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Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Frankfurt am Main

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Artikel dieser Ausgabe

Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Frankfurt

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Foto: Peter Sauer

"Der Gotthard fehlt mir noch", hieß es. "Mir nur dessen Südseite", kam die Antwort. Aus der Reise dorthin wurde eine wunderschöne Vier-Pässefahrt durch die Zentralschweiz. Das "Postauto", wie der gelbe Bus hier genannt wird, erledigt so etwas an einem Tag. Wir haben uns mehr Zeit gelassen.

Goethe und James Bond

Val Tremola: In engen Kehren windet sich die alte Pflasterstaße hinauf zum Gotthardpass
Foto: Peter Sauer

Ein Ausflug auf den Spuren berühmter Reisender

Ende September machen wir uns von Frankfurt aus auf den Weg. Zuerst mit der S-Bahn nach Mainz am Rhein und von dort per Eurocity umsteigefrei direkt nach Chur, ebenfalls am Rhein, der hier jedoch deutlich schmaler ist als in Rheinhessen. Bei leichtem Regen spazieren wir ins Hotel in der Churer Altstadt, die wir am nächsten Morgen mit dem Fahrrad rheinaufwärts schon wieder verlassen. Der Regen hat nachgelassen, es wird sogar sonnig, jedoch bei frostigen Temperaturen – die Berghänge oberhalb des Rheintals sind weiß beschneit.

Rheinaufwärts" darf man sich hier nicht als Flussuferweg vorstellen. Nur wenige Kilometer hinter Chur windet sich der Weg hinauf ins Örtchen Bonaduz und weiter hoch über die wilde Rheinschlucht, in deren Tiefe die Ursprünge des berühmten Flusses und die roten Züge der Rhätischen Bahn für Begeisterung sorgen. Darüber, von uns einige Kurven auf der schmalen Straße entfernt, kündet eine schweizer Fahne von einer "Passhöhe" und einem Gasthaus, das wir trotz des kalten Windes leicht verschwitzt betreten. Zwei Gerstensuppen später verlassen wir es satt, um bei leichtem Gefälle hinunter nach Ilanz, der "ersten Stadt am Rhein", zu rollen. Bis Disentis windet sich der Weg nun doch am Fluss entlang, steigt aber vor der weithin sichtbaren Klosterkirche nochmals steil an und entlässt uns auf einen Parkplatz mit Sanitäranlagen direkt vor dem Dorf. Erleichtert und frisch gemacht fahren wir vor der Touristeninformation vor und lassen uns bei der Quartiersuche helfen. Von dort (dem Quartier) sind es dann nur wenige Gehminuten bis zur Pforte der sehenswerten Klosteranlage, deren weiße Mauern das Dorf überragen.

Von Disentis geht es bei weiterhin kaltem Wind (zum Glück in Fahrtrichtung) auf die Lukmanierstraße, die über den gleichnamigen Pass nach Süden ins Tessin führt. Nach einem heftigen Anstieg und dem Passieren einiger Tunnel und Kehren erreichen wir das Örtchen Curaglia zur besten Kaffeepausenzeit. Nun steigt die Straße gemächlicher an und verläuft langgezogen auf der linken Seite des Tals, dessen Ende durch eine gewaltige Staumauer markiert wird. Oben, am Stausee, pfeift der Wind eiskalt über die Wasseroberfläche und durch die lange Lawinengallerie, in deren Mitte der höchste Punkt des Tages liegt. Bereits abwärts rollend erreichen wir das Hospiz auf der alten Passhöhe. "Hospiz" darf man sich hier nicht besonders christlich oder gar romantisch vorstellen – das schlichte Gasthaus entstand in den 60er Jahren, nachdem der Stausee die historische Herberge überflutet hatte. Heute werden hier tagsüber ganze Busladungen an Touristen abgefüttert, während vor dem Haus afrikanische Asylsuchende aus dem zugigen Containerdorf am Stausee auf das "Postauto" hinunter in wirtlichere Gegenden warten. Erst abends, wenn alle Wanderer, Spaziergänger, Motorradfahrer, Auto- und Bustouristen und die Radrennfahrer wieder hinunter ins Tal gerollt sind, wird es gemütlich im Gasthaus. Die Wirtin plaudert am Tresen mit ihrer polnischen Serviertochter, der Koch trinkt in Ruhe ein Bier, die zwei dicken Motorradfahrer essen ihre Schnitzel und die beiden älteren Schweizerinnen hinten am Tisch in der Ecke planen die Bergtour für den nächsten Tag. Mehr ist nicht los. Dazwischen freuen wir uns bei Nudeln und Rotwein auf die morgige Abfahrt ins Tessin.

links: Bergidylle in Versam oberhalb der Rheinschlucht
rechts: barocke Klosterkirche in Disentis
Fotos: Peter Sauer

Die beginnt zwar im eisigen Wind mit Schal, Mütze und Handschuhen, doch schon unten vor dem Coop-Markt von Biasca können wir die kurzen Hosen auspacken. Bis Airolo am Südportal des Gotthardtunnels folgen wir der nationalen Veloroute 6, der Nord-Süd-Route, auf Nebenstrecken, Schotterwegen oder der alten Hauptstraße. Touristisch interessant sind die Ergebnisse, die Verkehrsingenieure im Laufe der Jahrhunderte hinterlassen haben. Die Autobahn, die das Tal beherrscht, sieht und hört man meist in luftiger Höhe, während die Eisenbahn sich durch Kehrtunnel windet und uns immer einige Höhenmeter voraus ist. Dazwischen verläuft die alte Straße, die hier und da noch Erinnerungen an die Postkutschenzeit weckt.

In Airolo quartieren wir uns ein, bevor wir auf der alten Gotthardstraße Distanz zu Auto- und Eisenbahn gewinnen. Der allergrößte Teil des Verkehrs ist nun in Tunneln unter dem Gotthardmasiv verschwunden, so dass wir in relativer Ruhe auf der alten Pflasterstraße, Kehre für Kehre, an Höhe gewinnen. Hier, im Val Tremola, bekommt man eine leise Vorstellung davon, welche Mühe in früheren Zeiten das Überwinden der Alpen gekostet haben mag. Die Serpentinen liegen dicht beieinander, auf engstem Raum windet sich die Straße nach oben. Von unten sind nur die Stützmauern zu sehen, die sich in endloser Reihe übereinander türmen, ein Ende ist nicht zu erkennen. Immer wieder überholen sportliche Radler, grinsen uns aus leicht verzerrtem, verschwitztem, aber glücklichem Gesicht entgegen und grüßen freundlich beim Vorbeifahren. Hin und wieder sehen wir sie in einer der nächsten Kehren, wie sie langsam dem blauen Himmel näher kommen.

links: Tessiner Käsehändler auf dem Gotthardpass
rechts: Pannenhilfe auf der Furkaabfahrt mit Blick auf die Grimselstraße
Fotos: Peter Sauer

Kurz bevor auch wir den Himmel erreichen, stehen wir vor einem Hospiz, hier etwas romantischer und älter als auf dem Lukmanier, aber formidabel saniert und pikkobello modern eingerichtet. Die Übernachtung hier oben ist nicht ganz billig, und dass schon Goethe seinen Fuß auf die alte Steintreppe im Haus gesetzt haben mag, macht die Angelegenheit nicht günstiger. Das trübt jedoch unser Vergnügen darüber, hier zu sein und sich vorzustellen, wie Goethe damals zu Fuß über die Berge marschiert sein mag, kaum. Nach der begeisternden Bergfahrt auf der alten Pflasterstraße befinden wir uns in gehobener Stimmung, ganz der Berühmtheit des Ortes angepasst. Davon profitiert auch der Tessiner Käsehändler, der seinen Verkaufswagen geöffnet hat. Ob Goethe aber an den vielen Imbissbuden und Andenkenläden oder gar dem roten Coca Cola Container neben den ausgedehnten Parkplatzanlagen auf der Passhöhe Gefallen gefunden hätte? Überliefert ist in seinen "Schweizer Reisen" nur, dass der Pass zur damaligen Zeit ein wilder, einsamer Ort war. Von einem Pflasterstein, den er zur Erinnerung an seine Reise heim nach Frankfurt getragen hätte, ist ebenfalls nirgendwo die Rede. Das haben wir nun erledigt. Entliehen von einem Haufen Ersatzsteine schmückt der graue Quader jetzt die heimische Wohnung.

Das für uns nächste Quartier steht knapp unterhalb des Furkapasses, den man, vom Gotthard talwärts rollend, über die Orte Hospental und Realp erreicht. Auch hier ist Goethe schon vor uns gewesen – nach einer anstrengenden Furkaüberquerung im November-Schnee lobte er den Wein des Realper Pfarrers. Das Pass-Sträßchen windet sich zügig bergan, der Blick zurück ins Tal ist grandios. Am Wegesrand erinnern Schilder daran, dass hier vor uns nicht nur Goethe, sondern auch James Bond schon unterwegs war, Letzterer auf der Jagd nach Goldfinger. Das im Film zu erkennende Berghotel umrunden wir in einer Kehre und steigen erst vor dem nächsten Gasthof vom Rad. Tiefenbrunnen nennt sich das Hotel in 2.100 Metern Höhe, in dem eine Sächsin das Regiment führt. Auf der Terrasse sitzen bereits drei ältere Herren in Radsportkleidung in der Abendsonne und begrüßen uns begeistert mit einem Bier. Da können wir nicht Nein sagen und ordern umgehend zwei "Stangen" (wie das kleine Bier hier heißt), die wir, verschwitzt und erhitzt, in uns hinein gießen. Der Blick geht dabei zur Passhöhe, die uns morgen noch ein paar Schweißtropfen abverlangen wird.

Tags darauf werden wir im alten, nur noch als Café betriebenen Hotel Furkapass von einem japanischen Paar bedient. Das Hotel ist seit vielen Jahren geschlossen, doch wir dürfen einen Blick in die historischen Gemächer werfen, bevor uns der junge Japaner, der hier den kurzen Sommer verbringt, mit Kaffee und Gebäck versorgt. Draußen glitzert Schnee in der Sonne und erinnert daran, dass die Saison bald zu Ende geht.

Vor dem Haus treffen wir auf zwei Schweizer Radler, die uns einen Berggasthof mit Gletscherblick weit hinter (und über) dem Grimselpass empfehlen. Die beiden sind unseren Alters, so dass wir uns zutrauen, ihrem Tipp folgen zu können (junge enthusiastische Bergradler haben oftmals andere Vorstellungen von Distanzen und Höhenmetern als wir gesetzteren Radtouristen – da traut man eher den Gleichaltrigen, ähnlich ausgestatteten Velofahrern). Also flott hinunter auf der gut ausgebauten Straße, noch vor dem Rhonegletscher einem jungen Downhill-Biker mit der Luftpumpe das Weiterrollen ermöglichen, tief ins Tal nach Gletsch, die Grimselstraße am gegenüber liegenden Bergmassiv immer vor Augen. In Gletsch endet (bisher) die Furkadampfbahnstrecke. Die Bahnlinie wurde nach dem Bau des Furkabasistunnels stillgelegt. Doch begeisterte Eisenbahner haben die Zahnradbahn wieder ins Rollen gebracht. In "Frondiensten", wie die ehrenamtlichen Tätigkeiten hier genannt werden, wurde die Strecke über Jahre hinweg instand gesetzt, so dass nun im Sommer regelmäßige Dampfbahnfahrten über die Furka angeboten werden. Im Informationskiosk in Gletsch ist dies genau dokumentiert, dort ist alles über die Geschichte der Bahnstrecke zu erfahren. Außerdem hält man dort die Telefonnummer des Berggasthauses, das uns von den beiden Schweizern empfohlen wurde, bereit. Wir kündigen unseren Besuch an und bitten um Reservierung von zwei Betten und zwei "Stangen".

Die Grimselstraße zweigt direkt am Bahnkiosk ab und windet sich in langen Kehren bergan. Der Blick zurück fällt auf die vor kurzem befahrene Furkastraße und den Rhonegletscher. Der hat zwar schon bessere Zeiten gehabt, ist aber immer noch von beindruckender Mächtigkeit. Auf der Grimsel-Passhöhe dann zweigt ein kleines Sträßchen ab, das einige Kilometer mitten in die Berge hinein führt, dramatisch hoch über den großen Grimsel-Stauseen, immer mit Blick auf Gletscher im Weltnaturerbe (wo, bitte schön, kann man als Straßen-Radtourist schon Gletscher von oben sehen?). Am Ende des fast verkehrsfreien Sträßchens steht, weit über einer wieder mal gewaltigen Staumauer, das Berggasthaus, in dem wir reserviert hatten. Die "Stange" trinken wir wieder verschwitzt und abgekämpft in der untergehenden Sonne – besser als hier kann Bier nicht schmecken!

Zur Abfahrt hinunter ins Tiefland am Brienzer See können wir endlich auch unsere Regengarderobe aus den Taschen holen und ihr etwas von der Schweizer Bergwelt zeigen. Nach neun Tagen Sonne freut das die Regenhose. Im Städtchen Meiringen erkläre ich dann der Bedienung im Café, dass wir nur wegen ihrer "Totenbeinli" (ein Mürbteiggebäck mit Nüssen) hier seien, die wir vor einigen Tagen im alten Furkahotel zum Kaffee gegessen und die uns vorzüglich geschmeckt hätten. Die Dame fand es aber viel wichtiger, uns auf die weltgrößte Meringue hinzuweisen, die ihr Chef produziert habe. Diese allschweizer Süßigkeit stamme nämlich aus Meiringen, und dies sei bereits vor dem Krieg nachgewiesen worden im Kochkunstmuseum in – ja wo wohl? – Frankfurt am Main! Leider hat das Museum am Mainufer den Krieg nicht überstanden, weshalb die Meiringer nicht mehr so recht nachweisen können, dass sie die Erfinder der Meringue sind. Wir haben uns zwar als Frankfurter vorgestellt, sind aber bei den "Totenbeinli" geblieben und haben eine ordentliche Anzahl derselben in unseren Fahrradtaschen verstaut.

In Brienz beenden wir die Tour in einer Pension mit Balkon und Seeblick, bevor wir mit der Bahn zurück in den Nabel unserer Welt fahren, dorthin, wo schon Goethe, weit vor der Erfindung der Meringue, zu seinen schweizer und italienischen Reisen aufbrach. Da auch das Fahrrad damals noch nicht erfunden war, musste er laufen. Vorerst. Später, als reicher Weimarer Minister, mag er mit der Kutsche gefahren sein. Das geht in der Schweiz auch heute noch, doch kostet die eintägige Gotthardüberquerung in einem Vierspänner inzwischen für jeden Fahrgast ganze 600 Schweizer Franken. Dass ein Mittagessen im Passrestaurant im Preis enthalten ist, macht die Sache für uns kaum reizvoller. Da bleiben wir dann doch lieber beim Velo.

Peter Sauer