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Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Frankfurt am Main

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Artikel dieser Ausgabe

Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Frankfurt

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Bild zum Artikel Friedrichstadt ist im Stile der nieder­ländischen Renaissance errichtet und strahlt holländischen Charakter aus
Foto: Paul Tiedemann

Grenzerfahrung

Eine Radtour mit dem Pedelec rund um Deutschland, Teil II

Unser Autor hat sich im ersten Teil seiner Grenzerfahrung entlang der deutsch-französischen und luxemburgischen Grenze nach Norden bewegt. An der Nordseeküste traf er mit einem Freund zusammen, der ihn ein paar Tage auf seiner Grenzland-Tour begleitete. Wir drucken hier, als Fortsetzung der Reise, den ­Bericht von einigen Etappen in Schleswig-Holstein und dem deutsch-dänischen Grenzgebiet ab. (die Redaktion)

Freitag, 10. Juni (19. Tag)
Brunsbüttel – Friedrichstadt
65,67 km

Wir fahren gegen starken Nordwind, aber bei schönem, wenn auch kaltem Wetter nach Friedrichstadt. Ich hatte mir etwas mehr von diesem Städtchen erwartet, weshalb ich unbedingt dort übernachten wollte. Aber ein Zwischenstopp hätte eigentlich gereicht. Die Stadt ist im Stile der niederländischen Renaissance errichtet und strahlt schon wegen der Grachten einen sehr holländischen Charakter aus. Sie wurde Anfang des 17. Jahrhunderts von einer in den calvinistischen Niederlanden verfolgten religiösen Minderheit errichtet, die der Herzog ins Land geholt hatte, weil sie etwas vom Wasserbau verstanden und das Gebiet von Friedrichstadt trockenlegen konnten. Diese Leute nannten und nennen sich noch heute Remonstranten, weil sie gegen die calvinistische Prä­destinationslehre remonstriert haben. Heute gibt es nur noch in Friedrichstadt eine Gemeinde dieser freisinnigen Christen.

Samstag, 11. Juni (20. Tag)
Friedrichstadt – Hallig Gröde
51,73 km

Heute geht es erst mal 10 km nach Husum. Es ist schönes Wetter, sogar verhältnismäßig warm und die Stadt ist sehr belebt. Wir denken beide, dass es interessanter gewesen wäre, hier zu übernachten. Dann hätten wir Zeit gehabt, die Stadt zu erkunden. Aber jetzt haben wir keinen Sinn für einen längeren Aufenthalt, denn wir müssen unbedingt um 15:00 Uhr in Schlüttsiel das Schiff nach Gröde erreichen.

Bild zum Artikel Die Weite des Meeres: Abendstimmung auf der Hallig Gröde
Foto: Paul Tiedemann

Sonntag, 12. Juni (21. Tag)
Hallig Gröde – Schlüttsiel
1,28 km

Eigentlich war es so gedacht, dass wir den Sonntag auf Gröde im Modus entspannter Muße verbringen würden. Klaus und ich hatten noch am Samstag den ersten Teil der Insel umrundet. Nach dem Frühstück machen wir uns auf, den zweiten Teil zu umrunden.

Doch dann ist es mit der Beschaulichkeit zu Ende. Unsere Nachbarin zuhause ruft an und teilt mit, dass unser Keller nach heftigem Starkregen unter Wasser steht. Ich kann von Gröde aus überhaupt nichts tun. Aber mit der Muße ist es vorbei. Natürlich ist das Handy ein Segen, weil man in solchen Katastrophenfällen erreichbar ist. Andererseits ist es aber auch ein Fluch. Man kann nicht wirklich aus seinem Leben aussteigen, auch wenn man sich auf einer einsamen Hallig befindet und das nächste Schiff erst kommen kann, wenn wieder Flut ist.

Am Abend holt uns der Kapitän dann wieder ab und bringt uns zurück nach Schlüttsiel. Dort gibt es außer dem kleinen Hafen eigentlich nur ein Hotel und sonst nichts.

Montag, 13. Juni (22. Tag)
Schlüttsiel – List – Klanxbüll
53,47 km

Heute fahren wir zunächst von Schlüttsiel zum Bahnhof nach Niebüll. Wir nehmen den Zug bis Westerland auf Sylt. Man kann Sylt auf dem Landweg nur mit dem Zug erreichen. Von Westerland geht es dann per Rad nach List. Der Nordwind peitscht uns kalt ins Gesicht und es regnet ununterbrochen. Aber ich will die nördlichste Gemeinde Deutschlands unbedingt erreichen. Dort angekommen, suchen wir sofort die Gemeindeverwaltung auf.

Zum Glück erreiche ich dort trotz der Mittagspause eine Mitarbeiterin, die so nett ist, mir freundlich und unkompliziert einen Stempel in meinen Zipfelpass zu stempeln. Der Zipfelpass wird von den Gemeinden des Zipfelbundes ausgegeben. Zu diesem Bund haben sich die westlichste (Selfkant), nördlichste (List auf Sylt), östlichste (Görlitz) und südlichste (Oberstdorf) Gemeinde Deutschlands zusammengetan, um gemeinsam Tourismus-Marketing zu betreiben. Wer alle vier Gemeinden innerhalb von vier Jahren besucht und sich jeweils einen Stempel in den Zipfelpass eintragen lässt, erhält ein kleines Geschenk. Das will ich mir natürlich nicht entgehen lassen, zumal ich nicht die Absicht habe, für den Besuch aller vier Gemeinden vier Jahre zu brauchen.

Dann suchen wir ein Restaurant auf, um uns mit Kaffee und Suppe zu wärmen. Ich bin allerdings durch und durch nass und zittere wie Espenlaub. Ich habe mich mit der Regenjacke völlig verkauft. Sie ist zwar federleicht, aber sie nützt bei Regen rein gar nichts. Ich will deshalb bald weiterfahren, weil die Bewegung etwas wärmt. So fahren wir zurück nach Westerland.

Unser Hotel in Klanxbüll öffnet erst um 16 Uhr. So können wir erst um kurz vor 16&xnbsp;Uhr den Zug nehmen. Ich habe es schon lange nicht mehr genossen, so lange unter einer heißen Dusche zu stehen. Dann essen wir zum letzten Mal gemeinsam zu Abend und verabschieden uns danach. Klaus muss morgen sehr früh aufbrechen, um seinen Zug zu bekommen.

Bild zum Artikel Flensburg liegt am Wasser, aber auch auf Hügeln
Foto: Paul Tiedemann

Dienstag, 14. Juni (23. Tag)
Klanxbüll – Flensburg
64,70 km

Heute Morgen ist Klaus von Klanxbüll aus wieder mit der Bahn nach Hause gefahren. Ich mache mich auf den Weg nach Flensburg. Zunächst geht es nach Aventoft und dort über die Grenze nach Dänemark. Ich möchte möglichst auf der dänischen Seite nach Flensburg fahren, weil es auf der deutschen Seite nur die Grenzstraße gibt, die über keinen Radweg verfügt.

Erstmals überschreite ich hier eine Staatsgrenze, die sichtbar von Sicherheitskräften bewacht wird. Zwei dänische Polizeiwagen stehen links und rechts der Straße. Offenbar stellen die Beamten im Wege des racial profiling fest, dass ich nicht aus Syrien bin und lassen mich passieren. Später lasse ich mich durch irreführende Beschilderung verwirren und folge einem Feldweg, der wieder zur Grenze und auf die deutsche Grenzstraße führt. Ich fahre darauf weiter und stelle fest, dass diese eher mäßig befahren ist. Die Autos zischen aber mit hoher Geschwindigkeit an mir vorbei und das ist unangenehm. Bei nächster Gelegenheit biege ich in einen Feldweg Richtung Norden ein und bewege mich bis kurz vor Flensburg wieder auf dänischem Boden. Weder an dem ersten noch an dem zweiten Feldweg gab es eine sichtbare Grenzüberwachung. Erst vor Harrislee, an dem Grenzübergang Kupfermühle, stehen wieder dänische Beamte.

Im Unterschied zu dem Verkehr auf der deutschen Grenzstraße geht es auf der dänischen Seite beschaulich zu. Die kleinen Straßen sind kaum befahren. Von Zeit zu Zeit passiert man einen Bauernhof oder eine kleine Siedlung. Unangenehm wird es allerdings, als aus einem Bauernhof plötzlich zwei Schäferhunde herausstürzen und hinter mir mehr her rasen. Ich trete mit aller Kraft in die Pedale und merke bald, dass die Motorunterstützung aufhört, denn ich fahre über 25 km/h. Trotzdem gelingt es mir, die Hunde abzuhängen.

Das Gebiet von Schleswig gehörte seit unvordenklichen Zeiten zu Dänemark. Es grenzte im Süden an das Herzogtum Holstein, das zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gehörte. Schleswig entwickelte sich allmählich zu einer selbständigen politischen Einheit, die der König von Dänemark einem Herzog als Lehen übergab. Ab 1460 aber war er selbst in Personalunion sowohl Lehensherr als auch sein eigener Vasall. Außerdem war der dänische König vom deutschen Kaiser mit dem Herzogtum Holstein belehnt worden. Nach dem Ende des Reiches gehörte Holstein unter der Herrschaft des dänischen Königs in seiner Funktion als Herzog zum Deutschen Bund.

Im 19. Jahrhundert erfasste die Nationalstaats-Idee auch Dänemark und die Dänen wollten in diesem Zusammenhang Schleswig und Holstein in das dänische Staatsgebiet inkorporieren. Das missfiel Preußen und den anderen Mitgliedern des deutschen Bundes. Es kam zum Schleswig-Holsteinischen Krieg (1848-1851), den Dänemark gewann. Darauf verbündete sich Preußen mit Österreich und beide griffen Dänemark erneut an. Dieser deutsch-dänische Krieg von 1864 führte zur Niederlage Dänemarks. Im Friedensvertrag von Wien wurde Holstein den Österreichern und Schleswig den Preußen zugesprochen.

Nach dem Sieg über Österreich 1866 kam auch Holstein zu Preußen. Schleswig und Holstein wurden zu einer preußischen Provinz vereinigt. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde im Versailler Vertrag geregelt, dass die Bevölkerung im gesamten Schleswig über die Grenzziehung zwischen Dänemark und Deutschland in einer Volksabstimmung entscheiden sollte.

Die Dänen konnten durchsetzen, dass das Abstimmungsgebiet geteilt wurde, und zwar in Nordschleswig und Südschleswig. Im Norden war die dänisch sprechende Bevölkerung in der Mehrheit. Die Grenze zwischen Nord- und Südschleswig wurde gemäß dem Vorschlag gezogen, den der dänische Historiker Hans Victor Clausen vorgeschlagen hatte ("Clausen-Linie"). Der Norden entschied sich mehrheitlich für Dänemark, der Süden für Deutschland. So wurde die Clausen-Linie zur heutigen Staatsgrenze.

1940 wurde Dänemark von deutschen Truppen besetzt und die deutsche Minderheit in Dänemark forderte eine Verschiebung der Grenze nach Norden. Dazu kam es aber nicht. Nach dem Krieg forderte die dänische Minderheit in Deutschland die Verschiebung der Grenze nach Süden. Die Alliierten wären dazu bereit gewesen. Der damalige dänische Ministerpräsident Vilhelm Buhl lehnte jedoch eine Änderung der Grenzlinie ab.

Übrigens sollte man über Dänemark nicht reden, ohne sich daran zu erinnern, dass die Dänen das einzige der während des Zweiten Weltkriegs besetzten Völker Europas war, das der jüdischen Bevölkerung systematisch beigestanden und die Flucht von mehr als 7.000 Juden nach Schweden organisiert hat. Der "dänische Widerstand", dem etwa 50.000 Einzelpersonen angehörten, ist das einzige Kollektiv, das in Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern geehrt wird. Sonst wurde nur Einzelpersonen diese Ehre zuteil.

Über booking.com habe ich gestern schon ein Hotel in Harrislee gebucht, bei dem ich um kurz nach 13:00 Uhr ankomme. Nach der Ankunft steige ich in den Bus und fahre in die Innenstadt von Flensburg. Dreieinhalb Stunden tigere ich durch die Stadt. In der Destille der Fa. Braasch mache ich eine kleine Führung mit und verkoste einen Rum. Es ist interessant zu erfahren, dass die Rum-Produktion in Flensburg eine alte Tradition hat. Die Dänen hatten im 18. Jahrhundert drei westindische Inseln käuflich erworben, auf denen sie unter Einsatz von Sklaven Zuckerrohr produzierten, woraus der Rum gebrannt wird. Dieser Wirtschaftszweig brach zusammen, als Flensburg 1864 preußisch und von den dänischen Quellen abgeschnitten wurde. Die Seefahrt und der Handel, die Flensburg reich gemacht hatten, waren von der Verbindung zu Dänemark abhängig.

Mittwoch, 15. Juni (24. Tag)
Flensburg – Schönberg-Kalifornien
120,35 km

Heute fahre ich Punkt 9:00 Uhr im Hotel Nordkreuz in Harrislee ab, den Hügel runter an den alten Hafen, umrunde die Flensburger Förde und fahre zunächst nach Glücksburg. Dort setze ich mich auf eine dem Schloss gegenüber liegende Bank und lese den Wikipedia-Artikel zu seiner Geschichte.

Ich bin überrascht, dass es ab Flensburg mit dem flachen Land zu Ende ist. Flensburg selbst liegt ja schon an einem Hügel. Die Ostseeküste kennt hohe Abbruchkanten und der Ostseeradweg hat einige steile Anstiege. Trotzdem sieht man das Meer nur selten. Deshalb entschließe ich mich, den direkten Weg zu nehmen und nicht an der Küste entlang zu fahren. Es geht über Sörup, Satrup, Böklund, Broderby, über die Schlei nach Kosel und von dort nach Eckernförde, das ich um 13:00 Uhr erreiche. Dort angekommen, habe ich aber noch keine Lust aufzuhören. So mache ich in einem Eiscafé Rast und lade den Akku nach. Dann geht es zügig weiter entlang der Küste bis Strande, wo ich die Fähre nach Laboe nehmen will. Aber die nächste geht erst um 20 Uhr. Also radele ich nach Friedrichsort weiter, wo schon um 18 eine Fähre abgeht. Ich bin dort eine Stunde zu früh und nutze die Zeit, um zu Abend zu essen und eine Bleibe zu buchen.

Auf der anderen Seite der Kieler Förde, hinter Laboe, kann ich im Naturfreundehaus in Schönberg-Kalifornien für 25,00 € unterkommen. Bad und Toilette sind über den Flur, aber ich bin der einzige Gast in diesem Trakt des Hauses.

(wird fortgesetzt)

Paul Tiedemann