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Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Frankfurt am Main

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Artikel dieser Ausgabe

Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Frankfurt

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Der Traum vom sicheren ­Radfahren wird wahr

Kein Radweg ist bei unseren europäischen Nachbarn die Ausnahme – auf sicheren Radwegen kreuz und quer durch Holland

Deutlicher geht es kaum: so werden Fahrradstraßen in den Niederlanden gekennzeichnet
Birgit Oertel (4)

Wir sind zurück: Die beiden Hofheimer Ingrid Meurer, 82 Jahre und Norbert Jacob, 86 Jahre alt, wollten es wissen und sind mit ihren befreundeten ADFC-Mitgliedern aus Hattersheim in die Niederlande gefahren. „Nein, so hatten wir es uns nicht vorgestellt. Überall Radwege! Das wird eine Umstellung, wenn wir zurück im Main-Taunus-Kreis sind.“ Es kommt schon fast einem Kulturschock nah, von den Niederlanden zurück nach Deutschland bzw. Hessen zu kommen.

Während man in Holland überall, selbst mit kleinen Kindern, über rot markierte Wege sicher und ohne Unterbrechungen von einer Stadt in die andere kommt, ist die Anzahl der ausgewiesenen gut befahrbaren Radwege, insbesondere hier im Main-Taunus-Kreis, mehr als überschaubar. In den Niederlanden scheint es Absprachen zwischen den Städten zu geben. Kein Radweg endet, sondern führt weiter und verbindet die Städte, die Kreise und vor allem die Menschen. Schulbusse werden durch Fahrräder ersetzt. Lachend fahren die Kinder von den Schulen über sichere, rote Radwege nach Hause. Taxi Mama undenkbar bis peinlich!

Dem Kfz-Verkehr wird Platz genommen
Schwellen bremsen Raser aus

Ingrid Meurer und Norbert Jacob bemerkten nicht nur die gepflegten Radwege, sondern auch die Beleuchtung in den zahlreichen Tunneln, haben sie doch immer noch den verschlammten Tunnel zwischen Hattersheim und Kriftel in Erinnerung, der sie auf „ihre alten Tage“ umgehauen hatte. Lange haben sie damals gebraucht, um sich von diesem Radunfall zu erholen und wieder mit ihren Drahteseln zu starten.

Auf den sicheren Radwegen unserer Nachbarn begegnen ihnen Kinder, Familien, Menschen mit Behinderungen, Senioren auf Rikschas – ein buntes Treiben, das uns allen vier jeden Urlaubstag das Herz aufgehen ließ. Auffallend war die Polizei, die sich in den Städten überwiegend auf Fahrrädern oder zu Fuß bewegte

Auch in Holland sind die Straßen eng; den meisten Platz erhält aber der Radverkehr, den Rest müssen sich die Autofahrer:innen teilen. Da so viele Menschen mit dem Rad fahren, sind weniger Autos unterwegs. An jedem Bahnhof, an jeder Schule stehen Hunderte von Fahrrädern. In Leiden entdecken wir ein Parkhaus für Fahrräder. Rund um den Bahnhof stehen tausende Zweiräder und wir überlegen uns, wie ihre Besitzer:in­nen am Abend zu ihnen finden.

Radwege sind barrierefrei

Auch auf den mehr als drei Meter breiten Rheindeichen fahren Autos, aber im Schritttempo. Sie sind gehalten, auf Radfahrer Rücksicht zu nehmen. Per Rad dauert es eine knappe Stunde von Nijmegen nach Arnhem auf durchgehenden Radwegen, die anders als bei uns niemals enden. Keinen Radweg gibt es in den Niederlanden nicht. Hier ist ein Konzept entstanden, dass für seine Umsetzung Jahrzehnte gebraucht hat, aber kontinuierlich weiterentwickelt worden ist.

Vor wenigen Wochen ist erneut eine Radfahrerin auf Hattersheims Straßen durch ein Auto zu Tode gekommen. Solche Straßen, in denen Radfahrer:innen Gesundheits- oder sogar Lebensgefahr droht, gibt es in den Niederlanden nicht. Bei Kreuzungen ist die Straße überall rot markiert, damit solche Unfälle erst gar nicht passieren. Auch bei drei auf den Straßen verstorbenen nur in einer Stadt im Main-Taunus-Kreis kein Licht am Horizont! Kein Startschuss zu einem Radwegenetz ist zu hören! Es werden wohl weiter Gespräche mit engagierten, im Ehrenamt tätigen Bürgerinnen und Bürgern geführt, unzählige Bitten an die Politik gerichtet, immer wieder Konzepte in Auftrag gegeben, die dann wieder in der Schublade verschwinden. Der Hinweis auf die Niederlande wird abgewinkt: „Die hatten das schon immer“, heißt es dann. Nein, hatten sie nicht. Erst in den neunziger Jahren wurde angefangen, ein durchgängiges Netz zu schaffen, das nach dreißig Jahren dort Standard ist. Weiter wird mit dem Hinweis diskutiert, dass Holland flach sei. Nein, auch dort gibt es starke Steigungen. Hinzu kommt, dass immer mehr Menschen hier mit dem E-Bike unterwegs sind. Sie kämen mit Leichtigkeit auf den Feldberg, gäbe es dorthin einen durchgehenden Radweg. Hindernisse bzw. verkehrsberuhigende Maßnahmen auf Straßen, wo sich Menschen ohne Karosserie bewegen, sind hier genauso Tabu wie die Geschwindigkeitsbegrenzung auf deutschen Autobahnen. Mittlerweile fahren zwei weitere Generationen im Main-Taunus-Kreis Fahrrad, der Autoverkehr hat sich, insbesondere in der Coronazeit, gefühlt verzehnfacht und der Radverkehr hat – genauso wie die Unfallzahlen – entsprechend zugenommen. Immer noch werden Kinder- und Erwachsenenfahrräder wie vor vier Jahrzehnten über die Staustufe in Eddersheim gehievt – für E-Biker allein fast unmöglich. In Holland gibt es dafür kleine Radfähren sowie viele einfache Fahrradbrücken. Wie sollte eine Rollifahrerin anders auf die andere Seite einer Gracht kommen? Bei uns bleibt sie zu Hause!

Anders als im Main-Taunus-Kreis ist der Klimawandel in den Niederlanden bereits vor 30 Jahren angekommen und hat zu Konzepten geführt, die den Autoverkehr massiv reduzieren. Kurze Strecken werden einfach nicht mit dem Auto bewältigt. In vielen Städten werden mittlerweile zusätzlich kühlende Wasserflächen eingerichtet – die am Kreishaus des Main-Taunus-Kreises gerade abgebaut wurden.

Das Schild auf der Autobahnbrücke von Kelsterbach nach Hattersheim zeigt die Konzeptionslosigkeit des Main-Taunus-Kreises für uns Radfahrer:innen: „Radfahrer bitte absteigen“. Dieses gab es dort schon als die Niederländer:innen anfingen, ihr Mobilitätskonzept umzuorganisieren. Aber ein Schild aufzustellen oder jedes Jahr wieder zum Stadtradeln aufzurufen, ist schneller umsetzbar, als einen Radweg zu sanieren, bzw. ein Radkonzept in die Tat umzusetzen. Vier Jahrzehnte sind mittlerweile mit Diskussionen ins Land gegangen (jetzt soll der Bürger/die Bürgerin zum Rad­schnell­weg gehört werden), ohne dass eine nennenswerte Veränderung für die Verletzbarsten, nämlich die Radfahrenden, eingetreten ist.

Anders als bei uns gilt in den Niederlanden die besondere Rücksicht den schwächeren Verkehrsteilneh­mer:innen. Das sind dort politische Ansagen, die den Touristen in den Hotels spätestens beim Bezug ihrer Zimmer ans Herz gelegt werden. An Radfahrern darf man selbst auf Landstraßen nur vorbeifahren, wenn kein Gegenverkehr in Sicht ist. Damit Radwege in das Verkehrsnetz integriert werden konnten, sind die Fahrwege enger gestaltet worden. In die Landstraßen sind Schwellen eingebaut, um potenzielle Raser auszubremsen. Hindernde Poller auf Radwegen – wie im Main-Taunus-Kreis – sind dort tabu.

Es fällt nach Rückkehr aus solchen Verhältnissen schwer, sich wieder auf die holprigen Landwirtschaftswege zu begeben oder auf die viel befahrenen Straßen. Was bewegt die hiesige Politik, in Zeiten des Klimawandels Konzepte aus den 80er Jahren aufrecht zu erhalten? Welche Kosten entstehen bei 90.000 Unfällen mit Radfahrern im Jahr? Wieviel Leid müssen die vielen Familien erleiden, die Angehörige, wie jetzt erneut in Hattersheim, so unmittelbar verlieren? Wie wäre es mit einer Radfahr-Partnerschaft mit einer kleinen holländischen Region, um das „Rad nicht dauernd neu erfinden zu müssen“?

Frankfurt ist auf dem Weg, die Stadt ihren Bürgerinnen und Bürgern wiederzugeben. Ein Anfang zum Bau echter roter Radwege ist hier tatsächlich erkennbar, aber die Anschlüsse in einem der reichsten Kreise Deutschlands, im Main-Taunus-Kreis, enden weiter im Nirvana.

Birgid Oertel, Volker Igstadt
Hattersheim