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Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Frankfurt am Main

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Artikel dieser Ausgabe

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Tiefflieger

Irgendwie hatte ich eine Vorahnung gehabt, oder es hatte doch ein verdächtiges Geräusch gegeben. Jedenfalls hatte ich meine Geschwindigkeit schon herabgesetzt, bevor ich überhaupt etwas sehen konnte. Erkennen konnte ich nur, dass die Ausfahrt aus der Tiefgarage sehr schlecht einzusehen war.

Und tatsächlich, langsam aber unaufhaltsam kam eine lange Motorhaube heraus. Als ich dann den Fahrer sehen konnte, hatte er noch genug Zeit, anzuhalten und mich vorbei zu lassen. Er tat es aber nicht. Er hatte, im wahrsten Sinne des Wortes, keinen Blick für irgendetwas anderes übrig als für sein Smartphone, das er in der linken Hand vor sich hielt. Vielleicht war es die spannendste Stelle eines Krimis, die er nicht verpassen wollte. Ich war stehen geblieben und staunte nur.

Erst als er komplett draußen war und die Schnauze seines SUV die Pflasterung erreichte, auf der mit motorisiertem Verkehr zu rechnen war, hob der Mann langsam seinen Blick und stellte fest, dass vor ihm alles frei war. Wahrscheinlich hatte er mich auf meinem Fahrrad überhaupt nicht bemerkt.

Einen Kinderwagen oder einen Rollstuhl hätte er ebenso wenig wahrgenommen wie mich, der ich immerhin daran gewöhnt bin, weitschauend auf alles zu achten. Durch solche Gedanken aufgewühlt und noch viel aufmerksamer setzte ich meine Fahrt fort.

Nun ist es nicht so, dass der Blick auf den Bildschirm statt auf den Verkehr ein Privileg derjenigen ist, die die hinter einer Windschutzscheibe sitzen. Am Fahrradlenker geht das auch. Neulich begegnete mir auf dem Alleenring eine Geister-Radlerin, die ihr Smartphone fest im Visier hatte, während sie mit dem Daumen eine Botschaft darauf eintippte. An dieser Stelle verlaufen Rad- und Gehweg direkt nebeneinander, die Fahrbahnen für den motorisierten Verkehr und auch die Verkehrsflächen für Fahrrad- und Fußgängerverkehr in der Gegenrichtung, sind ein Stück weit weg neben einem Grünstreifen. Es waren wohl die Poller an einer der zahlreichen Einfahrten, die für die Radfahrerin ein Anlass waren, doch einmal nach vorne zu schauen. So bemerkte sie mich, der es sehr eilig hatte. Sie wich auf den Fußweg aus und ich verlor sie aus den Augen. Wie sie über die nächste Kreuzung gekommen ist, weiß ich nicht.

"Passen Sie auf, es sind viele Tiefflieger unterwegs", warnt mich mein Nachbar immer wieder. Er ist alt genug, die realen Gefahren aus der Luft noch miterlebt zu haben. Und er ist erfahren genug, die heutige Lage zu ebener Erde richtig einzuschätzen, wenn er sich mit seiner Vespa ins Verkehrsgewühl begibt, wo er wahrscheinlich genauso leicht übersehen wird wie ich auf meinem Fahrrad.

Wer ehrlich ist, erinnert sich daran, selbst schon Fahrfehler begangen zu haben, und ein wenig Glück im Leben kann auch nicht schaden. Weil man sich auf dieses Glück aber nicht immer verlassen kann, gibt es einen guten Rat, den man nicht vergessen sollte: Augen auf!

Ingolf Biehusen