendste Verkehrsmittel nutzen, desto besser! Es ist also ein lohnendes Ziel, den Radverkehrsanteil kontinuierlich zu erhöhen – je höher dieser ist, desto besser lebt es sich in der Stadt. Das heißt aber auch: der Verkehrsraum muss zugunsten des Fahrrads umverteilt werden.

Die Bürger wollen aufs Rad – und die nötigen Radwege dazu!
Frankfurt ist eigentlich ideal zum Rad fahren – kompakt in den Entfernungen, für 90 Prozent der Einwohner flache Topografie, das warme Wetter Südwestdeutschlands. Das begreifen immer mehr Menschen hier, insbesondere aus der in Frankfurt ziemlich stark vertretenen Kategorie jung – fit – dynamisch. Sie schwingen sich aufs Rad, trotz Bedingungen bei Infrastruktur und Verkehrsklima, bei denen man sich beinahe schon über die Steigerungsrate des Radverkehrs wundern kann.

Es möchten aber noch viel mehr Menschen hier und jetzt Rad fahren, im Alltag und nicht nur sonntags an der Nidda. Sie trauen es sich nur unter den derzeitigen Zuständen nicht zu. Es ist kein Zufall, dass gerade 2018, im Jahr der Erhebung der TU Dresden, die Radentscheide hier in Frankfurt und auch anderswo einen solchen Erfolg hatten. Die Bürger wollen Rad fahren, zumindest eine Mehrheit von ihnen, aber sie wollen dafür vernünftige Bedingungen ohne Angst und Stress. Das soll die Stadt ihnen auch bieten – auch wenn das zwangsläufig die eine oder andere Autofahrspur kosten wird!

Bertram Giebeler

Ausgabe 3 (Mai/Jun) / 2020

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