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Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Frankfurt am Main

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Artikel dieser Ausgabe

Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Frankfurt

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Rot wird ein klein wenig Grün

Bei Rotlicht zu fahren, ist verboten. Doch gibt es weltweit Bestrebungen, dieses Verbot zu lockern

Frankfurt, Stephanstraße: Die Fußgänger-Ampel wechselt von Rot auf Grün und zurück auf Rot. Nur selten sind Fußgänger zu sehen, die an dieser Stelle die wenig befahrene Straße queren wollen
Foto: Peter Sauer

Wir Radfahrer sind empfindliche Wesen. So lange wir ungehindert rollen, ist die Welt für uns in Ordnung. Das ist in der Stadt über weite Strecken leider nicht möglich. Häufig bremst uns das Rotlicht einer Ampel aus. Das kann hilfreich und lebensrettend sein, wenn man an das Kreuzen großer Verkehrsadern denkt. Friedberger, Eschersheimer, Mainzer, Miquel- oder Nibelungenallee – wer würde sich hier ohne ampelgeregelte Übergänge trauen, diese Straßen zu queren?

Doch häufig werden wir auch dort ausgebremst, wo es gar nicht notwendig wäre. Ampeln, die vor leeren Kreuzungen von Grün auf Rot wechseln und wieder zurück. Ampeln vor Schulen, die nur vor Schulbeginn und nach Schulschluss eine Bedeutung haben. Ampeln, die zwar für den Autoverkehr hilfreich sind, aber für Radfahrer absolut überflüssig. Dazu ist in der Stephanstraße in Frankfurts Innenstadt ein schönes Beispiel zu finden. Wer den Kreisverkehr Alte Gasse/Große Friedberger Straße (der eine Ampelanlage ersetzt und seitdem den Radverkehr beschleunigt hat) hinter sich lässt, trifft nach wenigen Metern auf eine Fußgängerampel. Diese steht vor einer Schule – Fußgänger aber sind hier zwischen Unterrichtsbeginn und Unterrichtsende selten zu sehen. Das hindert die Ampel nicht daran, regelmäßig zwischen Grün und Rot zu wechseln. Hat man diese Hürde überwunden, lauert kaum 100 Meter weiter die nächste Lichtzeichenanlage. Dort kommen von links hin und wieder vereinzelte PKW aus einem Parkhaus, von rechts kommt nichts. Also weiter geradeaus, um hoffentlich die Grünphase an der Ecke Stiftstraße/ Katzenpforte, weitere knapp 100 Meter entfernt, zu erreichen. Hier wartet man dann geduldig mit zwei oder drei Kraftfahrern darauf, dass sich eines der Autos, das in Katzenpforte oder Stiftstraße vor dem Rotlicht wartet, in Bewegung setzen möge, um uns endlich zur ersehnten Grünphase zu bringen. Es ist nahezu unmöglich, diesen kurzen Abschnitt der nördlichen Zeilumfahrung ohne Ampelstopp hinter sich zu bringen – nur, um an einer einzigen Stelle vereinzelte Kraftfahrzeuge queren zu lassen. Das hält weder eine Radfahrerin noch ein Radfahrer auf Dauer durch – die Normalität an dieser Stelle ist auf dem Foto zu sehen. Muss das sein? Da sollte es doch eigentlich brauchbare Lösungen geben, die uns in solchen Situationen das Leben erleichtern können. Und die gibt es wirklich!

... (2) A person operating a bicycle or human-powered vehicle approaching a steady red traffic control light shall stop before entering the intersection and shall yield to all other traffic. Once the person has yielded, he may proceed through the steady red light with caution ...

State of Idaho, Idaho Statutes, Title 49, Motor vehicles Chapter 7: Pedestrians and Bicycles

Ausgerechnet in Idaho. In meinem alten Straßenatlas der USA ist Idaho hoch im Norden und weit im Westen der Vereinigten Staaten zu finden. Oben ist Idaho ungefähr 60 Meilen breit, unten rund 300. Zwischen Oben und Unten ist viel Wald im Atlas zu erkennen, dazwischen topographische Höhenpunkte, die 6.000 oder 7.000 Fuß signalisieren – Zwei- oder Dreitausender (in Metern) sind in Idaho keine Seltenheit. Idaho ist dreimal so groß wie Bayern, doch leben dort nur so viele Menschen wie in München – rund 1,6 Millionen. Damit ist es der am dünnsten besiedelte Staat der USA. Und ausgerechnet hier, im Autoland USA, wurde bereits 1982 Verkehrsgeschichte geschrieben. Denn in Idaho müssen Radfahrer vor einer Ampel mit Rotlicht nicht auf Grün warten, um weiter zu kommen. Hier wurde legalisiert, was nahezu jede Radfahrerin, jeder Radfahrer hin und wieder tut – das Rotlicht vor einer leeren Kreuzung ignorieren. Beim "Idaho stop" gilt für den Veloverkehr, dass ein Stoppschild die Bedeutung eines "Vorfahrt achten"-Zeichens annimmt und dass eine Ampel mit Rotlicht einem Stoppschild gleichzusetzen ist. Das heißt: Bei Rot vor einer Ampel anhalten (Stopp! – das bleibt uns auch dort nicht erspart), nach rechts und links schauen und, wenn von beiden Seiten kein Querverkehr droht, zügig weiterfahren. Die Begründung für diese einfache Regeländerung? Selbst im konservativ geprägten Idaho möchte man den Radverkehr fördern. Wegen der vielen positiven Wirkungen, die der Nutzung des Fahrrades zugesprochen werden (gesund, umweltfreundlich, energie- und platzsparend, etc.) wollte man Radfahrern das Vorankommen im Verkehr so leicht wir möglich machen.

Ich weiß nicht, wie viele Radfahrer es im Bergstaat direkt an der kanadischen Grenze gibt, auch nicht, wie viele Ampeln dort aufgestellt sind – wahrscheinlich deutlich weniger als in München, um im Beispiel zu bleiben. Dass in den Vereinigten Staaten der Verkehr allgemein entspannter fließt und dass rücksichtsvoller gefahren wird als im hektischen Europa, macht die Umsetzung solcher Verkehrsregeln sicherlich leichter. Trotzdem hatten Gesetzesinitiativen in vielen Staaten der USA, die den "Idaho Stop" übernehmen wollten, nur selten vollen Erfolg. Aber der Weg in eine fahrradfreundliche Zukunft scheint auch jenseits des Atlantiks beschritten zu sein.

In Frankreich, uns viel näher gelegen als Idaho, arbeitet man ebenfalls an Lösungen für eine Beschleunigung des Radverkehrs. Dort "...wurde per Verordnung vom 12. Januar 2012 ein neues Verkehrszeichen eingeführt, das es Radfahrern an bestimmten Kreuzungen erlaubt, an einer roten Ampel rechts abzubiegen oder geradeaus zu fahren, sofern keine Rechtsabbiegerspur existiert. Sie haben dabei die Vorfahrt der anderen Verkehrsteilnehmer zu beachten." Das teilt das Wissenschaftsportal der Französischen Botschaft in Deutschland mit. Auf dem Zusatzschild, das einem "Vorfahrt achten"-Zeichen ähnelt, ist deutlich ein Fahrrad-Piktogramm zu sehen, darunter ein Pfeil für die freigegebene Fahrtrichtung. Auch hier wird darauf hingewiesen, dass diese Regelung kein Freibrief für rücksichtsloses Fahren ist. Radfahrer werden angehalten, bei Rotlicht die Straße vorsichtig zu queren und Rücksicht auf bevorrechtigte Fußgänger zu nehmen. In Bordeaux, Nantes und Straßburg wurde die neue Regel ausführlich getestet, bevor sie nun in weiteren Städten verwirklicht wird.

links: Frankreich: In einigen Städten gibt ein Zusatzzeichen bei Rotlicht die Fahrt für den Radverkehr frei
rechts: Basel, Schweiz: In einem Pilotversuch werden Zusatzzeichen neben das Rotlicht der Ampel montiert, um Radfahrern das Abbiegen zu gestatten
Fotos: (li) Joancharmant, wikipedia.org; (re) Bau- und Verkehrsdepartment des Kantons Basel-Stadt

Im schweizerischen Basel läuft seit Juni 2013 ein Pilotversuch an drei Ampelkreuzungen, bei dem das Rechtsabbiegen trotz rotem Ampelsignal erlaubt ist. Hier wird durch ein Zusatzschild, ähnlich wie in Frankreich, dem Veloverkehr signalisiert, dass bei Rotlicht mit gebotener Vorsicht in die angezeigte Richtung gefahren werden darf – immer mit Rücksicht auf querende Fußgänger. Nach einer gewissen Eingewöhnungszeit waren keine nennenswerten Konflikte zwischen Fußgängern und Radfahrern zu beobachten. Der Pilotversuch wird als Erfolg gewertet, im letzten Jahr wurden in Basel neun weitere Ampelanlagen in den Versuch einbezogen und dieser vorerst bis zum Ende diesen Jahres verlängert. Danach soll die Regelung auf die ganze Schweiz ausgedehnt werden. Dazu haben die Basler Verkehrsfachleute einen Antrag beim Bund eingereicht, der eine Änderung der Straßenverkehrsordnung vorsieht. Den Kantonen soll damit ermöglicht werden, Radfahrer/-innen das Rechtsabbiegen bei Rot zu gestatten.

Und bei uns? Hatten wir nicht auch einmal ein kleines Zusatzschild mit einem grünen Pfeil an Ampelanlagen? Dieses Zeichen gestattete in der DDR das Rechtsabbiegen bei Rotlicht für alle Verkehrsteilnehmer, nicht nur für Radfahrer. Dieser "Grünpfeil" wurde nach der Wende sogar für ganz Deutschland übernommen, so dass er auch in einigen westdeutschen Städten Anwendung fand. Inzwischen ist der Pfeil auf dem Rückzug. Denn was für den Radverkehr funktionieren könnte, bereitet im Kraftfahrzeug-Verkehr häufig Probleme und führt zu Konflikten an Kreuzungspunkten.

Doch statt nun aus dem "Grünpfeil" einfach einen "Radpfeil" zu machen, der uns hier und da das Leben erleichtern könnte, lassen wir Deutschen lieber Siemens ran. "Dank Siemens-Technik kommt die Grüne Welle für Radfahrer nun auch auf deutsche Straßen" heißt es in einer Pressemitteilung des Elektro-Riesen, der sonst Schnellzüge, Mautsysteme oder Geschirrspüler baut. Nun also will man Radfahrer beschleunigen. So soll es funktionieren: Die "SiBike-App" auf dem Smartphone einer Radfahrerin signalisiert per GPS und Satellit dem Verkehrsrechner in der Leitzentrale, dass sich eine Radfahrerin einer Ampel nähert. Der Verkehrsrechner sortiert rasend schnell alle Informationen über den aktuellen Verkehrsfluss neu und schaltet die Ampel so rechtzeitig auf Grün (oder verlängert die bestehende Grünphase), dass die Radfahrerin ungehindert weiterradeln kann. Eigentlich ganz einfach.

Ein Traum wird wahr: Bei Dauergrün ungebremst durch die Stadt zu fahren. Und weil dies anderen auch gefallen könnte, werden noch mehr Menschen auf das Fahrrad steigen und ihr Auto zuhause lassen – "...was Natur und Verkehr entlasten und den Lärm reduzieren würde" (wie Siemens hofft).

Wo genau die App bisher getestet wurde, geht aus der Pressemeldung des Konzerns nicht hervor. Vielleicht im dünn besiedelten Idaho, wo sich selten Radfahrer in die Quere kommen werden? Sicher nicht im dichten Basler Stadtverkehr oder gar in Frankfurt. Was, wenn nur die Hälfte aller radelnden Verkehrsteilnehmer die SiBike-App auf ihren Smartphones geladen hätte, alle im morgendlichen Berufsverkehr den Satellit anfunkend, um bei Grün die Kreuzung überqueren zu können? Wird nicht der Verkehrsrechner verzweifelt rot, grün, grün, rot blinken und irgendwann außer Kontrolle geraten? Wird nicht der Satellit den Überblick verlieren und der Autoverkehr umgehend zum Erliegen kommen?

Das sind Fragen, die mir nicht ausreichend geklärt zu sein scheinen. Was auf einem ländlichen Radfernweg möglich sein könnte, wird im (nicht nur) großstädtischen Verkehrschaos schnell an die Grenzen des Machbaren stoßen. Solange keine Lösungen zur Beschleunigung des Radverkehrs angeboten werden, die einfacher zu realisieren sind, wird es, wie eh und je schon, bei der (hierzulande) regelwidrigen Anwendung des Idaho-Stop bleiben – selbstverständlich mit aller gebotenen Vorsicht.

Quellen:

Peter Sauer