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Bild zum Artikel Kinder bis acht müssen, bis zehn Jahre dürfen auf dem Gehweg Rad fahren. Wenn Straßen zu überqueren sind, nützt diese Regelung allerdings nichts.
Dagmar Berges

Kinderblick – Kinder im Blick

Mit dem Fahrrad zur Grundschule – geht das überhaupt? In Frankfurt, im Berufsverkehr? Warum erscheint das oft noch als glatter Wahnsinn? Dagmar Berges hat Drittklässler Luis auf seinem Schulweg in Frankfurt-Sachsenhausen begleitet.

Luis liebt das Fahrradfahren. Schon mit vier Jahren hat er gelernt, frei zu radeln. Es ist zwar nur ein knapper Kilometer, dennoch würde der fast Neunjährige gerne mit dem Rad zur Willemerschule fahren. Manchmal nimmt er morgens sein Bike mit, damit er nach der Schule zum Fußballtraining kommt, zu Fuß ist das zu weit. Aber nie würde er alleine radeln, nie ohne Begleitung eines Elternteils. Denn der Großstadtverkehr macht Luis Angst.

Fahrradfahren in Frankfurt erleben auch viele Erwachsene als Herausforderung. Der Verkehr ist dicht, laut, verstopft und unübersichtlich. Oft fehlen vernünftige Radwege, die Straßen sind häufig eng, es gibt nur wenige Ampelschaltungen, die den Radelnden den Vorrang geben und darüber hinaus auch wenige Geschwindigkeitsbegrenzungen und nur wenige Meter Fahrradstraßen. Kinder dürfen zwar bis zum 10. Lebensjahr den Bürgersteig nutzen, ältere müssen auf den Radweg oder auf die Straße. Dennoch müssen auch in Wohngebieten Kreuzungen überwunden werden, nicht immer gibt es Ampeln oder Zebrastreifen, das Verkehrsaufkommen ist besonders in den Morgenstunden sehr hoch. Der Stressfaktor der Autofahrer auch. Kein Wunder, dass das Radfahren für Kinder ganz schön nervenaufreibend ist und sie tatsächlich überfordern kann.

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links: Kaum ist die stark befahrene Straße überquert, gilt es auf die ­Straßenbahn zu achten.
rechts: Ein Kind auf einem Fahrrad kann von einem parkenden Pkw komplett verdeckt werden. Ohne Zebrastreifen erfordert das Queren der Straße besonders viel Aufmerksamkeit
Dagmar Berges

Ich treffe Luis häufig im Treppenhaus. Er lebt mit den Eltern und seiner Schwester zwei Stockwerke unter mir. Die Familie besitzt kein Auto, alles wird per Rad, zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln erledigt. Was in der Stadt natürlich einfacher ist als auf dem Land, aber auch nicht selbstverständlich. Selbstverständlich sollte es allerdings sein, das Radfahren von Kindern auch schon in den ersten Schulklassen zu fördern. Es macht die Kinder selbstständig, schult den Blick für ökologisch sinnvolles Verhalten, und bereitet auf die spätere Verkehrsteilnahme gut vor. Das Kultusministerium Hessen hat 2012 eine Empfehlung zur Radmobilität von jungen Menschen herausgegeben: „Mobilität- und Verkehrserziehung befähigt Schüler*innen, sich mit den Anforderungen des heutigen Verkehrs, seinen Auswirkungen auf Menschen und Umwelt sowie mit der Entwicklung einer zukunftsfähigen Mobilität auseinanderzusetzen“.

Wie hilfreich sind die Planungshilfen?

Das ist die Theorie, in der Praxis ist das Radeln für Kinder im Straßenverkehr jedoch schwierig und teilweise fast unmöglich. Die Eltern würden ihren Sohn Luis trotzdem alleine zur Schule fahren lassen, eingeübt haben sie es schon oft. Aber Luis möchte begleitet werden, da ihm die Strecke zu gefährlich ist. Was tun?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den sichersten Weg per Rad zu erkunden. Der Schulwegplan der Stadt Frankfurt (auf frankfurt.de – auch über den Kurzlink adfc-hessen.de/=IOAU abrufbar) von 2005 (!) empfiehlt zwar für Sachsenhausen ausschließlich Hauptachsen, sichere direkte Verbindungen von Haustür zur Schule sind jedoch nicht dargestellt. Die Karte ist recht unübersichtlich, denn auch die sperrigen Hinweise verdecken Teile des Planes und sind nur bedingt hilfreich. Was soll man mit einem „Achtung! In Richtung Osten absteigen, Fußgängerampel benutzen“ anfangen?

Ein interaktives Angebot macht das Land Hessen mit dem Fachzentrum Schulisches Mobilitätsmanagement und dem Prog­ramm „Besser zur Schule“. Es leitet auf den Schülerradroutenplaner ­(schuelerradrouten.de), der verspricht, die beste und sicherste Radroute zur Schule zu erkunden. Man gibt den Wohnstandort ein und die Zielschule, darauf erscheint eine Karte, die Distanz, Dauer, Höhenprofil und den Straßenverlauf visualisiert.

Luis und sein Vater sind ganz begeistert vom digitalen Instrument, und sie geben gleich die Daten ein. Jedoch weist die Karte eine Route aus, die eher für ältere Schüler* innen nutzbar ist. Eine der empfohlenen Kreuzungen ist schwierig zu meistern. Auch der Schulwegplan der Stadt Frankfurt empfiehlt diesen Weg, ohne einen Hinweis auf die sehr unübersichtliche Querung der Straße. Beide Angebote sind damit für Luis nicht besonders hilfreich. Also entscheiden wir uns für die dritte Variante und nehmen die Strecke, die Luis immer fährt, wenn er das Rad nutzt.

Sichere Querungsmöglichkeiten fehlen

Kaum aus der Haustür und mit glänzendem Helm auf dem Kopf, ist für Luis schon die erste Hürde zu überwinden. Die nächste Kreuzung wurde zwar vor kurzem mit Fahrradstellplätzen und einem Pfosten in den vier Abbiegebereichen bestückt, sodass keine Autos direkt im Kreuzungsbereich parken können. Das ist wirklich eine Verbesserung. Jedoch ist die zu querende Straße für kleine Menschen nur eingeschränkt zu überblicken. Hier hält kein Autofahrer auf seinem Weg zur Arbeit freiwillig, und Kinder sind natürlich auch nicht so sichtbar und durchsetzungsstark wie die Großen. Fazit: Es fehlen hier leider Zebrastreifen, sodass Luis bislang noch auf die Hilfe von Erwachsenen angewiesen ist.

Weiter verläuft die Strecke bis zur Ampel auf dem engen Bürgersteig, rechts in die Paradiesgasse und bis zur nächsten Ampel ebenfalls auf dem Fußweg. Zwei Grünphasen müssen nun abgewartet werden, dann freie Fahrt auf einem breiten Rad- und Fußweg in die Willemerstraße. An der Ecke Dreieichstraße die nächste Ampel, hier ist die Lage wieder schwierig und verunsichert Luis, trotz Ampel. Die Streckenführung ist unklar, da nach der Straßenüberquerung die Straßenbahnschienen überwunden werden müssen, mit neuer Ampel und sehr kleinem Wartebereich. Der sich anschließende Fuß- und Radweg ist sehr eng, Luis muss das Fahrrad schieben. Aber nun ist das Ziel fast erreicht und der regensichere Fahrradunterstand der Schule schützt uns vor der Nässe.

Es hilft nur Druck machen

Luis berichtet, dass nur ganz wenige Freunde von ihm mit dem Fahrrad zur Schule fahren. Im Unterricht hätten sie in der zweiten Klasse ein wenig über Verkehrsregeln erfahren, aber seitdem nicht wieder. In der vierten Klasse können die Schüler*innen den Fahrradführerschein machen. Darauf freut sich Luis schon jetzt und hofft, dadurch mehr Sicherheit beim Radeln zu erlangen. Die Gefahren sind jedoch nicht gebannt. Hier sind wir alle gefordert. Als Anwohner im Viertel, als Einwohner der Stadt, als Eltern, als Großeltern. Da hilft nur Druck machen. Warum gibt es bis heute keine umfassende Verkehrsberuhigung in den Wohnvierteln und in den Bereichen rund um die Schulen? Wo sind die breiten, vom Autoverkehr abgetrennten Radwege, das durchgängige Tempo 30, die gut zu überblickenden Sichtachsen, die klaren Verkehrsführungen für die Radfahrer? Das fragt sich nicht nur Luis. Es ist also noch viel zu tun bis zur „Fahrradstadt Frankfurt“, die inzwischen auch von der Römer-Koalition offensiv propagiert wird. Besonders mit Blick auf alle Kinder und Jugendlichen der Stadt, die sicher an ihr Ziel kommen wollen. Und das ganz ohne Angst.

Dagmar Berges

Ausgabe 2 (Mär/Apr) / 2020

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