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Bild zum Artikel Der Agraringenieur Peter Hünner ist seit 1990 beim Wetteraukreis beschäftigt, zunächst 24 Jahre lang in der Naturschutzbehörde. 2014 wechselte er in den Bereich Verkehrsinfrastruktur, um dort die damals vakante Radverkehrsstelle zu besetzen. Zu Beginn standen der Weiterbau und die Fertigstellung des Deutschen Limesradwegs im Fokus sowie die Entwicklung der Idee der Kurzen Wetterau.
Torsten Willner

Stück für Stück die Kurze Wetterau entwickeln

Interview mit Radverkehrskoordinator Peter Hünner vom Wetteraukreis

Eine durchgängig vier Meter breite und kreuzungsfreie „Fahrrad-Autobahn“ zwischen Bad Vilbel und Butzbach war hier nicht unbedingt das Ziel: Schnell und unkompliziert sollte die „Kurze Wetterau“ dagegen die Hälfte der Bevölkerung im Wetteraukreis an eine alltagstaugliche Fahrradachse von Kommune zu Kommune anbinden. Was hat sich fünf Jahre nach dem ersten Routenvorschlag in der Realität getan? Frankfurt aktuell hat nachgefragt bei Peter Hünner, der bei der Fachstelle Strukturförderung des Wetteraukreises für den Radverkehr zuständig ist. Das Gespräch führten Ute Gräber-Seißinger und Paul van de Wiel, Torsten Willner hat es dokumentiert.

Frankfurt aktuell: Herr Hünner, wie entstand eigentlich die Idee zur Kurzen Wetterau?

Die Initiative kam vom früheren Bad Vilbeler Stadtrat Jörg Frank und dem damaligen Landrat Joachim Arnold. Die Inspiration dazu lieferte der Radschnellweg RS1 im Ruhrgebiet. Beide hatten unabhängig voneinander die Idee, ob man so etwas nicht auch im Wetteraukreis probieren könnte.

Wir von der Fachabteilung hatten allerdings schon früh gesagt: Die geforderten Kriterien wie vier Meter Ausbaubreite, Entmischung von Rad- und Fußverkehr, querungsfreie Kreuzungen und so weiter lassen sich hier nur ganz schwer realisieren. Ein Radschnellweg kann nicht aus dem Nichts heraus entstehen. So etwas kann sich nur langsam von unten entwickeln – Stückchen für Stückchen. Landrat Arnold hat daraufhin die ganzen Kommunen angesprochen, die an der gedachten Strecke von Bad Vilbel bis Butzbach liegen. Weil in den sieben Anliegergemeinden ungefähr die Hälfte der gesamten Bevölkerung des Wetteraukreises wohnt, liegt hier das größte Potenzial einer Route für den Alltagsradverkehr, die möglichst auch die Zentren miteinander verbindet.

Kommunalpolitischer Hintergrund

Die Idee zur Kurzen Wetterau entstand in der Amtszeit (2008-2018) von Landrat Joachim Arnold (SPD). Auch sein Nachfolger Jan Weckler (CDU) will die Kurze Wetterau bald realisiert sehen. Einen Wechsel im Bürgermeisteramt gab es in Bad Nauheim im September 2017, als der parteilose Klaus Kreß den Christdemokraten Armin Häuser ablöste. In Friedberg löste in dieser Zeit Dirk Antkowiak (CDU) den Sozialdemokraten Michael Keller als Bürgermeister ab. Jörg Frank war bis 2016 hauptamtlicher Erster Stadtrat in Bad Vilbel.


Wie sind Sie bei der Entwicklung der Linienführung vorangegangen?

In einem ersten Schritt ging es, auch aus Kostengründen, darum, sich auf das bestehende und beschilderte Radwegenetz zu konzentrieren. Also haben wir für jeden Bereich einen bestimmten Linienvorschlag gemacht und den Kommunen vorgestellt. Die einzelnen Gemeinden hatten aus den verschiedensten Gründen dann Vorschläge und Wünsche für alternative Streckenführungen geäußert. Diese Ideen haben wir in einer Karte verzeichnet, um zu prüfen, was davon umgesetzt werden kann. So ist aus der ersten Idee der Kurzen Wetterau eine mit den sieben Anliegerkommunen abgestimmte Linienführung geworden, die allerdings nicht unbedingt übermäßig direkt war.

Das war aber nicht das letzte Wort?

Nein, dann haben wir angefangen, das zu entflechten. Fachlich war es ja auch sinnvoller, den Radverkehr über die Hauptverkehrsstraßen zu führen. In der Praxis waren dabei aber Kompromisse zu schließen, etwa in Bad Nauheim in Form von unterbrochenen Radschutzstreifen an den Kreuzungsbereichen, weil keine Parkplätze wegfallen sollten. Andere Entwicklungen wie der Bau von Ortsumgehungen, zum Beispiel Wöllstadt-Ilbenstadt, kamen uns sehr zupass, weil dadurch begleitende asphaltierte Wirtschaftswege entstanden sind, die wir für deutliche Streckenverkürzungen nutzen konnten. Ein anderes Beispiel ist der Rückbau der alten B3 zwischen Ober-Wöllstadt und Friedberg zu einer Kreisstraße, die verschmälert wurde und so Platz für einen begleitenden Radweg bot, der inzwischen auch gebaut ist. So sind nach und nach Streckenverkürzungen entstanden, an denen wir kontinuierlich weiterarbeiten. Zur Zeit betrifft das die von Hessen Mobil geplante Radwegverbindung von Okarben nach Nieder-Wöllstadt. Da werden wir die ganze Schleife, die die Kurze Wetterau momentan am Niddaradweg entlangführt, durch eine viel direktere Verbindung entlang der Bahnlinie und der neuen B3-Trasse ersetzen. Und so versuchen wir, die Kurze Wetterau nach und nach zu entwickeln.

Wie halten Sie die Beschilderung bei solchen Streckenveränderungen denn aktuell?

Bei der Netzneubeschilderung, die gerade geplant wird, werden wir die Kurze Wetterau nur durch ein Logo beschildern lassen. Das soll zukünftig wie ein Baukastensystem funktionieren: Wenn sich künftig durch ein Projekt wieder eine Streckenverkürzung ergibt, dass man einfach die Logo-Beschilderung umhängt auf die neue verkürzte Trasse.

Welche Vorstellungen gibt es, wie man von Bad Vilbel nach Frankfurt kommt?

Das Manko an der Kurzen Wetterau war unseres Erachtens von Anfang an, dass da die Stadt Frankfurt nicht mit im Boot war. Zudem gab es unterschiedliche Auffassungen zwischen dem Kreis und der Stadt Bad Vilbel über die Weiterführung in die Stadt Frankfurt hinein. Daher einigte man sich darauf, dass Bad Vilbel erst einmal der Endpunkt der Kurzen Wetterau bleiben sollte.

Foto: Torsten Willner

An diesem Punkt ist der Regionalverband mit seinen inzwischen neun Radschnellweg-Projekten ins Spiel gekommen. Eines davon ist der FRM6 durch die Wetterau. Im Zuge dieses Projekts sprach sich der Kreis jetzt unter Landrat Jan Weckler und dem zuständigen Dezernenten Matthias Walther dafür aus, die Hälfte der nicht förderfähigen Kosten für die Machbarkeitsstudie zu tragen. Glücklicherweise ist hier die Stadt Frankfurt von Beginn an beteiligt, um zu sagen, wo es dann in Frankfurt lang gehen soll.

Wie verhalten sich die Projekte Kurze Wetterau und FRM6 zueinander?

In der Machbarkeitsstudie für den FRM6 geht es um die Trassenführung einer Raddirektverbindung. Dieses Potenzial für den Radverkehr zwischen Bad Nauheim und Frankfurt, hat die Korridoranalyse ermittelt. Die Machbarkeitsstudie wird natürlich auch die bisherige Streckenführung der Kurzen Wetterau mit einbeziehen sowie die Alternativen, die zur Kurzen Wetterau schon geprüft wurden und in unserem Radverkehrsplan enthalten sind. Das beauftragte Büro soll auch untersuchen, welche Möglichkeiten bestehen, die Raddirektverbindung gemeinsam mit dem viergleisigen Ausbau der Main-Weser-Bahn zu realisieren, wie es der ADFC vor einigen Jahren vorgeschlagen hat (vgl. FFA 2019_2, S.16-17). Allerdings stellt sich hier die Frage: Wer soll die Mehrkosten bezahlen, wenn Brücken nun vier oder fünf Meter breiter werden müssen? Bei Stada am Niddahang in Dortelweil muss schon jetzt für das dritte und vierte Gleis auf 1,2 Kilometern Länge eine Stützwand gebaut werden – kommt noch ein Radschnellweg daneben, wird diese Wand erheblich größer und teurer. Der Abschnitt zwischen Frankfurt und Bad Vilbel müsste neu geplant werden und ein eigenständiges Baurecht für einen Radschnellweg geschaffen werden, weil hier ja bereits gebaut wird.

Zurück zur Kurzen Wetterau: Welche Stellen sind in der Planung richtig knifflig?

Ganz schwierig ist es mit Kreuzungssituationen. Eines der größten Projektprobleme der Kurzen Wetterau liegt zwischen Friedberg und Bad Nauheim. Die Kommunen wollten erst, dass die Kurze Wetterau über eine große Kreuzung der B 455-Ortsumgehung geführt wird. Die wurde aber bereits in den 90er Jahren geplant, ohne dass man da an den Radverkehr gedacht hatte. Wir haben uns mit Hessen Mobil viele Gedanken gemacht, wie man hier den Radverkehr mit farblich abgesetzten Spuren sicher über die Kreuzung führen könnte. Aber alles ist gescheitert an mehreren Bestimmungen und Einwänden, dass die Leistungsfähigkeit der Kreuzung für die Autos im Berufsverkehr zu sehr gemindert würde. Zu den Kommunen haben wir schließlich gesagt, dass es unverantwortlich ist, den Radverkehr über diesen Knoten fließen zu lassen. Die neuen Bürgermeister waren nun aber so aufgeschlossen zu sagen: Macht uns doch mal einen anderen Vorschlag. Jetzt führen wir den Radweg parallel an der Usa entlang, das sind zwar ein paar Meter mehr, aber ich muss an keiner Ampel halten. Ein anderes Beispiel ist der breit ausgebaute Pappelweg zwischen Karben und Bad Vilbel (vgl. FFA 2021_1, S. 20). Jäger, Naturschützer, Landwirte waren anfangs nicht begeistert über den Ausbau des etwa 800 Meter langen Abschnitts. Schließlich haben sich aber alle zusammengerauft. Die Stadt Bad Vilbel hat die Mehrkosten des überbreiten Wegeausbaus getragen, wir vom Kreis haben uns um die ganzen Genehmigungen und Umweltverträglichkeitsprüfungen gekümmert.

Foto: Torsten Willner

Funktioniert die Arbeitsteilung zwischen Kreis, Kommunen oder auch Hessen Mobil immer so reibungslos?

Alle sind ja ein Stück weit aufeinander angewiesen. Wobei die Kommunen im Detail oft ein etwas anderes Interesse verfolgen, als wir es tun. Zum Beispiel landwirtschaftliche Wege als Radwege auszubauen, um beiden Gruppen etwas zu bieten. Das kann aber auch wieder zu Konflikten führen, weil solche Wege im Herbst ständig von Lehm und Schlamm gereinigt werden müssten, um gut mit dem Rad befahrbar zu sein. Das ist aber unrealistisch.

Hessen Mobil haben wir vertraglich mit verschiedenen Betriebs- und Unterhaltungsarbeiten wie den Winterdienst für unsere Kreisstraßen beauftragt. Das ist gewissermaßen ein symbiotisches Verhältnis: Wir müssten sonst sehr viel mehr Personal haben, umgekehrt profitiert Hessen Mobil so durch eine hohe Auslastung seiner Kapazitäten. So haben wir auch die Radwege-Unterhaltung an Hessen Mobil gegeben. Bis vor fünf, sechs Jahren war die Radwege-Unterhaltung noch gar nicht systematisch geregelt. Das sind wir jetzt aber angegangen. Hessen Mobil pflegt nun die Radwege in unserem Auftrag und stellt uns das auch in Rechnung.

Woran hapert es sonst beim Radwegebau? Ist es also doch das Geld?

Nein, Geld ist nicht direkt das Problem. Das Problem ist die Baurechtserlangung, genauer: Die Grundstücke von den Betroffenen zu bekommen. Durch die niedrigen Zinsen ist inzwischen ein solcher Druck auf Immobilien- und Landbesitz entstanden, dass niemand mehr verkaufen will – in der Annahme das Land wird bald noch mehr wert sein. Wenn Privatpersonen nicht verkaufen wollen, muss das Baurecht durch ein zeitaufwändiges Planfeststellungsverfahren erwirkt werden. Das größte Problem ist also der Grunderwerb aus Privatbesitz.

Herzlichen Dank für das offene und interessante Gespräch!

Weiterführende Informationen

Darstellung der Kurzen Wetterau auf Seite 24-27 im Radverkehrsplan der Wetterau – Kurzlink: adfc-hessen.de/=amMf

Ute Gräber-Seißinger,
Paul van de Wiel

Ausgabe 4 (Jul/Aug) / 2021

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