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Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Frankfurt am Main

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Artikel dieser Ausgabe

Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Frankfurt

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Ansgar Hegerfeld

Im Winter mit dem Fahrrad fahren? Aber sicher!

Gegen Kälte auf dem Fahrrad kann man sich mit passender Kleidung sehr gut schützen, im Gegensatz zum teilweise tückischen Schnee und Glatteis auf den Radwegen. Während auf dem Land viele Radfahrende mit Spikes ausgestattete Reifen nutzen, lohnen sich diese in der Stadt wegen der generell eher höheren Temperatur oftmals nicht. Hier kommt der Winterdienst ins Spiel.

Deutsche Städte investieren viel Geld in diesem Bereich, wobei sie sich aber oftmals primär um den Autoverkehr kümmern. Rad- und Fußverkehr haben vielerorts das Nachsehen, dabei würden viele Menschen auch gerne ganzjährig zu Fuß und mit dem Rad sicher ihre Ziele erreichen. Das zeigen auch der winterliche Kinderfahrradbus auf Seite 7 und die Ergebnisse des ADFC-Fahrradklima-Tests, in dem z. B. Frankfurt im Jahr 2020 die Schulnote 4,1 für den Winterdienst bekam. Auch eine Umfrage des ADAC (1) kam zu dem Ergebnis, dass die „Sturzgefahr wegen Glätte und Rollsplit“ als Hauptproblem im Winter angesehen wird und weniger die restliche Witterung oder Temperatur.

Klassischerweise werden Radwege, wenn überhaupt, oft erst deutlich nach den Fahrbahnen geräumt. Logische Gründe für diese ungleiche Behandlung gibt es nicht, allein der politische Wille fehlt(e). In Frankfurt tut sich aber etwas: die FES als Dienstleister der Stadt Frankfurt hat seit dem Winter 2021/2022 fünf neue Spezial-Streufahrzeuge im Einsatz, mit denen sie sich um über 150 km Radwege (2) kümmern. Hierbei wird zu den gleichen Uhrzeiten wie bei den Fahrbahnen gearbeitet, was ein richtiger und wichtiger Schritt in Richtung Gleichbehandlung ist. Wir sind gespannt, wie sich diese Neuerung in den Ergebnissen des nächsten ADFC Fahrradklima-Tests niederschlagen wird, dessen Ergebnisse im Frühjahr 2022 veröffentlicht werden. Von einem flächendeckenden Winterdienst kann bisher jedenfalls noch nicht gesprochen werden.

Miniaturbild anklicken zum Vergrößern:

Was man noch alles machen kann, zeigen andere Orte mit deutlich mehr Schnee. Die finnische Stadt Oulu gilt weltweit als Vorbild in Sachen Radinfrastruktur und Winterdienst. Auch wenn ich im letzten Sommer in Oulu war und daher „nur“ in den Genuss der nicht beschneiten hervorragenden Radwege kam, gab es einiges zu lernen: Radwege werden dort beispielsweise nicht komplett waagerecht, sondern mit einem leichten Gefälle zu einer Seite hin gebaut. So kann Tauwasser abfließen und es bilden sich keine Pfützen, die wieder gefrieren. Neben den Radwegen werden großzügige Böschungen angelegt. Dorthin werden die für uns kaum vorstellbaren Schneemassen von den Wegen geschoben, wo sie in Ruhe auftauen können.

Bei Glättegefahr wird, wie in einigen deutschen Orten auch, Split oder Sand gestreut. Aber natürlich nicht der teilweise bei uns eingesetzte scharfkantige, der uns Radfahrende durch beschädigte Reifen von der Fahrt abhält! Es wird darauf geachtet, dass es die reifenschonende Variante ist. So etwas ist auf dem Markt verfügbar, man muss es „nur“ kennen und auch kaufen. Das bei uns häufig eingesetzte Salz wird dort nicht verwendet.

Ab einer gewissen Schneemenge wird der Schnee bis auf eine minimale Resthöhe zur Seite geschoben und die Fahrbahn wird nicht mehr gestreut. Auf dieser dünnen, festen und dank der niedrigen Temperaturen dauerhaften Schneeschicht fährt es sich auch gut und die externen Winterdienst-Firmen haben klare Vorgaben für die Qualität. Machen sie ihren Job sehr gut, bekommen sie Bonuszahlungen. Bei mehrfachen Mängeln gibt es dagegen Vertragsstrafen. Hierfür wird z. B. Feedback der Radfahrenden eingeholt, aber auch die Dienstleister selbst müssen die Radwege befahren – natürlich auf zwei Rädern! Nebenbei kann man auch auf einer Online-Karte in Echtzeit sehen, wann genau welcher Radweg zuletzt geräumt wurde.

Auf so gut bearbeiteten Wegen fahren auch viele Kinder im Winter zur Schule, obwohl Oulu eine sehr weitläufige Großstadt mit der etwa 15-fachen Fläche von Frankfurt bei gerade einmal 200.000 Menschen ist. Viele Wohnviertel sind dabei aber so angelegt, dass man mit dem Fahrrad oft die kürzeste Strecke hat und damit in sehr vielen Fällen deutlich schneller am Ziel ist als mit dem Auto. Das ist ein Grund, wieso Elterntaxis dort keine so große Rolle wie bei uns spielen. Da die Stadtviertel dort inzwischen von Anfang an so geplant werden, bleibt nebenbei auch der bei uns bekannte große Aufschrei wegen der vermeintlichen Auto-Umwege bei Änderungen an der Verkehrsführung aus.

Wer Fahrradstadt sein möchte, muss ganzjährig sicheren Radverkehr ermöglichen und hierfür ist ein priorisierter Winterdienst für Fuß- und Radverkehr zwingend erforderlich. Die Technik dafür ist verfügbar, es braucht nur den politischen Willen zum Brechen mit alten – autogerechten – Gewohnheiten. Problematisch sind auch hier die Lücken im Winterdienst-Netz: wie schon bei Radwegen reicht eine einzige Lücke aus, damit sich insbesondere unsichere Menschen gar nicht erst aufs Fahrrad trauen. Hier hat Frankfurt noch Potential zur Verbesserung!

Ansgar Hegerfeld

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit Pekka Tahkola, der in Oulu als Vizepräsident der Winter Cycling Federation und als Berater für das Wohlbefinden der Menschen in der Stadt tätig ist. Er hat dem Autor dankenswerterweise (im Sommer) eine ausführliche Stadtführung angeboten und die Winterbilder aus Oulu zur Verfügung gestellt.

(1) http://adfc-ffm.de/=YDsw

(2) http://adfc-ffm.de/=Xiu9