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Bild zum Artikel So kann sich eine citynahe Stadtteil-Straße auch „anfühlen“: Waldstraße in der Fahrradklimatest-Siegerstadt Karlsruhe, zur Fahrradstraße umgestaltet.
Bertram Giebeler

Attraktiv zu Fuß und per Rad – erfolgreich im Business!

Stadtteilzentren gehören zu einer lebenswerten Großstadt

Am Oeder Weg, der wichtigen Stadtteil-Geschäftsstraße im Nordend, beginnen erfreuliche Entwicklungen! In Umsetzung der Koalitionsvereinbarung mit dem Radentscheid plant die Stadt dort die Realisierung einer „fahrradfreundlichen Nebenstraße“. Problem dabei: so eine marginale Nebenstraße ist der Oeder Weg keineswegs. Im Gegenteil, von der A661 und den nördlichen Stadtteilen wälzt sich im morgendlichen Berufsverkehr pausenlos eine Blechkarawane mit dem Ziel City durch den beidseitig zugeparkten Straßenkanal. Am Nachmittag ist es weniger krass, reicht aber immer noch aus, um die Straße zu Fuß oder per Rad stressig bis gefährlich werden zu lassen.

Die Stadt will nun den Durchgangsverkehr umleiten und die Aufenthaltsqualität erhöhen, unter anderem durch Reduzierung der Dauerparkplätze zugunsten von mehr Außengastronomie und für übersichtlichere Kreuzungen. Es geht also nicht nur um Radverkehr, aber die Radfahrer:innen würden erheblich davon profitieren. Auch für sie ist der Oeder Weg eine sehr wichtige Verbindungsachse. Aber natürlich gibt es auch Widerstände: Anwohner anderer Straßen fürchten Ausweichverkehr, Geschäftsinhaber sehen sich auf Autopendler als Kunden angewiesen. Auf der letzten Sitzung des zuständigen Ortsbeirats 3 wurden die Pläne präsentiert. Die Diskussion verlief sehr gesittet, mit mehr positiven als negativen Statements aus dem Publikum. Da die Diskussion aber genereller Natur ist und überall immer ähnlich verläuft, wollen wir allgemeiner darauf eingehen.

Zu einer lebenswerten Großstadt gehört nicht nur eine vitale City, dazu gehören auch attraktive Stadtteilzentren – je größer die Stadt, umso wichtiger. Stadtteilzentren sprechen vorwiegend eine Zielgruppe aus dem näheren Umfeld an. Das heißt, dass das Stadtteilzentrum für viele zu Fuß oder per Fahrrad am leichtesten und schnellsten erreichbar ist. Logische Konsequenz müsste daher sein, den Weg dorthin, die Mobilität im Stadtteilzentrum selbst und den Aufenthalt so zu gestalten, dass sich dort zu Fuß und per Rad alle wohl fühlen. Es muss auch möglich sein, einfach mal anzuhalten, ohne Todesangst die Straße zu überqueren und jemandem Hallo zu sagen. Nach der Devise: Hier bin ich gern, hier kauf ich ein! Und dann nehme ich auch noch einen Cappuccino!

links: Bisher zu Fuß oder per Rad stressig: zu viel Auto-Verkehr im Oeder Weg. Hier will die Stadt den Durchgangsverkehr umleiten und die Aufenthaltsqualität erhöhen.
Peter Sauer
mitte: Ein Fall für kampferprobte Radfahrer:innen – aber auch nur für die! Die Schweizer Straße muss dringend komplett neu gestaltet und verkehrsmäßig umorganisiert werden!
Foto-AG ADFC Frankfurt
rechts: Alt Schwanheim: ganz gut gemacht – parkende Autos nur auf einer Seite, Bürgersteig und Fahrbahn in Niveau und Pflasterung angenähert. Tempo 30, Radfahren in Gegenrichtung freigegeben.
Bertram Giebeler

Im Unterschied zu Shopping-Centern wie dem Hessen-Center bestehen gewachsene Stadtteilzentren zumeist aus einer Straße oder einem Straßenabschnitt, vielleicht noch erweitert in Nebenstraßen. In der Regel findet „ganz normaler“ Straßenverkehr statt. Autos, Fahrräder, Fußgänger:innen (auch mit Kinderwagen oder Rollator), Lieferwagen, Busse, eventuell auch die Straßenbahn – alles bewegt sich dort und hält dort auch an. Es muss einen verträglichen Mix verschiedenster Straßenraumnutzungen geben. Vorrangig muss eine hohe Aufenthaltsqualität sowie Sicherheit und stressfreie Bewegungsfreiheit langsamer und ungeschützter Menschen erreicht werden. Drei Phänomene stören dabei massiv und müssen aus einer Stadtteil-Zentrumsstraße ferngehalten werden:

  • schnell fahrende Fahrzeuge – in so einem Umfeld ist alles über 30 km/h definitiv zu schnell. Das gilt übrigens auch für Fahrräder! Es sollte dabei völlig egal sein, ob die Straße eine „Grundnetzstraße“ ist oder nicht.
  • Durchgangsverkehr von KFZ-Lenker:innen, die eigentlich gar nicht dorthin wollen und in aller Regel auch gar nicht vorhaben, einen Shopping-Zwischenstopp einzulegen
  • Dauerparker – die nützen den Geschäftsleuten nichts, sie blockieren nur die knappen Parkplätze für Kunden und Lieferanten

Stadtteilzentren – einmal rund um den Stadtplan

Gehen wir einmal alle relevanten Stadtteil-Geschäftsstraßen Frankfurts nach den oben genannten Qualitätskriterien durch – beginnend im Oeder Weg und weiter im Uhrzeigersinn auf dem Stadtplan, von innen nach außen.

Innere Stadtteile

Oeder Weg, westliches Nordend – siehe oben: wenigstens Tempo 30, aber massiver Durchgangsverkehr und geparktes Blech wo es nur irgend geht – immerhin ein paar ganz neue Fahrrad-Bügelgruppen.

Glauburgstraße, zentrales Nordend: zwischen Stalburg-Theater und Glauburgplatz hätte sie durchaus Potential. Per Rad unangenehm, da sehr eng wegen der Straßenbahnschienen (die müssen nun mal sein) und der Querparker (das ginge anders).

Berger Straße, östliches Nordend / Ostend / Bornheim: unterschiedliches Szenario abschnittsweise. Gut: Durchgangsverkehr ist weitgehend draußen. Im unteren Bereich zu viel stehendes Blech, dadurch arg eng für Fußgänger und Gastronomie – und viele Auto-Poser, die ihren Boliden aufröhren lassen.

Elisabethenstraße / Darmstädter Landstraße, Bereich Lokalbahnhof, östliches Sachsenhausen: erstickt jeden Werktag im Dauerstau vor dem Wendelsplatz

Schweizer Straße, westliches Sachsenhausen: für Fußgänger zu eng, für Radfahrer richtig gefährlich, eingezwängt zwischen Straßenbahnschienen und parkenden Autos. Immer noch Tempo 50 – warum eigentlich? Die Stadt will einen Planungswettbewerb zur Umgestaltung initiieren – das wird höchste Zeit!

Bruchfeldstraße, Niederrad: breite Straße, Straßenbahn in der Mitte, Parken rechts und links, Fußgänger und Radfahrer sind Restgrößen – unattraktiv, 60er Jahre Standard.

Mainzer Landstraße zwischen Schwalbacher und Rebstöcker Straße, Gallusviertel: wenigstens breite Bürgersteige und ein neues Stück Radweg vor dem Aldi. Ansonsten eine hektische Verkehrsschneise, mit Straßenbahn und Schwerverkehr.

Europaallee östlicher Teil, Europaviertel. Hierzu lässt sich erst etwas sagen, wenn alle Baustellen fertig sind. Kommerzieller Kern bleibt wahrscheinlich das Shopping-Center Skyline-Plaza.

Leipziger Straße, Bockenheim: Kein Durchgangsverkehr, aber sehr enge Einbahnstraße mit Parkplätzen auf einer Seite (muss das sein?). Die Idee eines autofreien Platzes in der Mitte (zwischen Weingarten und Kurfürstenstraße) wurde leider schon einmal abgelehnt.

Grüneburgweg, Westend: interessanter Laden- und Gastro-Mix, kaum Durchgangsverkehr, aber trotzdem: aller Platz dem Auto! Auch da gibt es ein Veränderungskonzept aus Radentscheid-Kreisen, das mit der Stadt diskutiert wird.

Äußere Stadtteile

Eschersheimer Landstraße in den Bereichen Am Dornbusch und Lindenbaum, Dornbusch / Eschersheim: komplizierter Fall, solange die U-Bahn-Trasse alles zerschneidet. Die Umgestaltung des nördlichen Teils 2015-16 brachte immerhin den Fahrrad-Schutzstreifen und etwas mehr Gehweg.

Homburger Landstraße / Gravensteiner Platz, Preungesheim: Die zwei Kreuzungen der Homburger mit Ronneburg- und Weilbrunnstraße sind andeutungsweise so etwas wie Preungesheims Stadtteilzentrum. Reicht gerade zum Brötchenholen. Der nahegelegene Gravensteiner Platz wirkt ansprechender: kein Durchgangsverkehr, Straßenbahn-Endhaltestelle mit Fahrradabstellanlage, kleiner Wochenmarkt.

Wilhelmshöher Straße zwischen Hofgartenstraße und Leonhardsgasse, Seckbach: ohnehin nur minimale Zentrumseigenschaft, aber Vollkatastrophe in Sachen Durchgangsverkehr. Die Seckbacher leiden massiv darunter und protestieren auch.

Marktstraße, Bergen: weniger Parkplätze, und aus dem Bereich östlich des alten Rathauses ließe sich ein attraktives Ensemble machen!

Alt Fechenheim, Fechenheim: nicht schlecht gestaltet – Parken nur auf einer Seite, Bürgersteige und Fahrbahn im Niveau angenähert.

Schäfflestraße, Riederwald: kein Durchgangsverkehr und gestalterisch gelungen, aber kein einziges Geschäft mehr – alles geht ins nahegelegene Hessen-Center.

Offenbacher Landstraße, Oberrad, von Buchrainplatz bis Speckgasse: massiver Durchgangsverkehr mit Tempo 40 (wieso nicht 30?), extreme Enge wegen Straßenbahn und Parkplätzen, enge Gehwege zu Fuß unkomfortabel.

Alt Schwanheim, Schwanheim: nicht schlecht gemacht: Parkplätze zumindest streckenweise nur auf einer Seite, Niveauannäherung von Gehweg und gepflasterter Fahrbahn, interessanter Geschäfts- und Gastro-Mix.

Königsteiner Straße, Höchst: Fußgängerzone, Radverkehr Schritttempo. Kämpft verzweifelt gegen das übermächtige nahegelegene Main-Taunus-Zentrum.

Alt Nied, Nied: sehr kleines Stadtteilzentrum, erst kürzlich verkehrsmäßig etwas umreguliert und städtebaulich aufgewertet – hoffenlich bewirkt es etwas

Alte Falterstraße, Griesheim: Einbahnstraße, Tempo 30, aber null Gestaltung und Aufenthaltsqualität; Parkplätze beidseitig, keine Niveauangleichung Bürgersteig-Fahrbahn, Radfahren in Gegenrichtung nicht freigegeben.

Alt Sossenheim / Westerbachstraße, Sossenheim: ähnlich wie auf der Wilhelmshöher Straße in Seckbach enormer Durchgangsverkehr, zu Fuß und per Rad ist man eingezwängt, trotz Tempo 30 sehr stressig. Aufenthaltsqualität und Gestaltung Null.

Radilostraße / Thudichumstraße / Lorscher Straße, Rödelheim: Rödelheims Zentrum ist eher eine Straßenkreuzung, die aber leider ganztägig im Autoverkehr erstickt.

Ginnheim, Hausen, Praunheim, Nordweststadt, Niederursel und Heddernheim brauchen keine Stadtteilzentren mehr – es gibt schließlich das Nordwestzentrum! Das ist immerhin ÖPNV-technisch sehr gut angebunden. Nur mit Fahrradstellplätzen hapert es nach wie vor, und der Radweg am Erich-Ollenhauer-Ring ist ein schlechter Witz – aber der Ortsbeirat 8 beschließt ständig, dass das alles so in Ordnung sei.

Riedberg-Zentrum, Riedberg: Problemlose Anbindung an den ÖV mit zwei Stadtbahnlinien – aber ein Ärgernis für Radfahrer:innen: der rot eingefärbte Radstreifen an der Altenhöferallee wird permanent illegal zugeparkt – trotz Tiefgarage unter dem Zentrum.

Homburger Landstraße, Bonames-Mitte: hier wälzt sich permanenter Durchgangsverkehr hindurch – nicht nur unangenehm, sondern schon gefährlich. Ein Stadtteilzentrum entwickelt sich so niemals. Der OBR 10 fordert schon seit Jahren Abhilfe.

In „dörflichen“ Stadtteile an der Peripherie wie Sindlingen und Zeilsheim im Westen sowie Kalbach, Berkersheim, Harheim, Nieder-Eschbach und Nieder-Erlenbach im Norden gibt es, auch aufgrund der niedrigen Einwohnerzahl, keine Stadtteilzentren. Allenfalls in den historischen Dorfkernen besteht ein Mini-Cluster aus Gasthof, Bäckerei/Metzgerei, kleiner Lebensmittelladen und Kiosk. Berkersheim, Harheim und Nieder-Erlenbach können immerhin den Durchgangsverkehr aus dem Dorfkern heraushalten.

Frankfurt braucht viele „urbane Wellnessbereiche“ in Wohnungsnähe!

Wenn die Corona-Lockdowns Geschichte sind, wird Amazon-Chef Jeff Bezos noch mal zig Milliarden Dollar reicher sein, das steht fest – ob es einem gefällt oder nicht. Also in Zukunft alles nur noch aus dem Paket-Lieferwagen? Bitte nicht! Die lokalen Geschäftszentren brauchen mehr Aufmerksamkeit. Vielen sieht man an, dass seit 60 Jahren sich niemand mehr um ihre Gestaltung Gedanken gemacht hat. Das ist ein bundesweites Phänomen, und in manchen weniger wohlhabenden Städten nimmt die Verlotterung von Sub-City-Zentren schon slumartige Züge an.

Da helfen nicht viele große Parkplätze. Da muss für diejenigen ein angenehmes Umfeld geschaffen werden, die es als Vorteil begreifen, in der Nähe einkaufen und einkehren zu können. Das tun sie problemlos zu Fuß oder mit dem Rad, denn mit dem Auto kann jede:r auch gleich nach Unterliederbach ins MTZ fahren. Deshalb ist es wichtig, die Prioritäten richtig zu setzen. Ein neu gestalteter Oeder Weg, nach wie vor autogängig aber ohne Durchgangsverkehr, mit mehr Platz zum Verweilen und Flanieren zu Fuß und per Rad, und das real und gefühlt sicher und stressfrei – das gibt ein Signal in die richtige Richtung!

Bertram Giebeler

Ausgabe 1 (Jan/Feb) / 2021

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