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Bild zum Artikel Peter Sauer

Tun wir uns was Gutes! Machen wir uns und
anderen das Leben leichter!

Fahren wir doch einfach alle vernünftig, auch
auf dem Fahrrad!

Normalerweise ist es nicht die vorrangige Aufgabe einer Lobbyorganisation, für eine gute Sache wie das Rad fahren, die eigene Klientel zu irgendetwas zu ermahnen. Schließlich sorgen wir mit dem Rad fahren für lebenswertere Städte, weniger Dreck und Lärm, Klimaschutz, Gesundheit und Fitness und viele andere erstrebenswerte Dinge, und die Welt kann davon nicht genug bekommen.

Alles gut und richtig, aber: es gibt da ein Problem mit uns RadfahrerInnen, zumindest mit einem Teil von uns. Der Autor dieser Zeilen hat sich 2015, nach dem vorletzten Fahrradklimatest (bei dem Frankfurt gar nicht mal schlecht abschnitt), einer mühsamen Detailarbeit unterzogen und alle 900 Freitext-Kommentare der Klimatest-TeilnehmerInnen aus Frankfurt gelesen und sortiert. Wohlgemerkt, es waren Kommentare von Menschen, die täglich oder zumindest häufig Rad fahren, nicht von notorischen Fahrrad-Verweigerern. Was da teilweise geäußert wurde und vor allem in welcher Häufung, war schockierend!

Gut ein Viertel aller Freitext-Kommentare dieser RadfahrerInnen waren negative Äußerungen über ihre eigenen ArtgenossInnen! Die emotionale Bandbreite reichte von Unverständnis über Verärgerung bis zu nackter Angst! Kaum zu glauben, dass es auf dem Fahrrad überhaupt möglich ist, so viele andere RadfahrerInnen derartig zu verunsichern oder zu verärgern. Wie muss das dann bei noch schwächeren und verletzlicheren Verkehrsteilnehmern rüberkommen, wie ältere Menschen zu Fuß oder mit Mobilitätseinschränkung?

Machen wir uns nichts vor: es gibt einige Fehlverhaltensweisen, mit denen so manche RadfahrerInnen ihresgleichen und erst recht FußgängerInnen massiv stören. Dass aggressive AutofahrerInnen ein viel größeres Problem sind, vor allem weil sie noch zwei Tonnen Blech um sich herum haben und viel schneller unterwegs sind, ist zwar richtig, hilft hier aber nicht weiter. Es gibt Dos und Dont’s, auch jenseits der Straßenverkehrsordnung, die wir alle beachten müssen. In 90 % aller Fahrten ist das der Fall, das wissen wir beim ADFC, das reicht aber nicht!

 

Hier einige dieser Regeln, aus sprachlichen Gründen in der Ich-Form beschrieben

1. Die richtige Grundeinstellung vor der Fahrt

Grundsätzlich muss ich mir bei oder vor jeder Fahrt mit dem Rad die Frage stellen: hat es schlimme Konsequenzen für mich, wenn ich mein Ziel einige Minuten später erreiche als ich es eigentlich beabsichtige? Wenn ich diese Frage mit ja beantworten muss, habe ich schon etwas falsch gemacht – ich bin zu spät gestartet. Radfahren unter echtem Zeitdruck ist nicht nur stressig und unangenehm, sondern gefährlich – für andere und vor allem für mich selbst. Wenn ich die Frage nach den Konsequenzen mit nein beantworten kann – und so sollte es sein –, dann sieht die Welt vor dem Lenker schon ganz anders aus. Ich kann freundlich und rücksichtsvoll sein, ich kann auch mal jemandem einen Fehler verzeihen, ich muss mich selbst nicht durch riskante Manöver gefährden, ich muss nicht alle Regeln der StVO ignorieren. Ich komme entspannt ans Ziel, in den allermeisten Fällen auch in meinem selbstgesetzten Zeitfenster, und genieße damit die Vorteile, die das Radfahren gegenüber anderen Mobilitätsformen bietet. Stress und Tempowettbewerb gibt es genug im Beruf und im Sport, auf dem Rad in der Stadt muss ich mir das nicht auch noch antun.

2. Die richtige Haltung gegenüber Fußgängern

Ich bin ein/e erwachsene/r RadfahrerIn im Vollbesitz meiner Reaktions- und Koordinationsfähigkeit. Dann ist der Bürgersteig für mich No-bike-Area (es sei denn, es ist ausdrücklich per Schild „Gehweg – Radfahren frei“ erlaubt), der ist für FußgängerInnen reserviert! Wenn ich mich außerstande sehe, auf einer radweglosen Straße im Mischverkehr auf der Fahrbahn zu fahren, muss ich mir eine Alternative über ruhigere Straßen suchen. Viele stark vom Radverkehr genutzte Wege an Nidda und Main oder durch Grünanlagen sind keine reinen Radwege, erst recht keine Radschnellwege! Fußgänger haben dort Vorrang, es gibt für sie kein „Rechtsgehgebot“, und sie dürfen dort auch ins Handy quasseln, in Gruppen nebeneinander spazieren gehen oder ihren Hund an der Leine führen. Ich habe nicht das geringste Recht sie deswegen unfreundlich anzublaffen! Rechtzeitig klingeln, um Durchlass bitten, hinterher ein Dankeschön – funktioniert so gut wie immer!

3. Die richtige Sichtbarkeit

Nabendynamos funktionieren heute zuverlässig, und Batterie-LED-Leuchten kosten und wiegen nicht viel. Es gibt also keinen Grund, bei Dunkelheit ohne Licht zu fahren. In der Stadt kommt es in erster Linie auf das Gesehenwerden an, und das kann ich jederzeit mit einfachen Mitteln sichern. Wo wir gerade bei der Beleuchtung sind, es gibt seit einigen Jahren ja auch das gegenteilige Problem der Blendung durch Hochleistungsscheinwerfer. Es ist keine intellektuelle Überforderung für mich, den vorderen Scheinwerfer im richtigen Winkel einzustellen! Ich muss auch nicht ausgerechnet im tiefsten Winter die dunkelsten Klamotten anziehen, als käme ich von einer Beerdigung. Wenn ich die Warnwesten nicht ausstehen kann, nehme ich einen Reflektorgurt, oder ich kaufe eine bunte Jacke mit hellen Farbelementen – als RadfahrerIn darf ich sportiv auftreten!

4. Das richtige Verhältnis zu anderen RadfahrerInnen

Ich bin sportlich und trainiert, unerschrocken und durchsetzungswillig. Wunderbar, so komme ich überall durch, so kann ich mein Tempo hoch halten und schön geradeaus durchziehen. Doch leider sind da ständig diese „Torkelradler“ vor mir, oder sie kommen mir entgegen, und ich muss bremsen, sie von hinten ermahnen („Mach Platz, du Penner“) oder sie von vorne brüllend auf mich aufmerksam machen („ÖÖÖÖIIIIHHH“), damit sie endlich im letzten Moment dann doch ausweichen.

Was gemerkt? So geht’s nicht! Von so etwas kommen die erschreckend vielen Klagen der RadfahrerInnen, auch beim Fahrradklimatest! Im Auto sind wir kräftemäßig homogen, wir müssen nur das Gaspedal betätigen, um die Regelgeschwindigkeit einzuhalten, egal ob wir Daimler fahren oder Daihatsu. Auf dem Fahrrad wie auch zu Fuß sind wir heterogen, es hängt von unserer körperlichen Verfassung ab, wie schnell und wie sicher wir uns bewegen. Jede*r von uns hat aber das Recht, höflich und respektvoll angesprochen zu werden! Niemand hat das Recht, uns zu nötigen oder gar in Gefahr zu bringen!

5. Das richtige Verhältnis zur StVO

Die StVO (wie auch das dahinter stehende Straßenverkehrsgesetz) ist in erster Linie für den Fluss des Autoverkehrs konzipiert, und der ADFC bemüht sich auch sie zugunsten des Radverkehrs zu ändern. Aber zunächst einmal muss ich sie so wie sie ist beachten und befolgen. Das tun aber nicht alle auf dem Rad und ich vielleicht auch nicht in jeder Situation. Fußgänger warten in Frankfurt auch nicht bei jeder roten Ampel, und das regt zu Recht niemanden auf. Trotzdem gibt es zwei verschiedene Arten des flexiblen Umgangs mit Verkehrsregeln. Die eine ist „schuldbewusst – defensiv“ und schützt wenigstens mit einiger Wahrscheinlichkeit vor Unfällen, wenn auch nicht vor Strafe. Die andere geht überhaupt nicht: das ist die Regelverletzung in völliger Selbstverständlichkeit und Sorglosigkeit, als gäbe es die Regeln gar nicht und auch sonst niemanden auf der Straße, den ich gefährden könnte, und, vor allem, der mich gefährden könnte.

Schauen wir ins reale Leben und auf drei häufige Regelverstöße, die leider auch öfters zu schweren Unfällen führen, bei denen so gut wie immer die RadfahrerInnen im Krankenhaus landen – oder auf dem Friedhof:


links: Verstoß Nr. 1: Rote Ampel
mitte: Verstoß Nr. 2: Geisterfahrer
links: Verstoß Nr. 3: Telefonieren
Peter Sauer

Verstoß Nr. 1: Rote Ampel, womöglich bei Nacht und kein Verkehr in Sicht. Am besten, ich habe mir den Spruch eingeprägt „Rotlicht ist schöner als Blaulicht“. Eine Regelung wie im US-Bundesstaat Idaho, wo für den Radverkehr gilt „rote Ampel gleich Vorfahrt beachten“, haben wir hierzulande (noch) nicht. Der ADFC befürwortet kleine Kreisverkehre statt Ampeln – ein gutes Beispiel ist die Kreuzung Vilbeler Straße / Alte Gasse nördlich der Konstablerwache.

Verstoß Nr. 2: „Geisterradeln“ auf dem Radweg gegen die Fahrtrichtung. Vor mir eine breite, mehrspurige Straße: 600 Meter Umweg legal auf der anderen Seite, oder schnell mal „Geisterradeln“ für 200 Meter in falscher Richtung? Aber 200 Meter kann ich zur Not auch mal schieben. Geisterradeln ist extrem gefährlich, AutofahrerInnen aus Einfahrten rechnen nicht mit mir, und auch RadfahrerInnen nicht – erst kürzlich gab es wegen Geisterradelns einen schweren Radler-gegen-Radler-Unfall an der Friedberger Landstraße in Höhe Münzenberger Straße mit zwei Schwerverletzten.

Verstoß Nr. 3: Telefonieren beim Radfahren. Dass ich ständig Autofahrer beim Fahren telefonieren sehe, auch ohne Freisprecheinrichtung, ist keine Rechtfertigung dafür, das selbst auch zu tun. Auf dem Rad habe ich fast immer die Möglichkeit, einfach rechts ranzufahren und zu halten, bevor ich einen Anruf annehme. Das klappt bis zum dritten oder vierten Rufzeichen. Telefonieren über Kabel oder Bluetooth ist zwar erlaubt, aber im Frankfurter Straßenverkehr nicht angemessen, wenn ich die Grundregel beherzigen will „die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert die volle Aufmerksamkeit“.

So viel erhobener Zeigefinger musste mal sein!

Wir wollen jetzt nicht ständig Rücksichtnahme anmahnen, aber gelegentlich müssen wir das schon, gerade vor dem Winter. Als ADFC vertreten wir schließlich nicht nur die gestählten und nervenstarken VielradlerInnen, sondern auch diejenigen, die sich von aggressiver Fahrweise anderer gestört, ja sogar bedroht fühlen. Und auch den „Kampfradlern“ tun wir etwas Gutes, wenn wir sie dazu ermutigen, einmal innezuhalten und nachzudenken: wofür tue ich mir eigentlich diese Heizerei an? Habe ich wirklich was davon? Um wie viel schneller bin ich wirklich damit? Brauche ich dafür den ganzen Ärger mit anderen Leuten und das hohe Risiko für mich selbst? Wäre es nicht gesünder für Körper und Psyche, öfter mal cool zu bleiben? Wir bitten darum!

Bertram Giebeler

Ausgabe 6 (Nov/Dez) / 2019

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