Skip to content

Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Frankfurt am Main

Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Frankfurt am Main

Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Frankfurt am Main

Artikel dieser Ausgabe

Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Frankfurt

Artikel dieser Ausgabe

Altes Rathaus, Kirchturm und Gasthof in Roding am Regen
Peter Sauer (6)

Unterwegs in Bayern

Geschichten von Gastwirten, Backstuben und Bergwerken

Wer zu Fuß oder per Fahrrad auf Reisen ist, kommt anderen Menschen meist schnell nahe. Das ist keine neue Erkenntnis, das war schon immer so. Wandernde oder Radreisende werden nach dem Woher und Wohin gefragt, es entwickeln sich schnell Gespräche über dies und das und Land und Leute. So auch in Bayern, wo wir drei Wochen unterwegs waren, von Ingolstadt über Regensburg nach Zwiesel im Bayerischen Wald und von dort ins Fränkische bis nach Bamberg. Oberbayern, Niederbayern, Oberpfalz und Oberfranken heißen die Regionen, in denen wir einige Einblicke in das Leben und Arbeiten der Einheimischen erhalten konnten.

Überfüllt: Der Fahrrad-Abstellraum im Regensburger Hotel

Regensburg
Der Fahrradraum sei im Erdgeschoss, wir mögen uns dort bitte einrichten und dann mit dem Gepäck in den ersten Stock kommen, sagt die Chefin. Im Fahrradraum ist es eng, rund 20 Räder müssen sinnvoll untergebracht werden. E-Biker wollen in die Nähe einer Steckdose, die morgen Abreisenden nicht ganz hinten parken und Fluchtwege und Kühlraumtüren müssen frei zugänglich sein. Wir reisen erst übermorgen ab und stellen unsere Räder deshalb hinter andere, bevor wir den Lift hinauf zur Rezeption betreten. Dort stellt sich heraus, dass man unsere Buchung mit einem falschen Datum vermerkt hatte, nun kein Zimmer frei sei und wir uns an das Touristenbüro wenden sollten. Gepäck und Räder könnten so lange hier im Haus bleiben. Zurück von der freundlichen Dame des Regensburger Touristikbüros, die uns ein Zimmer in einem anderen Haus vermittelt hatte, rangieren wir unsere Räder von ganz hinten im Fahrradraum nach ganz vorne und fahren erleichtert dem neuen Ziel entgegen. Auch dort ein freundlicher Empfang, wir mögen bitte direkt an der Rezeption vorbei in den Hof fahren und in der Fahrradgarage Platz suchen. Den jedoch gibt es nicht, die Garage ist voll, einige Räder stehen bereits davor im Innenhof. Über 50 Räder habe ich gezählt, 50 Räder von Radtourist:innen allein in diesem Hotel! Wir schließen unsere Velos im Hof zusammen und überlegen, welche wirtschaftliche Rolle der Radtourismus spielen könnte. In Regensburg am Donauradweg sicherlich eine ganz erhebliche.

Roding
In Roding hat der Reim-Wirt neu gebaut. Türkisch-mediterran beeinflusst, Säulen, Rundbögen, groß und schwer. Die Bedienung trägt jedoch Lederhose und serviert gegrillte Haxe, aber auch Zanderfilet auf Tagliatelle oder Roggenfladen mit gegrilltem Gemüse. Herr Pohl vom Gasthof Lobmeyer, bei dem wir übernachten, hat den Reim-Wirt empfohlen. Die Terrasse ist ausgebucht, doch an einem großen Tisch sitzt ein älteres Ehepaar, das die Frage des Kellners, ob er uns dazu platzieren dürfe, bejaht. Wir grüßen freundlich und langsam beginnt eine Art von Gespräch, bei dem die Schwierigkeiten eindeutig auf unserer Seite liegen. Mag sein, dass der Oberpfälzer glaubt, mit den Touristen Hochdeutsch zu sprechen. Doch damit tun wir uns schwer, und die Oberpfälzerin, die hin und wieder die Sätze ihres Gatten um ein paar Worte ergänzt, ist uns keine große Hilfe. Trotzdem reden wir weiter miteinander.

Bild zum Artikel

Bild zum Artikel

links: Ausflugsziel Kirche in Pemfling, katholisch-barock
rechts: Unterwegs zwischen Pemfling und Rötz

Er hat die Haxe bestellt ("das muss ab und zu mal sein"), sie den Roggenfladen mit Gemüse. Wir erfahren, dass die neue Kirche aus dem Jahr 1960 immer noch nicht gefällt, dass der Hochwasserschutz modern ist, dass es ein schönes Bad gibt und dass viele Gasthäuser bereits vor langem geschlossen haben. Es sei nicht mehr so wie früher, als man ins Wirtshaus ging und nicht unter acht oder neun Halben nach Hause kam (er trinkt ein kleines Pils und anschließend ein Radler, sie ein Viertel Weißen). Die Leute blieben daheim, und Corona erledige den Rest. Im Lobmeyer habe man gut essen können, aber nun habe man dort die Gaststätte aufgegeben. Wo doch der Pohl mit der Tochter von dem einen Metzger geht, aber die will auch nichts mehr mit Metzgerei zu tun haben (direkt gegenüber vom Lobmeyer sind zwei Metzgerläden, beide geschlossen) und so weiß man nicht, wie es im Lobmeyer weitergehen wird.

Bild zum Artikel

Bild zum Artikel

links: Das Land Bayern legt drauf: rostige Maxhütte in Sulzbach
rechts: In Pegnitz ist's vorbei mit Schweinsbraten und Knödeln

Trotz der sprachlichen Verständigungsschwierigkeiten, die an Reisen im ländlichen Schottland erinnern, erfahren wir noch, dass man Verwandschaft in Karben habe, dass man ein großes Haus bewohne, was ohne die Kinder ziemlich leer sei, dass jetzt alle wieder ROD auf ihren Autokennzeichen haben, für den Altkreis Roding, statt des CHA für Cham, die eigentliche Kreisstadt. Nach dem Essen verabschieden wir uns freundlich und wissen nun über Roding Bescheid. Ein Spaziergang in der Abendsonne am Ufer des Regen mit den neuen Hochwasserschutzmauern führt uns vorbei an den Tischen eines indischen Lokals, auf dem Rückweg zum Lobmeyer passieren wir eine Pizzeria, einen Dönerladen und eine Eisdiele.

Herr Pohl bestätigt am nächsten Morgen unser frisch erworbenes Wissen. Der Gasthof sei gut gelaufen, es habe das beste Essen in Roding gegeben, der Koch sei gut bezahlt worden. Doch es sei schwierig, gutes Personal zu bekommen. Die jungen Leute wollten nicht auf dem Land arbeiten. Und dann wurde zu Beginn der Corona-Krise die Küche geschlossen. Ob sie wieder geöffnet wird? Herr Pohl ist nicht entschieden, der Koch habe nun eine Stelle in einer Kantine angenommen und wolle nicht mehr von den familienfreundlichen Arbeitszeiten weg. Ob er anderes Personal finde, sei noch unklar.

So wird von dem Ensemble aus altem Rathaus (es gibt längst ein neues), altem Kirchturm (der stehen geblieben ist, als die neue Kirche entstand) und altem Lobmeyer nicht viel mehr übrigbleiben als eine hübsche, aber unbelebte Oberpfälzer Kleinstadtkulisse. Allerdings mit einem italienischen Restaurant gerade gegenüber, in dem die Terrasse bis 11 Uhr abends vollbesetzt ist und der Lärmpegel mit dem Alkoholkonsum ansteigt. Wie kriegen die das hin?

Pemfling
Der Freund der Bäckereiverkäuferin in der Backstube in Pemfling nahe Cham kommt aus Tirschenreuth, erfahren wir. Dort sei man bereits nahe an Franken, und wenn man dort (in Franken) in eine Kirche gehe, sehe dass schon sehr minimalistisch aus – halt evangelisch. Die Pemflinger Kirche sei etwas Besonderes, richtig katholisch-barock ausgestattet. Manche Stimmen verglichen sie gar mit der berühmten Wieskirche, selbst Ausflugsbusse kämen zur Kirche nach Pemfling.

Ihr Freund wolle am liebsten mit dem Motorradl nach Kroatien in den Ferien, aber sie, die Bäckereiverkäuferin, wolle eigentlich lieber an die Ostsee, Spazieren, auch mal ein paar Stunden im Cafe sitzen. Das aber sei nichts für den Freund, so dass sie dann gar nicht in Urlaub gefahren seien, sondern nur in die Fränkische Schweiz, und da sei es ja auch ganz schön. Man kenne ja die eigene Gegend kaum, und wenn die Urlauber irgendwas fragen, könne man kaum Auskunft geben, da man ja an den meisten Plätzen noch gar nicht gewesen sei, sondern immer nur in Pemfling. Wir wohnen ja da, wo andere Urlaub machen, heißt es immer, erklärt die junge Frau. Und in der Fränkischen Schweiz seien die Kirchen arg evangelisch, das sei nichts für sie, die sie mit der Dorfkirche von Pemfling aufgewachsen sei. Die müssten wir uns unbedingt noch anschauen, bevor wir weiter Richtung Rötz fahren.

Das haben wir getan, nachdem wir unseren Kaffee in der Backstube ausgetrunken hatten und noch das Eine oder Andere aus dem Leben der Pemflinger Backstubenbetreiberin erfahren haben. Die Kirche ist wirklich sehenswert, barock überladen, doch nicht ganz unser (hessisch-evangelisch geprägter) Geschmack. Die Bäckerei mit ihren Plastikstühlen und dem großen Tisch vor dem Tresen dagegen schon, die redefreudige Dame sowieso – wenn auch hier manchmal Verständigungsprobleme auftreten, besonders dann, wenn sich die junge Frau in Rage redet, über minimalistische (wie kommt dieser Begriff in den Oberpfälzer Wortschwall?) Kirchen oder Urlaubsplanung mit dem Freund aus Tirschenreuth. Oder wenn es um die Ausgezogenen geht, die im Tresen liegen. Was das sei, will der Tourist wissen. Das seien halt Ausgezogene, erfährt der Tourist. Ob sie in Fett schwimmend gebacken werden, will der Tourist wissen. Ja, ausgezogen halt, kommt es hinter dem Tresen hervor, so dass der Tourist sich dafür entscheidet, ohne erfahren zu haben, was sich wirklich hinter dem Gebäck verbirgt. Geschmeckt hat es, und alles Weitere liefert abends zuverlässig das Internet im Gasthof in Neunburg vorm Wald.

Sulzbach-Rosenberg
Vor Sulzbach-Rosenberg erhebt sich das rostige Gerüst eines aufgegebenen Hochofens. Seit 2002 sei die Maxhütte stillgelegt, der Staat und ein privater Investor seien an der Ruine beteiligt, erläutert uns ein Passant. Verdienen tue nur der private Investor, meint der Mann, das Land Bayern lege dabei drauf. Der Zugang zum Werksgelände ist durch ein Rolltor versperrt, Kameras überwachen die Szenerie. Hin und wieder rollt das Tor zur Seite, um ein Auto durchzulassen. Offensichtlich wird irgendwo auf dem Gelände irgendetwas gearbeitet. Das Auf und Zu des Rolltores, weit und breit kein Mensch (außer den Fahrern der Autos, die das Tor passieren) in Sicht, die Überwachungskameras – eine Situation, die an surreale Filme denken lässt, Endzeitstimmung in der Oberpfalz.

Sulzbach dann ist hübsch, historisch gut erhalten und herausgeputzt, Geschäfte in der Innenstadt, einkaufende Menschen, Autoverkehr, Cafés. In Großenfalz, wenige Kilometer hinter der Stadt, steht eine Bank vor einem Gartengrundstück mit einem 60er-Jahre-Haus. Die Sonne hat den Nebel verdrängt, es wird wärmer, so dass wir uns zum Umziehen auf die Bank setzen. Kurz bevor wir weiterfahren wollen, taucht der Bewohner des Anwesens auf, ein alter Mann, der eine Tomate in der Hand hält. Wir grüßen und bedanken uns für die praktische Bank. Sie werde oft und gerne angenommen, erzählt der Mann (hier in verständlichem fränkischem Tonfall). Ihn freue das, man habe ja auch einen schönen Blick von dieser Anhöhe über die Landschaft und auf die 85. Die 85, muss man dazu wissen, ist eine Bundesstraße, die Magistrale der Oberpfalz, der wir auf unserer Tour mehrfach begegnet sind. Wirklich sehenswert finden wir sie allerdings nirgendwo, auch nicht von der Anhöhe in Großenfalz. Wir berichten von unserem Abstecher zum Stahlwerk, woraufhin er erzählt, dass er selber Bergmann gewesens sei. Der letzte und damals der jüngste, als 1977 die Eisenerzförderumg eingestellt wurde. Er selbst habe direkt unter seinem Geburtshaus gegraben, 150 Meter von der Haustüre bis zum Schacht, ein kurzer Weg zur Arbeit. Noch 1964 sei sein Dorf dem Bergbau zum Opfer gefallen, für alle Familien wurden neue Häuser als Streusiedlung gebaut. Die alten Häuser standen eng beieinander, man war schnell ums ganze Dorf herumgelaufen. Nun habe man diese weitläufige Streusiedlung, er brauche jetzt fast eine Stunde, um sein Dorf zu umrunden.

Geschichten aus dem Leben. Wir verabschieden uns, er bemerkt, dass wir ohne elektrische Unterstützung unterwegs sind. Wahrscheinlich bald als Letzte, erwiedere ich, die letzten Radfahrer und der letzte Bergmann. Er lacht, und wir machen uns auf den Weg nach Pegnitz, wo wir den bajuwarischen Knödel-Schweinsbraten-Graben überfahren haben. In Pegnitz gibt es Pizzerien, Eisdielen, Döner- und Asia-Imbisse. Schweinsbraten und Knödel gibt es im Ortskern nirgendwo. Und die große Stadtkirche ist eine evangelische, allerdings nicht ganz so minimalistisch wie befürchtet.

Peter Sauer