links: Fahrradverleihstation in Isfahan; rechts: Radstreifen mit Radfahrer, Isfahan
Fotos: Peter Sauer

Mizbani rules 2013 Le Tour de Pilipinas

Der Iran ist (noch?) kein Radfahrerland. Überraschungen zwischen Teheran, Shiraz und Isfahan

Iran also. Mit dem Bus, nicht mit dem Fahrrad. Leute wie ich, die sich für Radverkehr interessieren und engagieren, sind in diesem Land eigentlich komplett falsch. Radverkehr, so wie wir ihn verstehen, gibt es nicht. Andererseits entwickelt sich selbst hier, zwischen Hochgebirgen und weiten Wüstenlandschaften, ein zartes Pflänzchen, dem ich weiterhin reichlich Bewässerung wünsche.

Der Verkehrsalltag in den Großstädten wird bestimmt von Taxen, Bussen und Privatautos, die unablässig gemeinsam versuchen, das System komplett zum Stillstand zu bringen, was erstaunlicherweise nur selten gelingt. Die wenigen schmalen Lücken, die der Autoverkehr lässt, füllen Motorradfahrer umgehend aus. Finden letztere keine Lücken, weichen sie auf Fußwege oder, falls vorhanden, Radstreifen aus. Grundsätzlich dienen städtische Bürgersteige neben ihrer eigentlichen Funktion auch dem Abstellen von Motorrädern, was dem Fußgänger oft abenteuerliche Verrenkungen abfordert, um mit seinen Einkäufen zwischen all den Mopeds hindurchzufinden. Europäische Maßstäbe angelegt, sind Fußgänger und Radfahrer im Verkehrsalltag restlos unterprivilegiert. In Teheran, der 15-Millionen-Metropole, spielen Fahrräder daher keine Rolle, im südlichen Shiraz eine marginale und in der uralten Lehm- und Weltkulturerbestadt Yazd nur eine untergeordnete. In Yazd gibt es immerhin ein paar kleine Fahrradläden, deren Hauptgeschäft der Verkauf von Kinderrädern zu sein scheint, und einfache Werkstätten, in denen überwiegend uralte chinesische Velos zusammengedengelt werden. Unsere Maßstäbe an Fahrradtechnik sind hier vollkommen fehl am Platz.

Doch ein zartes Pflänzchen keimt. In Teheran habe ich einen etwas verstaubten Fahrradverleih gefunden, der Räder zum Befahren verkehrsberuhigter Innenstadtbereiche um Regierungsviertel und Basar vermietet. So kann der Tourist (auch Iraner sind Touristen) wie auf einem Kirmesplatz ein wenig Rad fahren im geschützten Bereich. Am Freitag, dem muslimischen Feiertag, entnehmen Väter ihrem Auto Kind und Rädchen, um im städtischen Park Radfahren zu üben. In Shiraz, bretteben zwischen hohen Bergen gelegen, rollen hin und wieder ein paar ältere Männer auf besagten chinesischen ­Modellen gemächlich durch den tosenden Autoverkehr. In Yazd quält sich ein einsamer persischer Globetrotter mit seinem bepackten Rad durch die Stadt.

links: Aufmunterung in Isfahan; rechts: Bürger vor Globetrotter-Rad in Yazd
Fotos: Peter Sauer

Und nun kommen wir nach Isfahan, der Zweimillionenstadt in 1.600 Metern Höhe, dem historischen Zentrum des Iran. Ein breiter Boulevard führt durch die Stadt hinunter zum Fluss. In der Mitte des Boulevards, zwischen den Autospuren, befindet sich ein begrünter Bereich, auf dem Fußgänger flanieren und auf dem, ich traue meinen Augen kaum, Fahrradspuren angelegt sind, komplett mit Radweg­beschilderung, ergänzt durch Hinweisschilder mit dem aufmunternden Spruch „Move for Health“.

Da bin ich (noch) skeptisch. Die Stadtverwaltung hat sich schier Unmögliches vorgenommen. Iraner dazu zu bringen, sich der Gesundheit zuliebe zu bewegen, erscheint mir im Reich der Flaneure und Teetrinker absurd. Selbst in den langgezogenen Parks an beiden Ufern des Flusses, wo Tausende von Iraner picknicken oder im flachen Wasser waten, ist gerade mal ein einziger Jogger zu sehen, der nach westlichem Vorbild in kurzen Hosen (kein Mann im Iran trägt kurze Hosen) und Kopfhörern verschwitzt (kein Mensch dort scheint je zu schwitzen) durch das Heer der Spaziergänger hetzt. Ob es die Radverleihstation am Beginn des genannten Boulevards, die immerhin moderne Velos im Angebot hat, schaffen wird, mehr Bewegung in die Stadt zu bringen, wage ich ebenfalls zu bezweifeln. Im Augenblick beherrschen noch die allgegenwärtigen Mopeds die beiden Radstreifen. Das Foto Radstreifen mit Radfahrer, Isfahan spiegelt die Realität nur unzureichend wider und wurde in einem Augenblick aufgenommen, in dem ausnahmsweise kein Mopedfahrer dort zu sehen war.

links: Fahrradwerkstatt in Yazd; rechts: Transport in Yazd
Fotos: Peter Sauer

Doch dann folgt eine Überraschung: Auf dem Titel der Tehran Times vom 18. April ist in der Kopfleiste ein Rennfahrer zu sehen, darunter die Textzeile „Mizbani conquers climb, rules 2013 Le Tour de Pilipinas I page 13“. Tour de Pilipinas? Die Tour, deren Name andernorts mit F (Filipinas) geschrieben wird, ist mir kein Begriff. Rennfahrer habe ich im Iran auch nicht gesehen. Umso eiliger blättere ich zu Seite 13. Und wirklich, dort ist ein großformatiges Foto von zwei Radfahrern im Spurt zu sehen. Der Iraner Ghader Mizbani fuhr in den letzten beiden Jahrzehnten Rennen überall in Asien, und nun hat der Kapitän des Teams Tabriz Petrochemical eine schwere Bergetappe gewonnen. Geholfen hat ihm dabei sein Teamkamerad Amir Kolahdoz, der als Zweiter mit 37 Sekunden Rückstand das Ziel erreichte. Zwei Iraner auf dem Weg an die Radsport-Spitze.

Radverleih, Rennsport, Kinderräder, Velospuren: Sprießt etwa ein zartes Pflänzchen im Land? Liebe Iraner, bitte denkt an die regelmäßige Bewässerung.

Peter Sauer

Inhalt Ausgabe 3 (Mai/Jun) / 2013


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